Stand: 02.03.2018 05:00 Uhr

Mutter gibt Baby ab: "Ich wusste, es ist richtig"

von Katrin Bohlmann

Völlig überfordert war Sabine (*), als sie nach der Geburt ihres Babys nach Hause kam. Alles brach über ihr zusammen. Die junge Mutter aus Lübeck war verzweifelt. Sie steckte gerade in der Ausbildung zur Frisörin, sollte bald Prüfung haben und die Schwangerschaft war nicht gewollt. Ihr Freund stand ihr zwar liebevoll zur Seite, konnte ihr aber auch nicht wirklich helfen. Die 21-Jährige brauchte dringend Hilfe. Ihre Schwester und der Kinderarzt gaben Sabine den Rat, sich an das Lübecker Jugendamt zu wenden.

Die Behörde vermittelte ihr Baby in eine Pflegefamilie. Als die kleine Larissa (*) sechs Tage alt war, kam sie zu Pflegeeltern. "Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weinte, als das Wort 'Jugendamt' fiel und fühlte mich wie eine Rabenmutter", erzählt Sabine. "Aber ich wusste, dass es richtig so ist. Ich wollte zum Wohle des Kindes handeln." Vier Wochen blieb ihr Baby bei den Pflegeeltern.

Pflege-Oma: "Es ist schön, Kindern zu helfen"

Mutter Sabine erhielt sozialpädagogische Hilfe

Immer wieder haben sich Sabine, ihr Freund und die Pflegeeltern zusammen mit der kleinen Larissa getroffen. Auch Sabine selbst hat sozialpädagogische Hilfe bekommen. Als sich die junge Mutter stabilisierte und bereit war, sich um ihr Baby zu kümmern, kam es zu ihr zurück. "Ich bin so glücklich, dass mir geholfen wurde und dass es unserer Kleinen so gut ging in der Pflegefamilie. Jetzt weiß ich: Unser Baby ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt die junge Mutter glücklich.

So soll es laufen. Happy End. Aber Martina Bordukat von der Pflegevermittlung der AWO kennt auch andere Fälle, in denen die Kinder nicht so schnell oder auch gar nicht zu ihren Eltern zurückkommen können. "Da muss viel geklärt werden, ob zum Beispiel die Eltern überhaupt erziehungsfähig sind und wenn ja, mit welcher Hilfe", erklärt die Sozialpädagogin. Sie vermittelt im Auftrag des Jugendamtes Kinder in Pflegefamilien. Auch um die kleine Larissa hat sie sich gekümmert.

Allein in Lübeck werden jährlich 80 Kinder vermittelt

Tötung, Missbrauch, Vernachlässigung. Es gibt nichts, was es nicht gibt, wenn Kinder von ihren Eltern weg müssen. Allein in Lübeck vermitteln Bordukat und ihre Kollegen im Jahr 80 Kinder in die Kurzzeit- und Vollzeitpflege. Vom Säugling bis zum Teenager sind alle Altersstufen dabei. Manchmal muss es ganz schnell gehen. Dann bekommt Martina Bordukat einen Anruf vom Jugendamt, ein Kind müsse gleich aus seiner Familie abgeholt werden. Dann überlegt sie, welche Pflegefamilie am besten zu diesem Kind passt und ruft sie an. "Egal, wo sie ist, ob beim Einkaufen oder beim Arzt, die Pflegefamilie kommt."

Zur Zeit kann die Sozialpädagogin auf einen Pool von 45 Pflegefamilien zurückgreifen. Aber es werden mehr gebraucht. "Es ist wirklich mühevoll. Es ist ja nicht so, dass wir immer eine Pflegefamilie mit einem freien Platz haben. Es geht vielmehr darum, genau zu schauen, was das jeweilige Kind genau braucht. Wir brauchen eine Auswahl an Pflegefamilien", erklärt Herbert Wiegert, Leiter des Lübecker Pflegekinderdienstes im Jugendamt.

