Stand: 23.07.2019 05:00 Uhr

Streit unter Nachbarn: "Der Ton wird rauer"

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Bodo Arlt aus Molfsee ist seit 22 Jahren einer von 560 Schiedsleuten in Schleswig-Holstein.

Zu hohe Hecken, überstehende Äste, Lärm oder Rauch: Das sind die Klassiker bei Streitigkeiten zwischen Nachbarn. Wenn die Konflikte eskalieren, können Schiedsleute helfen - und bestenfalls den Streit schlichten. Das ist häufig jedoch nicht einfach. Nach Angaben der Landesvereinigung Schleswig-Holstein im Bund Deutscher Schiedsmänner und Schiedsfrauen wird der Ton rauer. Häufig fluchen und bepöbeln sich streitende Nachbarn. Auch Anwälte werden schneller hinzugezogen als noch vor ein paar Jahren. Bodo Arlt aus Molfsee ist seit 22 Jahren eine von 560 ehrenamtlichen Schiedspersonen im Land. Er ist erster Vorsitzender in der Bezirksvereinigung Kiel, zu der die Amtsgerichtsbezirke der Amtsgerichte Kiel, Neumünster, Rendsburg, Norderstedt, Bad Segeberg, Plön und Eckernförde gehören. Im Interview spricht er über Hemmschwellen und ungewöhnliche Fälle.

Herr Arlt, worüber streiten sich Nachbarn am meisten?

Bodo Arlt: Überwuchs oder überstehende Äste auf das Nachbargrundstück, Wurzeln des Nachbarbaums, zerstörte Gehwegplatten, Laub oder Früchte des Obstbaumes, die aufs fremde Grundstück fallen, die Grenzziehung und noch viele andere Dinge. Lärm ist auch ein Thema, zum Beispiel der Hahnenschrei oder das Hundegebell. Wenn zum Beispiel ein Hund Tag und Nacht bellt, muss der Lärm natürlich nicht hingenommen werden.

Beschweren sich heutzutage mehr Menschen über ihre Nachbarn oder melden sich weniger Leute bei Ihnen?

Arlt: Das hält sich die Waage und ist regional unterschiedlich. Aber die Qualität des Streits ist eine andere. Haben sich früher die Nachbarn über den Zaun unterhalten, so ist das heute nicht mehr so. Die Leute reden nicht miteinander, sondern übereinander. Viele sind über Medien und das Internet sehr belesen und informiert. Sie kommen mit dem Anspruch "Ich habe recht" zu einem Schiedsmann. Ich würde sagen: "Schiedsmann hilf mir mal, damit ich mit meinem Nachbarn einen Rechtsfrieden herstellen kann". Früher wurde der Antrag mündlich oder telefonisch beim Schiedsmann gestellt. Heute kommen ganz oft, also zu ungefähr 60 Prozent, Schriftsätze von Anwälten.

Schiedsfrauen aus den Bezirken Itzehoe und Lübeck haben NDR Schleswig-Holstein erzählt, dass viele Konflikte auch mit Beleidigungen und Bedrohungen zu tun haben. Gibt es da einen Trend?

Arlt: Die Hemmschwelle ist sehr niedrig. Es wird ganz schnell wüst beschimpft. Psychischer Terror durch verbale Äußerungen. Ein Beispiel: Es geht um eine zu hohe Hecke, die nicht beschnitten wird. Die Nachbarn fühlen sich belästigt. Dann wird Terror ausgeübt. Da werden alte Radios in die Hecke gehängt und laufen gelassen - nachts. Da werden alte Stoffpuppen in die Hecke zur Abschreckung gehängt. Das ist gemein und so etwas von böse und erschreckend. Das geht durch alle soziale Schichten. Aber nehmen wir mal die Stadt Kiel, die Randgemeinden. Da ist der Umgang teilweise sehr ruppig. "My home ist my castle", jeder hat seine Burg - und wehe das Burgtor wird durchschritten. Es hat sich alles gewandelt in den vergangenen zehn Jahren.

Geht es dabei tatsächlich um die überstehende Hecke oder die laute Party am Wochenende?

Arlt: Ich gehe bei der Antragsstellung immer zurück in die Vergangenheit: Wie lange kennen Sie sich, waren Sie früher gut befreundet? Oftmals ist das so. Bis zu einem einschneidenden Ereignis wie einer unbedachten Äußerung oder Handlung, die unbewusst tiefe Gräben aufreißt. Das ist oft ein Grund zu sagen: Jetzt ist das Fass übergelaufen. Jetzt gehe ich zur Polizei. Die verweist dann oftmals völlig zu Recht und schon deeskalierend auf die örtlich zuständige Schiedsperson. Dann finden diese Mitbürger den Weg zu uns. Bei uns Schiedsleuten sprechen wir dann zielführend über die Zukunft und lassen die Vergangenheit hinter uns.

Sind die Nachbarkonflikte auch eine Alters- beziehungsweise eine Generationsfrage?

Arlt: Das kann man nicht grundsätzlich sagen. Junge Leute ziehen in Gegenden, wo ältere Nachbarn schon länger leben. Häufig haben dann die älteren Nachbarn wegen neuen "Lärms" Probleme. Die jungen Leute wiederum wollen vielleicht eine Hecke niedriger haben als die Vorbesitzer. Sie lesen sich dann häufig ein Halbwissen an, und dann müssen Schiedsleute die Konflikte lösen, ohne gerichtliche Dinge zu bemühen. Oft geht das dann gut. Wir sind aber keine Richter. Ich mache auch keine Beweiserhebung. Wenn sich zum Beispiel jemand wegen Lärms und Ofenqualms nicht einigen kann, dann geht's vor Gericht.

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Herr Arlt, Sie haben bis zu zwölf Fälle pro Jahr und das seit 22 Jahren. Was ist da Bemerkenswertes bei Ihnen in Erinnerung geblieben?

Arlt: Die bösen Sachen kann man nicht vergessen. Das sitzt tief. Aber es gibt auch Merkwürdigkeiten und zum Teil Amüsantes, die hängen bleiben. Ein Paar beklagte sich einmal über den Schatten einer Nachbarhecke. Ich habe dann den Tisch auf der Terrasse um einen halben Meter verrückt und damit das Problem gelöst. Ein Beispiel zum Schmunzeln: Eine Frau hat immer spät gebadet und dazu Händels Wassermusik lauthals gesungen. Da habe ich vor Lachen quer über dem Tisch gelegen. Woanders haben Nachbarn auf der Grundstücksgrenze einen Friedensbaum gepflanzt. Das ist dann toll, wenn sich Konflikte so auflösen.

Bis zur Konfliktlösung kann der Weg steinig sein. Was empfehlen Sie allen Nachbarn in Schleswig-Holstein?

Arlt: Ich empfehle immer den Wahlspruch einer ehemaligen Kollegin, die dazu anmerkte: Es ist nicht unbedeutend, wenn dich deine Nachbarn liebevoll grüßen. Bei aufkeimenden Problemen: Redet miteinander. Direkt und persönlich. Hingehen, klingeln und sagen: "Das und das Problem habe ich, gibt es da eine Möglichkeit? Lass uns miteinander sprechen." Ich möchte ja dauerhaft mit dem Nachbarn zusammenwohnen. Da geht es um Lebensqualität. Dafür sind Respekt und Toleranz unglaublich wichtig.

Das Interview führte Robert Tschuschke

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Horst und Mandy am Morgen | 23.07.2019 | 05:40 Uhr

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