Pflegenotstand: Das Geschäft mit der Hoffnung

Stand: 01.06.2021 19:41 Uhr

Pflegeeinrichtungen rekrutieren verstärkt Auszubildende im Ausland. Davon profitieren auch private Vermittlungsagenturen. Den hohen Preis dafür zahlen die Auszubildenden.

von Johannes Tran

Wenn Thanh Thu früher Bus gefahren ist, dann kam sie an weiten Reisfeldern, an bunten Marktständen, an Scharen hupender Mopeds vorbei. Jetzt sitzt sie an einem kühlen Morgen im Bus 594 auf der Fahrt von Quickborn nach Pinneberg. Draußen ziehen Backsteinhäuser vorüber, Vorgärten mit akkurat geschnittenen Hecken, der Rasen eines Golfplatzes. "Reisfelder habe ich hier noch nie gesehen", sagt Thu und schaut aus dem Fenster.

Eine halbe Stunde dauert die Fahrt zu ihrer Ausbildungsstelle, einem ambulanten Pflegedienst in einem Pinneberger Einkaufszentrum. 30 Minuten, in denen Thu manchmal zurückdenkt. An ihr altes Leben in Vietnam, 9.000 Kilometer entfernt. An die Mutter mit ihrem kleinen Lebensmittelgeschäft, und den Vater, einen Gastarbeiter in Australien, der jahrelang Geld gespart hat, um sie nach Deutschland zu schicken. An die beiden kleinen Geschwister, denen sie später ein Studium finanzieren will.

Zu Hause keine Perspektive

Auszubildende Pflegerin Thanh Thu © NDR
Die junge Vietnamesin kämpft sich allein durch in Deutschland. Ihrer Familie zu Hause erzählt Thu nur die guten Dinge.

Noch während ihrer Schulzeit beschließen die Eltern, dass Thu zum Arbeiten ins Ausland gehen soll. Jetzt ist sie 21 und zum ersten Mal weit weg von zu Hause. "In meinem Heimatdorf hätte ich eigentlich nur auf dem Feld arbeiten können", sagt sie. "Sonst gibt’s da keine gute Arbeit."

Von einer Cousine hört Thu, dass Deutschland Pflegekräfte sucht. Das man dann ein Visum bekommt. Und dass Deutschland ein Land ist, in dem der Arbeitsplatz sicher und das Gehalt hoch ist. Nach der Schule zieht sie aus dem Dorf in die Stadt, um einen Deutschkurs zu machen. Es ist der Anfang eines Traums von einem besseren Leben.

Pflegeberufekammer: "Ausbildungszahlen reichen nicht aus"

Hunderte, Tausende junger Menschen träumen diesen Traum. Wie viele von ihnen für eine Pflege-Ausbildung nach Schleswig-Holstein kommen, ist unklar. Das Land erhebe nicht die Staatsbürgerschaft der Auszubildenden, schreibt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Fest steht: Schleswig-Holstein braucht Nachwuchskräfte in der Pflege, so viele und so schnell wie möglich.

In den nächsten zehn bis zwölf Jahren werden 40 Prozent der Pflegefachkräfte in Rente gehen, schätzt die Pflegeberufekammer. Gleichzeitig steigt die Zahl der pflegebedürftigen Menschen im Land. Der Kammer zufolge wird künftig bis zu 30 Prozent mehr Personal in der Langzeitpflege benötigt. Ein Sprecher schreibt: "Die Ausbildungszahlen reichen nicht aus, um den Mangel zu kompensieren."

Rekrutierung über private Vermittlungsagenturen

Die Nachwuchssorgen führen dazu, dass Pflegeeinrichtungen verstärkt Auszubildende aus dem Ausland rekrutieren. "Der Anteil ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen", sagt Mathias Steinbuck, Landesvorsitzender des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Der bpa vertritt nach eigenen Angaben die Interessen von mehr als 600 privaten Pflegeeinrichtungen in Schleswig-Holstein.

Manche von ihnen hätten eigene Programme zur Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte aufgelegt, etwa von den Philippinen oder aus Vietnam, sagt Steinbuck. Andere, vor allem die kleineren Einrichtungen, arbeiteten mit privaten Vermittlungsagenturen zusammen. Wie Recherchen von NDR Schleswig-Holstein zeigen, wirft diese Zusammenarbeit moralische Fragen auf.

10.000 Euro für den Weg nach Deutschland

Ihr Weg nach Deutschland führte auch Thu über eine Agentur. Der Name: Leading International Activation, kurz LIA. 10.000 Euro zahlte ihre Familie in Vietnam an die Agentur. In dem südostasiatischen Land sind das mehrere Jahresgehälter. Im Gegenzug kümmerte sich LIA um alle Formalitäten. Die Agentur half Thu beim Visumsantrag, sie buchte ihr ein Flugticket und organisierte eine Krankenversicherung für die ersten Monate in Deutschland. Sie suchte für Thu eine Wohnung, bezahlte einen Deutschkurs und vermittelte ihr einen Ausbildungsbetrieb und einen Platz in der Pflegeschule.

Vierstellige Gebühren für Agenturen

"Natürlich ist das für meine Familie sehr viel Geld", sagt Thu und fügt an: "Aber anders hätte ich es nicht nach Deutschland geschafft." Diese Verzweiflung bereitet den Nährboden für das Geschäft der Agenturen. Im Gespräch mit NDR Schleswig-Holstein berichten Pflege-Auszubildende aus mehreren Bundesländern, dass sie hohe vierstellige Gebühren an Agenturen zahlten, um eine Ausbildung in Deutschland zu beginnen. Aus eigener Kraft, sagen sie übereinstimmend, hätten sie das nicht geschafft.

