Stand: 15.11.2019 18:04 Uhr  - NDR Info

Mit Sport gegen Nebenwirkungen der Krebs-Therapie

Die möglichen Nebenwirkungen einer Chemotherapie sind bei vielen Krebspatienten gefürchtet: Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall. Die Liste der Begleiterscheinungen ist lang. Zu den Symptomen gehört auch ein geschwächtes Immunsystem, Blutarmut oder ein starkes Gefühl der Erschöpfung. All das löst bei vielen Betroffenen Angst und Stress aus. Oft müssen weitere Medikamente eingenommen werden. Patienten, die ihre Nebenwirkungen auf eine milde Weise lindern möchten, können auf ein bewährtes Mittel zurückgreifen: Sport. Bewegung kann die Begleiterscheinungen einer Chemo reduzieren - und das mit beachtlichen Erfolgen, wie aktuelle Studien der onkologischen Bewegungsmedizin bestätigen.

Körperliches Training begleitend zur Chemotherapie

Der Physiotherapeut Justinus Wiggert betreut in Lübeck eine Gruppe von Krebspatienten. Während der Chemotherapie absolvieren sie ein intensives Kraft- und Ausdauertraining. Sowohl in Gruppen- als auch in Einzeltrainings durchlaufen die Patienten zweimal die Woche ein Zirkeltraining. Sie trainieren an Geräten Arme, Beine und auch die Bauchmuskeln.

Besonders wichtig ist dabei die Einheit direkt vor der Chemotherapie: "Nehmen wir mal an, die Infusion gibt es um zehn. Dann kommen die Patienten um 08.30 Uhr zu uns und wir machen ein richtig belastendes Training", erklärt Wiggert. Dabei werde an den Geräten soviel Gewicht aufgelegt, bis die Patienten nicht mehr könnten. "Ein Physiotherapeut steht natürlich immer neben dem Patienten und begleitet die Übung."

Patienten berichten von positiven Effekten

Bei Isabell Krieges-Kottentiede wurde im Juli 2018 Brustkrebs diagnostiziert. Die Lübecker Hausärztin war eine von Wiggerts Patientinnen. Ihr Brustkrebs ist seit diesem Frühjahr geheilt. An die Nebenwirkungen ihrer Chemotherapie erinnert sie sich aber noch gut. "Mir fielen die Haare aus, ich litt unter Blutarmut und fühlte mich schlapp und müde", berichtet die 55-Jährige. Die Bewegungstherapie habe ihr gutgetan. "Es ist einfach ein gutes Gefühl zu sehen, dass man noch was kann. Dass man eben nicht in der Ecke liegen und auf die nächste Infusion warten muss, sondern, dass man belastbar ist, trotz der Chemotherapie", berichtet Krieges-Kottentiede.

Das Training stärkte auch ihr Selbstvertrauen im Alltag: "Dass man sich dann auch traut mit dem Fahrrad hierher zu fahren, weil man sich sagt, wenn ich hier auf dem Stepper stehe, dann kann ich auch genauso gut mit dem Fahrrad kommen." Die Hausärztin hatte während ihrer Chemotherapie insgesamt wenig Nebenwirkungen. "Ob dass nun am Ende wirklich an der Bewegungstherapie gelegen hat, kann ich natürlich nicht sicher sagen," sagt sie.

Genauer Wirkungsmechanismus noch unklar

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Die Patientin Isabelle Krieges-Kottentiede trainiert auch nach dem Ende ihrer Chemotherapie weiter. Auch um die Nebenwirkungen ihrer Tabletten besser zu vertragen.

Freerk Baumann leitet die Onkologische Bewegungsmedizin an der Uniklinik Köln. Der Forscher weiß welche Nebenwirkungen eine Chemotherapie haben kann und er weiß, wie sie sich durch Bewegung reduzieren lassen - nicht bei allen, aber bei vielen Patienten. "Bei der Polyneuropathie zum Beispiel - die Sensibilitätsstörungen in Händen und Füßen, da haben wir zum Beispiel eine 50 prozentige Reduktion durch körperliche Aktivität." Auch beim Fatigue-Syndrom bei dem sich Patienten müde und erschöpft fühlen, würde in einigen Studien ein Rückgang der Nebenwirkungen von dreißig oder sogar vierzig Prozent beobachtet. Das Training könne außerdem helfen, Übelkeit und Schmerzen deutlich zu reduzieren, berichtet Baumann.

Wie genau die Einheiten wirken, sei aber bei vielen Symptomen noch unklar: "Wir vermuten, dass hier bei einem Fatigue beispielsweise Entzündungsmechanismen reduziert werden können. Körperliche Aktivität ist ein sogenannter antiinflammatorischer Prozess, also ein antientzündlicher Prozess. Chemotherapie ist ja ein proinflammatorischer Prozess, also ein Entzündungsprozess, den man generell im Körper beobachten kann. Da bilden wir eine Art Gegenspieler."

Viele Patienten haben noch keinen Zugang

Die Bewegungstherapie ist laut Baumann noch ein junges Feld. Viele Studien seien erst in den letzten fünf bis zehn Jahren veröffentlicht worden. Deshalb hätten viele Patienten zu solchen Angeboten heute auch noch keinen Zugang. "Das Wissen ist zwar jüngst da, aber es ist noch nicht in der Versorgungsleistung angekommen. Daran arbeiten wir im Moment. Und es besteht noch sehr viel Nachholbedarf hinsichtlich der Anerkennung der Kostenträger."

Patientin Isabell Krieges-Kottentiede hat den Krebs zwar besiegt, muss aber für Jahre weiter Tabletten nehmen. Auch diese Medikamente können Nebenwirkungen haben. "Im Moment habe ich keine und ich mache weiter Sport. Also ich bin auf jeden Fall zweimal die Woche beim Krafttraining und ich habe kein Auto, ich bin immer mit dem Fahrrad unterwegs."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Radio-Visite | 19.11.2019 | 09:20 Uhr

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