Stand: 04.08.2019 19:10 Uhr

Mamas Curry finanziert das Studium in Indien

Von Astrid Wulf

Traditionelle Curry-Gewürzmischungen für die Bildung indischer Jugendlicher: Das ist das Geschäftsmodell von "College Curries" - einem Start-up-Unternehmen aus Gülzow im Süden Schleswig-Holsteins. Verkauft werden Currymischungen indischer Hausfrauen, unter ihrem Namen und zubereitet nach ihrem Originalrezept. Mit einem Teil des verdienten Geldes finanzieren diese Hausfrauen das Studium ihrer Kinder in Indien. Das junge Unternehmen hat auf diese Weise schon einer jungen Inderin und einem jungen Inder geholfen, ein Studium aufzunehmen und es abzuschließen.

Nils und Surya wollten helfen - aber nicht spenden

Auf die Idee für "College Curries" kamen Nils Lalleike und seine Freundin Surya Ormeloh in Indien. Beide haben dort für den Abschluss ihres Studiums geforscht. In einem südindischen Dorf lernten sie eine Frau namens Renuka kennen. Sie bat die beiden um Geld für das Masterstudium ihrer Tochter Bhuvana. Das deutsche Paar steckte im Dilemma: "Wir haben einfach das Riesenglück gehabt, den richtigen Pass in der Tasche zu haben. Da wäre es unbarmherzig und undankbar zu sagen: Renuka - das ist dein Problem." Die beiden wollten helfen, hatten aber kein gutes Gefühl dabei, ihr das Geld einfach zu organisieren und zuzuschießen, erklärt Nils Lalleike. "Wir können nicht sagen: Leute, hier ist das Geld, so geht's. Das verfestigt einfach diese Perspektive - wir sind die armen dunkelhäutigen Inder und ihr seid Weiße und habt Geld."

Masterstudium finanziert - dank der ersten Ladung Curry

Stattdessen fragte sich das Paar, was Renuka den beiden im Gegenzug geben könnte - und sie kamen auf das familieneigene Curryrezept. Also gingen Renuka und Surya Ormeloh los, besorgten unter anderem Kreuzkümmel, Asant und Straucherbsen am Straßenrand. Sie mahlten die Gewürze, packten das Curry ab und verteilten die Mischung unter Freunden und innerhalb der Familie. "Dabei haben wir die Geschichte erzählt und eine Spende mitgenommen", sagt Surya Ormeloh. "Nach diesem Sommer haben wir das gesamte Masterstudium für sie zusammengehabt."

Gewürzmischungen gibt's in Bioläden und im Onlineshop

Bald baten die ersten Spenderinnen und Spender um Nachschub - und aus der Spontanaktion wurde eine Geschäftsidee. Mittlerweile gibt's zwei Curry-Mischungen in einigen Bioläden und online zu kaufen. Die Gewürze für die Mischungen kommen von einem deutschen Großhändler, der alle Gewürze in Bioqualität mahlt und liefert. Am liebsten würden die beiden Start-upper Original-Gewürzmischungen direkt aus den Heimatorten der indischen Mütter anbieten. "Die würden allerdings durch alle Lebensmittelkontrollen durchfallen", sagt Nils Lalleike. "Die Mühle ist super alt, der Müller geht da mit seinen Händen durch, das Ganze landet in so einem alten Plastikeimer, wo mal Farbe drin war."

Bald soll die dritte Gewürzmischung auf den Markt kommen

Nils Lalleike wirft Senfsamen ins heiße Öl und gibt frischen Knoblauch und Ingwer mit in die Pfanne. Dazu zwei Löffel einer Gewürzmischung. Noch klebt ein handgeschriebenes Etikett auf dem Glas, die Mischung soll das dritte Produkt der "College Curries" werden. Nils Lalleikes Freundin Surya Ormeloh schneidet Tomaten. "Eine Inderin hat uns ein paar Kniffe erklärt. Dass zum Beispiel die Tomaten nicht mitgekocht, sondern erst im Nachhinein reingegeben werden." Das Rezept kommt von Jancy, einer Frau aus einem südindischen Bergdorf. Mit dem Geld soll das Studium ihrer Tochter Helen finanziert werden. "Helen ist bereits im Bachelorstudium. Sie hat das erste Jahr absolviert, und in dem Jahr haben wir sie kennengelernt. Sie kommt aus einem kleinen Bergdorf. Ziemlich genau da, wo der Pfeffer wächst", lacht Nils Lalleike.

Curry als Grundlage für den Studienabschluss

Unternehmen will künftig auch Studierende aus anderen Ländern unterstützen

Die Gründer von "College Curries" konnten dank Stipendien und Förderungen studieren und im Ausland forschen. Jetzt sind sie froh, Studierenden in Indien helfen zu können, die solche Möglichkeiten nicht haben. Rund 100 Kilo der Gewürzmischungen haben die beiden Jung-Unternehmer bereits verkauft. Nils Lalleike schätzt, dass das Renukas Tochter Bhuvana bisher 5.500 Euro für ihr Studium eingebracht hat. In Indien seien eher Studienkredite üblich - mit drückenden Schuldenbergen am Ende des Studiums, sagt Surya Ormeloh. Langfristig soll "College Curries" nicht nur jungen Indern helfen. "Wir haben jetzt auch schon weiter gesponnen, dass man vielleicht auch in Mexiko Studierende finanzieren kann und traditionelle Rezepte nach Deutschland bringt. Im Träumen sind wir ganz gut."

Land unterstützt "College Curries" mit Gründungsstipendium

Die ganze Küche duftet nach den Gewürzen der neuen Gewürzmischung. Die beiden Start-upper sind zufrieden mit "Jancys Curry" - und zuversichtlich, dass ihre Firma irgendwann auch ohne Zuschüsse und Nebenjobs läuft. Bisher können die "College Curries"-Gründer noch nicht von ihrem Unternehmen leben und müssen selbst finanziell unterstützt werden - mit einem Gründungsstipendium des Landes Schleswig-Holstein. "Ziel ist es, dahin zu kommen, dass man sich selber finanzieren kann", sagt Nils Lalleike. Er und seine Freundin glauben fest daran, dass die Rezepte der indischen Hausfrau so gut sind, dass es funktionieren wird.

Weitere Informationen

Mit "College Curries" zu einer besseren Bildung

31.07.2019 20:40 Uhr
NDR 1 Welle Nord

Traditionelle Curry-Gewürzmischungen für die Bildung indischer Jugendliche: das ist das Geschäftsmodell von "College Curries" - einem Start-up-Unternehmen aus Gülzow im Süden Schleswig-Holsteins. Audio (03:00 min)

03:41
NDR Info

"Muttis Curry-Mischungen" finanzieren Studium

NDR Info

Das Start-up-Unternehmen "College Curries" aus Schleswig-Holstein verkauft Currymischungen indischer Hausfrauen. Diese können damit das Studium ihrer Kinder finanzieren. Audio (03:41 min)

Curry: Gesunde Gewürzmischung aus Indien

Kurkuma, Chili, Koriander, Kreuzkümmel und Pfeffer gehören zu den klassischen Bestandteilen von Curry. Die Gewürzmischung kann man auch ganz einfach selbst herstellen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Von Binnenland und Waterkant | 31.07.2019 | 20:40 Uhr

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