Schleswig-Holstein: 3.200 Kinder leben in Pflegefamilien

Es geht um die ganze Bandbreite von Familien. So unterschiedlich die Kinder sind, so unterschiedlich sollten auch die Pflegefamilien sein. Wiegert hätte am liebsten pro Kind drei Familien zur Auswahl. Er greift mittlerweile auch auf Familien aus anderen Kreisen zurück. 40 Prozent der Kinder werden außerhalb von Lübeck untergebracht.

In der Hansestadt leben zur Zeit laut Jugendamt 317 Kinder in der Vollzeitpflege. In ganz Schleswig-Holstein sind es gut 3.200 Kinder, die in Pflegefamilien leben. Finden sich keine Pflegeeltern, ist der letzte Weg: Heim oder Wohngruppe.  

Die Bereitschaft, Kinder aufzunehmen, sinkt überall

Wiegert tauscht sich regelmäßig mit Kollegen aus anderen Kreisen in Schleswig-Holstein aus. "Es ist überall das Gleiche: die Bereitschaft, Pflegekinder aufzunehmen, sinkt", berichtet der 52-Jährige. Über die Gründe kann er nur spekulieren. Die Gesellschaft hat sich verändert, glaubt er. "Die Lebensentwürfe sind mittlerweile andere als noch vor 30 Jahren. Früher war die Mutter zu Hause, der Vater hat das Geld verdient. Das ist nicht mehr so. Beide arbeiten. Wir haben auch mehr Scheidungsfamilien und Alleinerziehende. Und die Pflegefälle werden komplizierter, da häufig Gerichtsverhandlungen noch offen sind, wenn die Herkunftseltern ihre Kinder zurückhaben wollen."

Info-Nachmittage der AWO Lübeck

Jeden ersten Mittwoch im Monat veranstaltet die AWO in Lübeck einen Info-Nachmittag ab 16 Uhr für alle Interessierten in der Moislinger Allee 97. Danach folgen Ausbildungsabende.

Sozialpädagoge: Pflegeltern zahlen meistens drauf

Mit einem Vorurteil räumt der erfahrene Sozialpädagoge auf: Pflegeeltern verdienen sich keine goldene Nase mit den Pflegekindern. Meist zahlten sie sogar drauf, sagt er. Es gibt Pauschalen, die das Familienministerium festlegt. Für ein Vollzeitpflegekind gibt es eine Aufwandsentschädigung von 280 Euro im Monat. Für eine Kurzzeitpflege am Tag 37 Euro pro Kind. Wiegert sagt: "Klar ist: Ein Pflegekind aufzunehmen ist eine Herausforderung. Sie bringen ihre Geschichte mit. Und glauben Sie mir: Die Geschichte fängt nicht erst mit der Geburt an."

Und dennoch bereuen die meisten Pflegeeltern nicht, ein fremdes Kind aufgenommen zu haben. So wie Marion Schacht. Sie hat die kleine Larissa für vier Wochen gepflegt. Die 66-Jährige nennt sich selbst Pflege-Oma. Seit sechs Jahren nimmt die gelernte Kinderkrankenschwester zusammen mit ihrem Mann Kinder in Kurzzeitpflege. Die beiden Lübecker haben selbst zwei erwachsene Söhne. "Ich habe immer noch genug Liebe in mir", sagt Marion Schacht. "Es ist einfach schön, den Kindern und auch ihren Eltern zu helfen. Das tut gut."

"Das Schönste ist ein normales Familienleben"

Nahezu jeder kann Pflegemutter oder -vater werden. Ob ältere Paare, gleichgeschlechtliche Paare oder Alleinerziehende. "Wichtig ist, dass sie einen Blick für das Kind mitbringen", sagt Herbert Wiegert vom Lübecker Jugendamt. "Sie müssen belastbar und flexibel sein, und offen gegenüber den Herkunftsfamilien. Denn das Kind behält in der Regel Kontakt zu seinen leiblichen Eltern. Das Schönste für Pflegekinder ist einfach, in einem ganz normalen Familienleben groß zu werden."

*Name von der Redaktion geändert

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.03.2018 | 08:00 Uhr

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