Stand: 15.02.2019 08:57 Uhr

Lufthansa will mit Kerosin aus Windstrom abheben

Von Carsten Rauterberg

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Raffinerie Heide und Lufthansa haben eine Absichtserklärung zur Produktion und Abnahme von synthetischem Kerosin unterzeichnet.

An der Westküste Schleswig-Holsteins drehen sich Hunderte Windräder. Wenn die Netze aber nicht genug Energie aufnehmen können, müssen sie stehen bleiben. Was lässt sich dagegen tun? Wissenschaftler und die Raffinerie Heide in Hemmingstedt (Kreis Dithmarschen) wollen aus dem überschüssigen Strom in der Region Treibstoff für Flugzeuge machen - sogenanntes Kerosyn. Die Deutsche Lufthansa AG will das synthetische Kerosin abnehmen. Das haben Raffinerie und Fluggesellschaft nun in einem Kooperationsvertrag besiegelt. "Man muss sich das ein wenig wie ein Chemie-Baukasten vorstellen", sagt Raffinerie-Geschäftsführer Jürgen Wollschläger im Interview mit NDR Schleswig-Holstein. "Mit dem Windstrom zerlegen wir Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff. Dann nehme ich den Wasserstoff und CO2 aus der Luft und baue das wieder zusammen. Damit haben wir Kohlenwasserstoff und damit Kerosyn."

Raffinerie plant Pilotanlage

Was bei Autos möglich ist - nämlich E-Mobilität - das geht bei Flugzeugen wegen des enormen Energiebedafs nicht. "Flugzeuge mit Batterien habe ich noch nicht gesehen. Das heißt, wir müssen auf flüssige Kraftstoffe zurückgreifen", sagt Wollschläger. Seit einem halben Jahr arbeiten Experten der Raffinerie Heide und Forscher der Uni Bremen zusammen an dem Projekt "Kerosyn100". CO2-neutrales Fliegen ist das Ziel. Noch arbeiten die Ingenieure und der Projektguppe am Schreibtisch, später soll auf dem Raffineriegelände in Heide eine Pilotanlage für synthetischen Flugzeug-Kraftstoff entstehen.

Die Raffinerie Heide verfügt über eine Verarbeitungskapazität von 4,5 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr - so viel wie der komplette Mineralölbedarf Schleswig-Holsteins. Das Unternehmen produziert klassische Mineralölerzeugnisse wie Ottokraftstoffe, Diesel- und eben auch konventionellen Flugkraftstoff. Mit rund 530 Mitarbeitern zählt die Raffinerie Heide zu den größten Arbeitgebern in Dithmarschen.

Hamburger Flughafen will Kerosyn anbieten

Das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt das in ganz Deutschland einmalige Projekt der Raffinerie Heide und der Uni Bremen. Lufthansa will den grünen Kraftstoff künftig abnehmen. Die Raffinerie Heide liefert bereits jetzt pro Jahr 350.000 Tonnen Flugzeug-Kraftstoff an den Hamburger Flughafen. An solchen Mengen sei erstmal nicht zu denken, sagt Raffinerie-Chef Jürgen Wollschläger. "Wir haben uns auf die Formel 'Fünf in Fünf' verständigt. In fünf Jahren wollen wir fünf Prozent des Flugzeugkraftstoffs am Flughafen Hamburg synthetisch herstellen." Der Airport der Hansestadt unterstützt das Projekt.

"Die Pilotanlage könnten wir morgen schon bauen", sagen Stefan Finnern, Projektleiter der Raffinerie, und Timo Wassermann von der Uni Bremen. Entsprechende Techniken gibt es nämlich bereits. "Aber wir müssen die chemischen Verfahren so verbessern, dass wir mehr Kerosyn herstellen als bisher. Wenn wir dieses Feintuning noch hinbekommen und die Ausbeute des Produktes steigern, dann können wir damit auch an den Markt gehen."

Lufthansa: "Klimafreundlicher Luftverkehr wichtiges Ziel"

Die Projektpartner sind optimistisch, dass die Marktreife gelingt. "Durch den künftigen Abnehmer - die Deutsche Lufthansa - haben wir einen entscheidenden Schub bekommen", sagt Raffinerie-Chef Wollschläger. "Damit ist klar, dass wir ein fehlendes Glied in unserer Kette - nämlich den Kunden - mit an Bord und mit im Projekt haben." Auch für die Fluggesellschaft ist der Vertrag mit der Raffinerie ein entscheidender Schritt. "Klimafreundlicher Luftverkehr ist ein wichtiges Ziel", sagt der Vizepräsident der Deutschen Lufthansa, Thorsten Luft. "Außerdem forschen wir seit Jahren zum Thema alternative Kraftstoffe. Nun haben wir mit der Raffinerie einen lokalen und innovativen Anbieter gefunden, und noch dazu mit kurzen Transportwegen." Der neue grüne Kraftstoff kann - wie das herkömmliche Kerosin aus Rohöl - in gut einer Stunde über die Autobahn von Heide nach Hamburg gebracht werden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 15.02.2019 | 09:00 Uhr

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