Stand: 04.05.2019 16:04 Uhr

Pony "Fridolin" bringt Altenheim in Schwung

von Hannah Böhme

Mit einem leichten Ruckeln kommt im AWO Servicehaus in Norderstedt der Fahrstuhl auf der dritten Etage an. Im Gemeinschaftsraum gegenüber warten rund 15 Senioren gespannt auf den besonderen Besuch. Die grüne Metalltür des Aufzugs schiebt sich zur Seite und über die Schwelle tritt "Fridolin", ein hellbraunes, 13 Jahre altes Shetland-Pony, begleitet von seiner Besitzerin Angelika Magnussen.  "Der Fahrstuhl hier ist immer eine Herausforderung, der ist sehr eng", erklärt die 55-Jährige und schaut auf die grüne Tür, die sich wieder schließt. Aber "Fridolin" ist ein Profi. "Er ist ein besonderes Pony, er hat vor fast nichts Angst", sagt Magnussen. "Das prädestiniert ihn für diese Arbeit." Damit meint sie ihre seit zwei Jahren fast täglichen Besuche in Altenheimen rund um ihren Wohnort Hohenfelde (Kreis Steinburg). "Wir wollen Glück verbreiten". Sie leitet ihren Hengst vom Fahrstuhl über den Flur in den Gemeinschaftsraum zu den wartenden Senioren. Seine Hufe klingen auf dem PVC-Boden wie Absatzschuhe.

Fridolin: Ein Pony tourt durch Seniorenheime

Erinnerungen werden wach

Das mit dem Glück gelingt. Ein erstes Lachen schallt durch den Raum, als eine ältere Frau mit Brille das Pony sieht. Während "Fridolin" und seine Besitzerin geduldig durch den Raum wandern, darf jeder, der möchte, das weiche Fell des Ponys berühren und ihn streicheln. "Er hört zu", stellt Waltraud Mausolf fest. Vor der 92-Jährigen macht "Fridolin" eine lange Pause. Sie ist auf einem Bauernhof groß geworden, hatte selbst Pferde. "Trotz meines Alters weiß ich noch, wie man mit Tieren kommuniziert", sagt sie. "Die mögen das, wenn man sagt: Du bist einer von uns." Auch bei anderen Bewohnern des AWO Servicehauses in Norderstedt weckt "Fridolin" Erinnerungen an früher: Anastasios Sikoudis (83) sitzt in einem Sessel am Fenster. Während er dem besonderen Gast über den Nacken streicht, berichtet er von den sechs Pferden, die seine Familie hatte, als er klein war.

Fridolin genießt die Aufmerksamkeit

Genau um diese Augenblicke geht es Angelika Magnussen. "Das ist für mich eben auch inzwischen eine Herzensangelegenheit. Es gibt immer wieder Momente, die einem wirklich ans Herz gehen." Seit zwei Jahren geht sie mit dem 13 Jahre alten Shetland-Pony in die Altenheime. "Undenkbar mit einem normalen Pony", sagt sie. Viel zu sehr würden der enge Raum, die Möbel und auch die Menschen in Rollstühlen die Tiere irritieren. Dass Fridolin dafür besonders geeignet ist, hatte sie bei einer Projektwoche in der Schule ihres Sohnes festgestellt. Eine Lehrerin fragte sie, ob sie nicht mit einem Pferd in die Schule kommen könne. "Ich dachte sofort an "Fridolin"", erinnert sie sich. "120 Kinder kamen auf ihn zu, streichelten ihn, kein Problem für ihn. Er war wirklich tiefenentspannt." Mittlerweile besucht sie mit ihm nicht nur Altenheime, sondern auch Kindergeburtstage. "Das ist der Ausgleich", erzählt sie. "Da kann er ein normales Pony sein, wenn er geritten wird." "Fridolin" mag die Aufmerksamkeit, die er auch an diesem Tag im AWO Servicehaus bekommt. "Er ist ein Hengst, vielleicht spielt das auch eine Rolle," lacht Angelika Magnussen.

Pony gegen Einsamkeit

Obwohl er schon zwei Mal da war, ist es für AWO-Mitarbeiterin Ella Derwis immer noch toll zu sehen was das Tier wenn es aus dem Fahrstuhl kommt in den alten Menschen auslöst. "Sie raffen sich auf aus dem Alleinsein", berichtet sie. Gerade hat sie Irmgard Deppe, die laut Derwis normalerweise sehr zurückgezogen lebt, in den Gemeinschaftsraum zu Fridolin begleitet. Dort streicht die 80-Jährige ihm nun über das Fell: "Es ist schön, dass man so ein schönes Tier mal wieder sieht. Nicht immer nur so alte Menschen." Sie lacht. "Fridolins" heutiger Besuch ist fast vorbei. "Tschüss Fridolin", ruft Waltraud Mausolf ihm noch zu. Bevor es für ihn und seine Besitzerin allerdings wieder mit dem engen Fahrstuhl nach unten geht, hinterlässt er noch ein "Geschenk". Kein Wunder, er hat eine ganze Menge Möhren und Äpfel gefressen. "Das ist erst das zweite Mal in den letzten zwei Jahren, dass das passiert", erzählt seine Besitzerin und schaut amüsiert auf den Haufen Pferdeäpfel vor dem Fahrstuhl.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 02.05.2019 | 20:12 Uhr

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