"Munition im Meer gefährdet die Biodiversität"

Stand: 28.03.2023 05:00 Uhr

Welche Gefahren alte Munition für unsere Küsten und das Ökosystem birgt, erklärt Prof. Dr. Edmund Maser, der Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel im Interview mit NDR Schleswig-Holstein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden etwa 1,6 Millionen Tonnen Munition im deutschen Teil der Nord- und Ostsee versenkt. Vieles davon liegt noch an Hotspots wie der Kolberger Heide vor Wisch (Kreis Plön) in der Kieler Bucht oder in der Lübecker Bucht (Kreis Ostholstein).

Herr Professor Maser, können Sie einordnen, ob wir ohne große Bedenken an den Stellen in der Ostsee, wo Munition versenkt wurde, schwimmen gehen können?

Herr Prof. Dr. Edmund Maser sitzt an seinem Arbeitsplatz. © Samir Chawki Foto: Samir Chawki
Prof. Dr. Edmund Maser ist Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler der CAU Kiel.

Prof. Dr. Edmund Maser: Wir haben sogenannte Hot Spots, da liegen also richtige Berge unter Wasser. Wir haben auch einzeln verstreute Torpedos und Ankertauminen rumliegen. Die großen Versenkungsgebiete sind eigentlich alle gesperrt, da darf man weder baden, noch paddeln oder angeln. Das sind No-Go-Areas. In den anderen Gebieten, wo diese Sachen einzeln rumliegen, kann man schwimmen gehen und da besteht eigentlich auch gar keine Gefahr.

Eigentlich?

Maser: Wir Toxikologen interessieren uns natürlich auch für den Umweltaspekt. Wir haben festgestellt, dass diese Schutzhüllen der Munition langsam durchrosten und Chemikalien freigeben. Die verteilen sich jetzt im Meer. Wenn man da langschwimmt und nimmt einen Schluck Wasser, ist das aus toxikologischer Perspektive nicht schlimm. Also, sie können da ruhig schwimmen gehen. Selbst wenn man ein wenig TNT aufnehmen sollte, ist das so dünn konzentriert, dass man keine Angst vor einer Vergiftung haben muss.

Gilt das dann auch für den Fisch, der dort lebt? Können wir den auch bedenkenlos essen?

Maser: Wir bearbeiten das Thema schon seit mehreren Jahren. Wir haben in den Fischen und Muscheln der Ostsee niedrige Konzentrationen von sprengstofftypischen Verbindungen festgestellt. Aber die Konzentrationen sind hier so gering, dass man als Verbraucher keine Angst haben muss. Aber es gibt noch einen zweiten Aspekt: Wir haben festgestellt, dass diese niedrigen Konzentrationen von diesen Sprengstoffen im Wasser tatsächlich dazu führen, dass einige Meeresorganismen gesundheitliche Schäden davontragen.

Unterwasseraufnahme von Munitionsresten am Grund der Flensburger Förde.
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Welche Art von Schäden wären das zum Beispiel?

Eine Karte zeigt Munitionsgebiete in der Ost- und Nordsee. © GEOMAR Helmholtz Centre For Ocean Research Kiel
Das Geomar hat die munitionsbelastete Fläche, Munitionsverdachtsflächen und Munitionsversenkungsgebiete in Nord- und Ostsee kartografiert.

Maser: Muscheln, die in solchen hochbelasteten Gebieten leben, bekommen Stoffwechselprobleme. Sie leiden unter dem sogenannten oxidativen Stress und wir haben festgestellt, dass die Fische dort eine höhere Inzidenz an Leberschäden, wie z. B. Leberkrebs haben. In der Kolberger Heide (Sandbank in der Ostsee nördlich der Ortschaft Heidkate im Kreis Plön) wurden Fische gefangen, und da sehen wir diese Schäden. Wir haben auch noch ein anderes Projekt in der Nordsee laufen. Dort gibt es viele Schiffswracks aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die sind mit Munition und mit Tankfüllung untergegangen. Und wir haben gesehen, dass dort, wo Munition noch an Bord ist, dass diese Fische auch eine erhöhte Inzidenz von Leberschäden und auch Lebertumoren haben.

Was kann das für Auswirkungen haben?

