Stand: 22.02.2018 06:00 Uhr

Pflegeheime: Weder satt noch sauber

von Constantin Gill, Eike Lüthje und Julia Schumacher

Die Zeit, sich über Menschenwürde Gedanken zu machen, hat er erst nach Feierabend. Dann setzt sich K. die Kopfhörer auf und versucht abzuschalten. Aber manchmal hilft das nicht. K., der anonym bleiben will, hat den Personalnotstand in der Pflege, die Qualitätsmängel in der Alloheim-Seniorenwohnanlage in Bredstedt (Kreis Nordfriesland) miterlebt. Nach Recherchen des NDR Schleswig-Holstein gibt es dort massive Probleme. Und Pfleger K. ist es manchmal einfach zu viel.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

So war es auch an dem Tag, als ein verstorbener Heimbewohner ins Gemeinschaftsbadezimmer geschoben wurde - auf Anweisung der Heimleitung. "Es war ein scheiß Gefühl", sagt K. "Du wusstest, du kannst ins Badezimmer nicht rein, weil da gerade ein Toter liegt." Erst nach gut einem Tag sei der Bestatter gekommen und habe den toten Bewohner abgeholt.

Es war für K. vielleicht nicht das schlimmste Erlebnis, und aus Sicht des Trägers notwendig - wegen einer fehlenden Rückmeldung vom Amt. Aber es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. K. entschied sich, die Missstände öffentlich zu machen und wandte sich an den NDR. Er erzählte von allem, was in seinem Pflegealltag schief läuft. Hektik und Personalmangel, veraltete Gebäude - und vor allem: Zu wenig Zeit für die alten Menschen.

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K. berichtet, dass die Bewohner seiner Meinung nach zu wenig zu essen bekommen. "Die Hausleitung in der Seniorenwohnanlage bestellt für die Station grundsätzlich kleine Portionen. Aus finanziellen Gründen", so sein Vorwurf. Vor allem der vergangene Silvesterabend ist ihm im Gedächtnis geblieben. "Es gab Grünkohl mit Kasseler. Für die Station mit 30 Bewohnern gab es lediglich fünf Scheiben Fleisch." Kein Einzelfall, sagt K., und eine Kollegin bestätigt das.

Beide kennen das Pflegeheim in Bredstedt gut. Wenn die Essensportionen zu klein sind, dann habe das zum Beispiel bei Diabetikern möglicherweise schlimme Folgen, etwa wenn ihre Insulin-Dosis auf eine volle Mahlzeit ausgerichtet ist - und ein Bewohner unterzuckert. "Lebensgefährlich" könne das sein, befürchtet K.'s Kollegin. Aber auch auf die anderen Bewohner wirkten sich die kleinen Portionen aus: Sie würden Gewicht verlieren.

Pflege ohne Würde: Mängel bei Alloheim

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Alloheim: "Die Einrichtung in Bredstedt bietet insgesamt sehr gute Pflege."

Das Trägerunternehmen Alloheim aus Düsseldorf dagegen beruft sich auf den Transparenzbericht des MDK und schreibt uns, in der Kategorie, in der auch das Essen bewertet werde, habe das Haus in Bredstedt ein "sehr gut" bekommen. An Silvester war nach Angaben des Unternehmens eine unvollständige Lieferung der Grund für die erwähnte karge Mahlzeit. Die Mitarbeiter hätten dies aber umgehend behoben.

Baumängel und zu wenig Pflegepersonal

An manchen Wänden schimmelt es - laut Alloheim nur in Räumen, die nicht genutzt werden. Die Pfleger haben aber auch Schimmel in einem der Badezimmer des Heimes entdeckt. Und: Bauliche Mängel wirken sich nach ihren Schilderungen auf die Qualität der Versorgung aus, etwa, wenn eine Notklingel nicht vom Bett aus zu erreichen ist (laut Alloheim ein "Versehen in einem Einzelfall") oder ein Handlauf lose ist.

Zu alledem komme noch der Mangel an Personal, erzählt K.. Als Pflegeassistent, also ohne medizinische Ausbildung, sei er manchmal alleine für 20 bis 25 Bewohner zuständig ist. Die bekämen das zu spüren. Sie müssen warten, erzählt K..

Zu weit weg: Die Notklingel ist vom Bett aus nicht zu erreichen.

Warten kann aber nicht jeder. K.'s Kollegin erinnert sich an einen Fall, als sie als einzige examinierte Kraft für zwei Wohnbereiche mit je 40 Bewohnern zuständig war. Während sie sich in der einen Station um einen Bewohner kümmerte, meldete ein Assistent im anderen Wohnbereich einen Notfall. "Dort kam es dann zu einer lebensbedrohliche Lage, bei der auch der Rettungsdienst hinzugezogen werden musste. Weil vorher aber nicht sofort eine Herzdruckmassage gemacht wurde, ist der Bewohner gestorben."

