Stand: 13.04.2019 05:00 Uhr

Onkolotsen: Navigation im Gesundheitsdschungel

von Hauke Bülow

Das Jahr 2013 hat das Leben von Andrea Krull komplett verändert. Damals erkrankte die Neumünsteranerin an Eierstockkrebs. Eine besonders tückische Krebsform. Fast die Hälfte der Patientinnen stirbt innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Diagnose. Auch Andrea Krulls Arzt war damals davon ausgegangen, dass die Lehrerin nicht mehr lange zu leben hätte. Heute hat sie den Krebs besiegt und hilft anderen Patienten als zertifizierte Onkolotsin durch die schwerste Zeit ihres Lebens.

Onkolotsen: Helfende für Krebspatienten

Onkolotsen: Krebsberater in den dunklen Stunden

In Deutschland erkranken laut Bundesgesundheitsministerium jedes Jahr rund 480.000 Menschen neu an Krebs. Viele, die die Diagnose bekommen, fallen anschließend in ein tiefes Loch. So ist es auch Andrea Krull ergangen. Nach ihrer Operation und der Chemotherapie wusste sie oft nicht weiter. Beispielsweise fragte sie sich, wofür man einen Schwerbehindertenausweis braucht oder wie sie mit Nebenwirkungen durch die Medikamente umgehen soll. Also recherchierte die heute 52-Jährige und stieß dabei eher zufällig auf den "Onkolotsen". Dahinter steckt ein Projekt der Sächsischen Krebsgesellschaft. Sie bildet seit neun Jahren vor allem medizinisches Personal weiter, das an Krebs erkrankte Menschen und deren Familienangehörige zielgerichteter beraten möchte. Beispielsweise wenn es darum geht, den Hilfesuchenden einen Überblick über die Versorgungsangebote zu geben. Aber auch andere Interessierte können sich zum Onkolotsen ausbilden lassen, so wie Andrea Krull als ehemals Betroffene.

Videos
02:44
Schleswig-Holstein Magazin

Die Onkolotsin

Schleswig-Holstein Magazin

Andrea Krull ist ehrenamtliche Onkolotsin. Sie kennt sich mit dem komplizierten Gesundheitssystem aus und begleitet Krebs-Patienten und ihre Familien. Video (02:44 min)

Lange und kostspielige Weiterbildung

Die Neumünsteranerin zögerte nicht lange und meldete sich zu einem der Kurse in Sachsen an. Mehr als 130 Seminarstunden belegte sie, um sich auf die Fragen der Patienten vorbereiten zu lassen. 'Wie rede ich mit meinen Kindern über die Krankheit? Wie kann ich mich auf meinen möglicherweise nahenden Tod vorbereiten? Welche Behandlungs- und Nachsorgeangebote gibt es?'

Rund 2.000 Euro hat die Weiterbildung zum zertifizierten Onkolotsen gekostet. 2016 war Andrea Krull die Erste in Norddeutschland. Schon kurz nach dem Start fingen Ärzte in Neumünster an, ihre Dienste zu empfehlen. Immer mehr Patienten nahmen die ehrenamtliche Hilfe in den Räumen des Medizinischen Praxisnetzes Neumünster in Anspruch. Motiviert durch die positive Entwicklung entschied sich die Onkolotsin dazu, sich noch ein Mal weiterbilden zu lassen - als Ausbilderin für Onkolotsen. Denn Andrea Krull wollte das Konzept unbedingt in andere Städte tragen und mehr Leute von dem Konzept überzeugen - mit Erfolg.

Erster Onkolotsen-Kurs in Schleswig-Holstein

Vor genau einem Jahr bildete die 52-Jährige dann die ersten acht Onkolotsinnen aus. Darunter eine Ärztin und Krankenschwestern, die in ihren Kliniken als besonders geschultes Personal nun die schwierigen Gespräche mit den Patienten übernehmen. Beispielsweise wenn es um Diagnosen geht, die kaum zu verarbeiten sind. Aber auch ehemalige Patientinnen wie Ulrike Filippig saßen in dem Kurs. Ihr ging es nach ihrer Krebsdiagnose 2015 ähnlich wie Ausbilderin Andrea Krull. Viele Fragen kamen auf, darunter wohl die Wichtigste: 'Was mache ich, wenn ich wieder gesund bin?' Ulrike Filippig entschied sich dafür, ihr bisheriges Leben umzukrempeln. Gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern zog die Familie von Bücken in Niedersachsen auf die Ostseeinsel Fehmarn und startete hier neu durch. Seit dem vergangenen Jahr bietet nun auch die 45-Jährige ihre Dienste als zertifizierte Onkolotsin an.

Durchgängige unkomplizierte Betreuung

Ulrike Filippig sieht sich nicht nur als Ansprechpartnerin, sondern vor allem als unabhängige Person, der die Patienten vertrauen können. Das Wichtigste sei, dass die Betroffenen immer wieder ein- und denselben Ansprechpartner hätten, findet Ulrike Filippig. Es müsse unspektakulär sein. Denn das Wenigste, was die Patienten gebrauchen könnten, seien neue Ereignisse und Unruhe im Leben. Die Aufgabe der Onkolotsen ist für die lebensfrohe Mutter ganz klar: Sie sollen vor allem denjenigen helfen, die mehr Redebedarf haben als andere Patienten und sie dort auffangen, wo die Arbeit der Sozialen Dienste in den Krankenhäusern endet - nach der Entlassung. Einige der Onkolotsen, so wie Andrea Krull, arbeiten ehrenamtlich. Ulrike Filippig würde gern einen anderen Weg gehen und ist gerade dabei, sich eine Selbstständigkeit aufzubauen.

Kostenfrage noch nicht geklärt

In Deutschland seien es die Menschen nicht gewohnt, für medizinische Leistungen zu bezahlen, stellt die Neu-Fehmaranerin fest. Und bislang übernehmen Krankenkassen die Leistungen der Onkolotsen in der Regel noch nicht. Rund 40 Euro kostet eine Beratungsstunde beispielsweise bei Ulrike Filippig für Selbstzahler. Nur wer mindestens den Pflegegrad 1 hat, kann Unterstützung von der Pflegekasse bekommen. Ulrike Filippig würde gern in Vollzeit in ihrem neuem Job als Onkolotsin arbeiten. Sie sieht es als ihre Aufgabe, voll und ganz für die Patienten da zu sein. Und auch die 45-Jährige will sich schon bald zur Ausbilderin für Onkolotsen weiterbilden lassen, um diese Idee weiterzuverbreiten. Der nächste Onkolotsen-Kurs in Schleswig-Holstein beginnt übrigens am 25. April in Neumünster.

Weitere Informationen

Brustkrebs: Zwischen Wut, Angst und Kinderwunsch

Es ist die häufigste Krebsform bei Frauen - und doch fühlen sich viele mit der Diagnose Brustkrebs allein. Wir haben vier Frauen getroffen, die mit der Katastrophe ein neues Leben beginnen. mehr

Diagnose Krebs: Ein Grund zur Verzweiflung?

Die Möglichkeiten, Krebserkrankungen früh zu erkennen, werden wie die Diagnosen immer besser. Die "NDR Info Perspektiven" berichten über die Entwicklung und über neue therapeutische Konzepte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 11.04.2019 | 20:05 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:02
Schleswig-Holstein Magazin
02:03
Schleswig-Holstein Magazin
03:49
Schleswig-Holstein Magazin