Stand: 09.09.2019 05:00 Uhr

Pflegeheim-Leiterin: "Es ist ja mein Kind"

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Vor Chefin Anja Lohmann hat schon deren Mutter die Pflege-Einrichtung geführt: „Für sie kam nie etwas anderes in Frage.“

Das kleine Pflegeheim Seniorenhof Flintberg in Gammelby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) steht vor großen Herausforderungen. Einer der 27 Bewohner gerät in eine seelische und körperliche Krise, es mangelt an Personal und der finanzielle Druck wächst. Wie das Team Lösungen sucht und findet, das zeigt die Dokumentation Team Endstation, die am Montagabend (9. September 2019) ab 23.15 Uhr im NDR Fernsehen läuft. Im Interview spricht die Eigentümerin und Geschäftsführerin Anja Lohmann darüber, warum sie trotz aller Schwierigkeiten weitermacht - und damit das Erbe ihrer Mutter weiterführt.

Frau Lohmann, haben Sie den richtigen Beruf?

Anja Lohmann: Für mich gab es nie etwas anderes. Ich weiß nicht, ob ich so geboren bin. Für mich kam eigentlich nie etwas anderes in Frage. Ich habe auch nie Momente gehabt, wo ich dachte, ich suche mir jetzt einen anderen Job. Und ich kann auch nichts anderes. (lacht)

Sie haben das Heim von Ihrer Mutter geerbt. Ist das noch mal eine ganz andere Verantwortung?

Lohmann: Man hat ja eine ganz andere Bindung. Ich war damals Teenager, als dieses Heim gekauft und umgebaut wurde. Wir haben hier alle mitgearbeitet. Das ist natürlich eine ganze andere Bindung, als wenn das nicht meins wäre. Und man hat natürlich auch eine andere Verantwortung.

Und wenn das Heim in Existenznot gerät?

Lohmann: Natürlich ist man dann anders betroffen. Das ist ja eigentlich mein Kind - beziehungsweise das Kind meiner Mutter. Ich habe es übernommen, und wenn das in Gefahr gerät, aus was für Gründen auch immer, ob finanziell oder weil man keine Pflegekräfte mehr findet, ist das natürlich belastend.

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Heimeiterin Anja Lohmann: "Sie wissen, was sie hier haben"

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Anja Lohmann leitet das Pflegeheim Seniorenhof Flintberg. Es ist eine kleine Einrichtung mit 27 Betten. Sie spricht im Interview über die Arbeit in dem kleinen Team und den vielen Herausforderungen. Video (01:48 min)

Ihre Pfleger verdienen weniger als im Landesschnitt. Ist das ein Problem?

Lohmann: Klar können die Pfleger bei jeder anderen Einrichtung klingeln und fragen: Kann ich arbeiten? Die werden mit Kusshand genommen. Die werden sicher auch mehr Geld bekommen als hier, aber bei meinen Pflegern ist es so: Die wissen, was sie hier haben. Die kommen gerne zur Arbeit und sie arbeiten gern miteinander, und das ist heute fast wichtiger, als Geld zu verdienen.

Vor einiger Zeit hat trotzdem einer Ihrer examinierten Pfleger gekündigt. Martin Röder hatte das Team verlassen und sich eine neue Arbeit mit besserem Lohn gesucht.

Lohmann: Ja, das war eine große Lücke. Er hatte eine Vollzeitstelle, und die fehlende Kraft mussten wir abfangen. Ich selbst musste mehr in der Pflege arbeiten, der Pflegedienstleiter auch. Es kamen ja keine Bewerbungen. Die Stelle war ausgeschrieben, aber es ist ja nichts auf dem Markt.

Herr Lohmann kam zurück und arbeitet jetzt wieder für weniger Geld. Warum?

Lohmann: Er hat gemerkt, dass die Arbeitsweise dort nicht zu ihm passt, denke ich. Und ihm ist der Zusammenhalt innerhalb des Teams wichtig.

Ist der von Ihnen genannte Zusammenhalt des Teams ein existentieller Faktor für den Weiterbetrieb Ihres Heims?

Lohmann: Ich vermute, dass es so ist, gerade weil unsere Einrichtung so klein ist. Der Krankenstand ist gering, weil hier niemand mit Bauchschmerzen zur Arbeit kommt. Und die Mitarbeiter wissen auch, dass sie jederzeit kommen können, wenn etwas ist.

Vor ein paar Monaten haben einige ihrer Mitarbeiter sich den Schriftzug "Flintberg" auf den Arm tätowieren lassen. Wie fanden Sie das?

Lohmann: Ich war erst ein bisschen erschrocken und habe gefragt: Und wenn wir uns hier mal streiten oder wenn einer kündigt? So ein Tattoo ist ja so endgültig. Aber sie sind ja alt genug. (lacht)

Das Interview führte Christian Schepsmeier, NDR Schleswig-Holstein

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.09.2019 | 19:30 Uhr

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