Stand: 16.02.2019 05:00 Uhr

Millimeter-Arbeit für eine Tapete aus Gold

von Begüm Düzgün

Millimeter für Millimeter trägt sie mit einem kleinen Pinsel Lack auf die silber schimmernden Stellen der Tapete auf. Die Hand ruhig, der Blick konzentriert, um sie herum alles still. Eva Kümmel arbeitet mitten im Altarraum, umgeben von einer prunkvollen Kanzel und dem Kreuz Jesu. Quer auf dem Fliesenboden liegt alles, was sie braucht, darunter eine Mischpalette mit erdigen Farbtönen, ein metallener Spachtel und viel Watte. Mit Hilfe einer Lupenbrille trägt sie jeden Pinselstrich genau auf. Neun Jahre hat die Restauratorin auf die Goldtapeten der St. Willehadkirche in der Gemeinde Groß Grönau (Kreis Herzogtum Lauenburg) gewartet. Nun wurde dieser Traum wahr für die 48-Jährige.

Kirche Groß Grönau: Restauratorin saniert Goldtapete

Eine ganz besondere Verbindung

2010 fehlte der Kirche noch das Geld für eine vollständige Restaurierung. Nun wird sie von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz unterstützt. Seit Dezember bearbeitet Kümmel die Ledertapeten an der Innenseite der Kanzeltreppe. Sie kennt die Goldledertapeten der Gemeinde und fühlt sich mit ihnen verbunden: "Die sind etwas ganz Besonderes, das empfinde ich auch so, weil sie von dem Stifter vermutlich hier an dem Ort angebracht worden sind."

Tapeten sind wahrscheinlich viele Jahrhunderte alt

Ihre genaue Herkunft ist bis heute unklar. Auf der Außenseite der Kanzel steht aber, dass die Ledertapeten im 17. Jahrhundert vom ehemaligen Herzog von Sachsen-Lauenburg, Franz Erdmann, gestiftet worden sind. Durch Licht und Feuchtigkeit hat sich ihr Zustand mit den Jahren allerdings verschlechtert. Teile des Goldlacks sind ausgebleicht und verschmutzt. An einigen Stellen sind die 25 Einzelstücke gerissen. Dennoch findet Kümmel, dass die Goldledertapeten gut erhalten sind.

Eva Kümmel verarztet Risse und Narben

Vorsichtig streift sie mit den Fingerkuppen über die bunten Blüten und muschelförmigen Prägungen - und prüft die abgenutzten Flächen am Leder. An manchen Stellen leuchtet der Grund noch in satten Goldtönen, andere sind matt und farblos. Die silberne Unterschicht schimmert überall dort durch, wo der dünne Goldlack sich abgelöst hat. Einige Risse und Narben hat die Restauratorin schon mit einem speziellen Leder unterlegt. Viele weitere Stellen warten noch darauf, von ihr verarztet zu werden.

Freiberuflich mit eigener Werkstatt

Schon früh entdeckte Kümmel ihre Leidenschaft für Restaurierung und Kunstgeschichte. Ihre Vorbilder kommen aus der eigenen Familie. Die Großmutter war Kunsthistorikerin, der Vater sammelte chinesische Kunst und half in seiner Jugend im Museum aus. Dort durfte er auch in der Restaurierungswerkstatt mitarbeiten. Nach ihrem Studium als Textil-Ingenieurin wurde Kümmel klar: Sie will keine Ingenieurin sein, sondern handwerklich arbeiten. Es folgten zwei Jahre Volontariat in einem Museum und das anschließende Studium der Restaurierung. Seit 2001 betreibt Kümmel eine Werkstatt in Lübeck und lebt dort mit ihrem Mann und ihren drei Kindern. Um für ihre Kinder da sein zu können, teilt sich die Freiberuflerin ihre Arbeitszeiten selbst auf. Einen Großteil ihrer Aufträge bekommt sie von Museen oder Kirchen. Dabei kümmert sie sich um verkommene Fahnen, Klingelbeutel, Ledertapeten oder Kostüme.

"Das ist fast wie meditieren"

Bild vergrößern
Die mühsame Arbeit ist für Restauratorin Eva Kümmel auch eine Art Entspannung. Die immer gleichen Tätigkeiten haben für sie eine fast meditative Wirkung.

Die Arbeiten an den Objekten sind oft mühsam und kleinteilig - für manch einen undenkbar, für die dreifache Mutter aber eine Möglichkeit, sich zu entspannen: "Da gibt es so Tätigkeiten, wo man sehr viel Gleiches machen muss. Das ist fast wie meditieren." Aber auch nur fast, denn trotz sich wiederholender Vorgänge wie dem Reinigen der Tapeten oder feinsten Pinselstrichen muss Kümmel sich immer wieder auf unerwartete Probleme einstellen.

Fettflecken an der Tapete

So ist es auch bei den Goldledertapeten in der St.Willehadkirche. "In dem Bereich oben in der Kanzel ist der Pastor gegengetreten, und es gibt Fettflecken von den Händen."  Fettflecken, die sich nur schwer entfernen lassen und für die Kümmel einen neuen Ansatz finden muss - denn beim Reinigen darf der Goldlack nicht beschädigt werden. In sehr schwierigen Ausnahmen sucht die Restauratorin Rat bei Kollegen. Bei ihrer Arbeit in Groß Grönau ist Kümmel aber auf sich allein gestellt. "Das ist halt oft so, dass man alleine vor dem Objekt sitzt. Dass ich dann nicht noch jemanden fragen kann, stört mich sehr."

Für die 48-Jährige aber kein Grund aufzugeben. In jedes einzelne Detail der Goldtapete investiert sie Zeit und Muße. Bei ihrer Arbeit ist Kümmel perfektionistisch und hat einen hohen Anspruch an sich selbst. Die Goldtapeten muss sie bis Juni fertig restaurieren. "Ich bin immer unzufrieden. Immer. Erst nach ein bisschen Abstand denke ich, ist ja doch ganz gut geworden." Nach einer kurzen Pause steigt sie wieder die knirschenden Holzstufen der Kanzeltreppe auf und setzt sich zurück auf ihren Platz. Routiniert greift sie zu ihrem kleinen Pinsel und streicht weiter über die freistehenden Silberschichten. Um sie herum, ist wieder alles still.

Weitere Informationen

Kirchen und Klöster in Norddeutschland

In Hildesheim stehen gleich zwei Gotteshäuser, die zum Weltkulturerbe gehören. Auch die Hansestädte bieten bedeutende sakrale Bauten. Ein Überblick. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 15.02.2019 | 20:45 Uhr

Mehr Nachrichten aus Schleswig-Holstein

01:02
Schleswig-Holstein Magazin
02:03
Schleswig-Holstein Magazin
03:49
Schleswig-Holstein Magazin