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Provisionen in Deutschland gesetzlich verboten

Dabei warnt die deutsche Botschaft in Vietnam ausdrücklich vor privaten Vermittlern. Sie schreibt: "Sowohl zukünftige Pflegefachkräfte als auch deren Arbeitgeber sollten darauf achten, nur Kooperationen einzugehen, die von den Auszubildenden keine Vermittlungsgebühren fordern." Solche Provisionen seien in Deutschland gesetzlich verboten.

Thi Van Anh Ohsieck hat naturgemäß einen anderen Blick auf die Dinge. Sie ist die Chefin von "LIA Beratung und Übersetzung" in Deutschland und stellt dabei unter anderem den Kontakt zwischen den künftigen Auszubildenden aus Vietnam und den Pflegeeinrichtungen her. Sie empfängt das NDR Team zum Interview im vierten Stock eines schmucklosen Bürogebäudes in Hamburg.

Ohsieck sagt, ihre Firma sei keine reine Vermittlungsagentur, sondern biete den Auszubildenden in erster Linie Beratung vor und nach ihrer Ankunft in Deutschland. "Oft begleiten wir sie jahrelang. Wenn man dann die Kosten zusammenrechnet, ist das nichts." Mehr als 300 Nachwuchskräfte für die Pflege hat Ohsieck nach eigenen Angaben schon nach Deutschland vermittelt.

Verband: Wissen nichts von Vermittlungsgebühren

Seit einigen Monaten arbeitet auch der Verband der privaten Pflegeeinrichtungen, bpa, in Schleswig-Holstein mit der Agentur LIA zusammen. Im Februar teilte der bpa mit, 17 Vietnamesen hätten im Rahmen der Kooperation eine Ausbildung an der Pflegeschule in Kaltenkirchen (Kreis Segeberg) begonnen. Das Gemeinschaftsprojekt sei "ein wichtiger Baustein zur Sicherung der pflegerischen Versorgung und des Fachkräftenachwuchses".

Der bpa-Landesvorsitzende Mathias Steinbuck sagt, er wisse nichts von Vermittlungsgebühren zulasten der Auszubildenden. "Das wäre für uns ein Faktor, den wir nicht akzeptieren können." Er will nun prüfen lassen, ob auch im Fall der 17 vietnamesischen Auszubildenden Vermittlungsgebühren fällig wurden. Wenn ja, sagt Steinbuck, werde sein Verband die Kooperation mit LIA beenden.

Chef eines Pflegedienstes: "Für mich ist das Menschenhandel"

Geschäftsführer eines ambulanten Pflegedienstes in Pinneberg Christian Heuer im Interview. © NDR
Christian Heuer vom ambulanten Pflegedienst hat Angst, dass Thu ihre Ausbildung nicht schafft. Der Druck von allen Seiten ist groß.

Diesen Schritt ist Christian Heuer bereits gegangen. Heuer ist Mitgeschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes in Pinneberg, bei dem Thu ihre Ausbildung absolviert. "Ich war fassungslos, als ich von den Gebühren gehört habe", sagt er. "Für mich ist das Menschenhandel." Heuer hat die Zusammenarbeit mit LIA aufgekündigt. Vier weiteren Nachwuchskräften, die eigentlich aus Vietnam über die Agentur kommen sollten, hat er abgesagt.

Wenn man Thu auf die Gebühren anspricht, vermeidet sie das Wort Ausbeutung. Lieber spricht sie von einer "Investition in eine bessere Zukunft". Sobald sie die Pflegeausbildung abgeschlossen hat, möchte sie ihrer Familie die 10.000 Euro von ihrem Gehalt zurückzahlen. "Meine Familie macht mir keinen Druck", sagt sie. "Den Druck mache ich mir selber."

Angst vor dem Scheitern

Ihr Chef Christian Heuer sagt, er habe Angst, dass Thu die Ausbildung nicht schafft. "Es hat mich schockiert, wie wenig Deutsch sie kann." Neben Thu haben noch drei weitere Vietnamesinnen eine Ausbildung bei dem Pflegedienst in Pinneberg begonnen - alle vermittelt über die Agentur LIA.

Heuer hat angekündigt, ihnen einen Deutschkurs aus eigener Tasche zu finanzieren. Er sagt, er habe keine Möglichkeit gehabt, die Auszubildenden vorher persönlich kennenzulernen. "Als das Angebot von LIA kam, mussten wir uns innerhalb weniger Tage entscheiden. Nicht mal ein Skype-Interview war drin." Thi Van Anh Ohsieck, die Chefin von LIA in Deutschland, bestreitet das gegenüber NDR Schleswig-Holstein.

Thu: "Ich will nicht zurückgehen"

Auch Thu kommen manchmal Zweifel, ob sie das alles schafft - die Ausbildung, das Deutschlernen, so weit weg von zu Hause. Dann denkt sie, sie muss sich einfach noch mehr anstrengen. "Ich will nicht zurückgehen, Deutschland ist jetzt meine zweite Heimat." Der Weg zur Pflegerin, sagt sie, sei wie ein Langstreckenlauf. Sie läuft ihn für sich und ihre Familie. Umzukehren kann sie sich nicht leisten.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 12.05.2021 | 19:30 Uhr

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