Maser: Ein Verlust der Artenvielfalt. Wenn ein Fisch krank ist oder wenn eine Muschel krank ist, dann hat die wahrscheinlich keine Lust, sich zu reproduzieren - oder kann das auch nicht. Das heißt, wir müssen damit rechnen, dass die Menge an Fisch oder auch an Muscheln zurückgeht, weil die Nachkommen einfach keine Chance mehr haben. Und wir haben auch Daten und Hinweise aus Aquariumsversuchen, dass in diesen niedrigen Konzentrationen dann auch unter Umständen Fischlarven im Jungstadium absterben. Das heißt, wir müssen damit rechnen, dass sich das dann irgendwann mal auf die Fischpopulation auswirkt. Wir reden jetzt immer davon, dass wir zu viel Fisch essen und die Meere leerfischen, aber wir müssen uns auch Gedanken darüber machen, ob denn auch genug von den Fischen nachwachsen, wenn sie denn mit allen möglichen Schadstoffen in Kontakt kommen. Wir reden ja über Munition im Meer, aber wir haben ja in den Meeren einen Cocktail von Schadstoffen: Mikroplastik, Pestizide, Arzneistoffe - und jetzt, wenn diese Sprengstoffe noch dazukommen, werden wir womöglich ein Problem mit der marinen Diversität bekommen - und auch mit dem Meer als potentielle Proteinquelle.

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Können wir da überhaupt etwas machen?

Maser: Wenn wir jetzt die Munition mit den anderen Schadstoffen vergleichen, dann können wir sagen, dass wir Mikroplastik oder auch Arzneistoffe nicht mehr rausbekommen. Die Munition können wir noch rausholen. Da können wir wenigstens noch einen Schadstoff in diesem Cocktail eliminieren.

Sie sprachen davon, dass die Hüllen rosten. Können Sie einschätzen, wie lange wir noch Zeit haben, bis diese weiter aufgehen?

Maser: Wir sehen an einigen Stellen schon Löcher in den Ankertauminen, da kann man schon auf den freiliegenden Sprengstoff draufschauen. Dann gibt es aber auch Granaten, die noch fast völlig intakt sind. Es gibt Untersuchungen, die von polnischen Kollegen gemacht worden sind. Da rechnet man mit 30 bis 50 Jahren, bis die Metallhülle fast weggerostet sein könnte.

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Und was genau wird dann da freigesetzt?

Maser: Zum Beispiel TNT, das ist krebserregend, toxisch und es beschädigt eigentlich alle Organe des Menschen, aber auch in den Fischen. Wir haben aber auch Quecksilber, welches als eine Art Beschleuniger des Verbrennungsprozesses dient in einigen von diesen Kriegsmunitions-Bestandteilen. Wir haben aber auch Cadmium und andere Schwermetalle, die auch freigesetzt werden. Phosphor ist auch noch erwähnenswert. Eine große Menge an britischen Phosphorbomben ist im Zweiten Weltkrieg in der Ostsee gelandet. Die sind jetzt auch relativ weit durchgerostet und wir finden jetzt am Strand immer mal wieder diesen weißen Phosphor, der sehr leicht mit Bernstein zu verwechseln ist.

Gibt es ein Worst-Case-Szenario, wenn die Munition nicht schnell geborgen wird?

Maser: Wir haben allein in deutschen Ostseegebieten 300.000 Tonnen von Kriegsmunition. Wir wissen nicht, wie viel in den anderen Bereichen an den Küsten von Polen oder Schweden noch vorhanden ist. Wenn die Munition immer weiter durchrostet, also die Metallhülle weg ist, dann kann man sie fast nicht mehr detektieren. Ohne die Metallhülle verteilen sich die Stoffe auch entsprechend schneller im Meer - und zu einem größeren Ausmaß.

Was wäre ihr Wunsch oder Forderung an die Bundesregierung oder auch an die EU?

Maser: Wir sollten so schnell wie möglich anfangen, diese Munition zu bergen. Das ist auch für die Industrie interessant, weil das ja auch ein Wirtschaftsfaktor ist. Eine Firma, die so eine Plattform herstellt, von der aus Munition geborgen werden kann, die hat natürlich dann auch so eine Art Monopol. Die können sich darauf Patente geben lassen und können dann mehrere Plattformen bauen und die dann verkaufen. Und wir haben auch schon gehört, dass es Anfragen auch aus dem pazifischen Raum gibt. Also es gibt andere Länder, die sich dann für so eine Plattform interessieren. Und natürlich muss Begleitforschung gemacht werden. Denn es muss damit gerechnet werden, dass wir bei der Bergung dieser Munition unter Umständen auch Chemikalien freisetzen. Da muss Geld für eine Begleitforschung da sein, damit das überwacht wird, damit man gleich weiß: An der Stelle müssen wir jetzt anders vorgehen oder aufhören und uns andere Konzepte überlegen.

Das Interview führte NDR Reporter Samir Chawki.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.03.2023 | 06:00 Uhr

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