Alloheim weist Vorwürfe zurück

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Es sei kein Bewohner wegen Personalmangels gestorben, sagt Alloheim. Das Unternehmen betont, die Einhaltung des Pflegeschlüssels sei für Alloheim verbindlich. Bei unvorhergesehenen Dienstplanänderungen ziehe man andere Mitarbeiter oder Zeitarbeitskräfte hinzu, so eine Sprecherin.

Alloheim ist die zweitgrößte Pflegeheimkette in Deutschland mit 160 Einrichtungen. Uns schreibt das Unternehmen mit Sitz in Düsseldorf: "Die Einrichtung in Bredstedt bietet insgesamt sehr gute Pflege." Außerdem habe man bereits viel an den Standorten investiert, die man Anfang 2016 übernommen habe.

Probleme auch in Niebüll

Auch 25 Kilometer nördlich von Bredstedt, in Niebüll (Kreis Nordfriesland), gibt es eine Alloheim-Einrichtung. Die Seniorenwohnanlage Niebüll-Gath. Ralf Grossmann hat dort als Pfleger gearbeitet. Auch er berichtet von Personalmangel, schlechter Pflege und Hygienemängeln. "Da waren zum Beispiel Betten, die waren vollgenässt. Die wurden auch nicht bezogen, die waren über drei, vier Tage komplett dreckig", erzählt Grossmann.

Was das für die alten Menschen bedeuten kann, die gepflegt werden sollen, berichtet eine ehemalige Bewohnerin. Fast jeden Tag, sagt sie, musste sie in ihren Exkrementen liegen und warten, bis jemand kommt, auch bei mehrfachem Klingeln. Die Antwort war stets: "Gleich kommt jemand" - daraus wurden in der Regel drei Stunden. Und: "In den vier Monaten, die ich im Pflegeheim Niebüll-Gath verbracht habe, wurde ich insgesamt nur drei Mal - und auch das erst auf mein drängendes und bettelndes Nachfragen hin - geduscht."

Mit dem Essen gab es bei der älteren Dame ebenfalls Probleme. Auch das war, wie sie uns berichtet, offenbar eine Folge des Personalmangels. "Mehrfach habe ich zu den Essenszeiten keine Mahlzeiten und nichts zu Trinken bekommen. Auf Nachfrage wurde mir gesagt, dass ich vergessen wurde."

Auch diese Vorwürfe weist Alloheim zurück.

Bisher keine Schließung, aber Aufnahmestopp in Niebüll

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Ralf Grossmann hat zeitweise in Niebüll gearbeitet. Auch er berichtet von Personalmangel.

Pfleger Ralf Grossmann würde sich rückblickend nur eines wünschen: Dass das Heim in Niebüll-Gath geschlossen wird. Aber dazu ist es bisher nicht gekommen. Dass es Probleme gibt, weiß man aber auch bei der Heimaufsicht beim Kreis Nordfriesland. Ein Sprecher sagt: "Die von Ihnen angesprochenen Heime haben uns in der Tat immer wieder Anlass zu Beanstandungen gegeben - wobei die Einrichtung in Bredstedt deutlich weniger Mängel zeigt als die in Niebüll."

In Niebüll nämlich verhängte die Heimaufsicht im Herbst einen Aufnahmestopp. Der wurde mittlerweile aber wieder gelockert, so dass das Heim inzwischen die meisten seiner Plätze wieder besetzen darf. Alloheim sagt, man sei "zuversichtlich, bald wieder alle vorhandenen Pflegeplätze vergeben zu können."

Pflegenoten sehen ausreichende Qualität

Die Pflegenoten, die Alloheim im Fall Bredstedt als Beleg für gute Qualität anführt, erwähnt das Unternehmen im Zusammenhang mit der Unterkunft in Niebüll nicht. Sie bekommt bei der Teilnote für die Pflegequalität nur ein "ausreichend". Das ist verglichen mit den anderen Einrichtungen eine extrem schlechte Note: Die meisten bekommen ein "sehr gut". Aus genau diesem Grund stehen die Pflegenoten, die der Medizinische Dienst der Krankenkassen vergibt, seit Jahren in der Kritik. Der MDK Nord selbst hat schon vor Jahren die Vorgaben der Bundespolitik für die Prüfberichte kritisiert.

Pfleger K. meint, bei Kontrollen werde ja nur ein kleiner Ausschnitt des Pflegealltags kontrolliert. Und Menschenwürde lässt sich eben ohnehin schlecht mit Noten bewerten - findet Pfleger K.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 22.02.2018 | 06:00 Uhr

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