Stand: 16.09.2018 07:00 Uhr

Letzte Videothek in Kiel: "Film Peter" lebt noch

von Christine Pilger

Der Besuch einer Videothek - die Vorstellung im Kopf ist wahrscheinlich diese: Es riecht ein bisschen muffig, vielleicht nach Zigarettenqualm. An der Theke sitzt ein etwas müde guckender Mitarbeiter im Kapuzenpullover, der die Augen verdreht, weil man wieder "Dirty Dancing" ausleiht. Aber diese Vorstellung ist überholt, schon allein weil es kaum noch Videotheken im Land gibt und die Betreiber der verbliebenen für ein freundliches Ambiente und hilfsbereite Mitarbeiter sorgen. 23 Videotheken hat der Interessensverband des Video- und Medienfachhandels Ende vergangenen Jahres noch in Schleswig-Holstein gezählt. Zehn Jahre zuvor waren es noch 139. Eine, die das Videotheken-Sterben überlebt hat, ist "Film Peter" in Kiel. Dort wirkt der Geschäftsführer selbst wie aus einem alten Hollywood-Film entsprungen.

In SH gibt es immer weniger Videotheken

Roter Teppich, Oscar-Figuren und ein schwarzer Hut

Von außen betrachtet ist die Videothek ziemlich in die Jahre gekommen. Die Farbe des Firmenschilds bröckelt, leuchtend rot ist nur noch die über dem Eingang thronende Spiderman-Figur. Geht man durch die Tür, einige Stufen hinein in das riesige Geschäft, ist man in einer ganz anderen Welt. Geradeaus der rote Teppich, drumherum vier überlebensgroße, goldene Oscar-Figuren und dazu der Geruch von Kino. Kein Wunder, schließlich stehen im Eingangsbereich ausgemusterte Kino-Sessel, dazu Popcorn, Softdrinks und Eis zum Verkauf.

Filmluft schnuppern in der Videothek

Kundin Nicole Einert aus Kiel kommt seit fast 30 Jahren zu "Film Peter" - sie bleibt zunächst einen Moment stehen und sagt: "Es reicht einfach reinzukommen und Filmluft zu schnuppern. Andere müssen das im Kino haben, aber hier ist das doch fast genauso. Es ist einfach wie eine Auszeit." Bei so viel Lob strahlt Geschäftsführer Uwe Peter unter seinem schwarzen Hut, den er nur ausnahmsweise fürs Foto abnimmt. Mit Hemd, Weste und eben dem Hut wirkt der 68-Jährige selbst wie ein Schauspieler. Ein paar Sorgenfalten sieht man aber deutlich in seinem Gesicht.

Früher gab es acht Filialen von "Film Peter" in Kiel

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Uwe Peter von der Videothek "Film Peter" in Kiel hofft, dass er sein Geschäft noch lange weiterführen kann.

Beim Stöbern in den prallgefüllten DVD-Regalen schwelgt er in Erinnerungen. Seit 36 Jahren werden Film-Fans bei Uwe Peter fündig - damals fing er mit einem kleinen Laden in Kiel an. Der Erfolg kam schnell, er betrieb zwischenzeitlich acht Filialen mit fast 90 Mitarbeitern. Die letzte verbliebene Filiale in der Deliusstraße betreibt Uwe Peter zusammen mit seinem Bruder Jürgen. "Ich liebe einfach Filme. Seit meiner Kindheit bin ich schon gerne ins Kino gegangen, weil es so viele schöne Filme gibt. Da steckt zum Teil eine Menge Kunst dahinter."

Filme werden eher gekauft als geliehen

Auch heute fällt beim Blick in die DVD-Regale auf: Hier wird wohl jeder noch so außergewöhnliche Film-Fan fündig. Sortiert nach Schauspielern steht Pamela Anderson neben Paris Hilton, Agatha Christie neben Alain Delon, Liebesschnulze neben Arthouse-Filmen. Eine eigene Abteilung im Erdgeschoss haben die Horrorfans und Porno-Gucker - im Obergeschoss stehen außerdem Kinder- und Jugendfilme. Eine große Auswahl, wobei Kunden die meisten Filme im Regal kaufen können, denn das Leihgeschäft funktioniert kaum noch, gesteht Peter: "Wir haben versucht, uns rechtzeitig umzustellen. Wir haben ein riesiges Kaufangebot, speziell Arthouse-Filme, Film-Klassiker und selbstverständlich auch alle Neuheiten." Auf die Frage, wie es mit dem Umsatz insgesamt aussieht, sagt er: "Es ist knapp. Sehr knapp."

"Lass' uns den lieber irgendwo runterladen"

Das Videotheken-Sterben, nicht nur in Schleswig-Holstein, geht schon länger. Gab es 2003 in ganz Deutschland noch über 4.200 Videotheken, waren es nach Angaben des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels (IVD) 2017 nur noch 600 - Tendenz sinkend. Sowohl Verbandschef Jörg Weinrich als auch Videotheken-Urgestein Uwe Peter machen vor allem die illegalen Streams im Internet für den rasanten Abstieg verantwortlich. Irgendwann kamen Kunden ins Geschäft und sagten zu Uwe Peter: "Den Filme habe ich schon als Kopie. Oder: Lass' uns den lieber irgendwo runterladen."

Große Konkurrenz: Amazon, Netflix und Co.

Uwe Peter atmet tief durch und ergänzt: "Das macht uns dann auch ein wenig traurig." Natürlich haben auch legale Angebote wie Netflix, Amazon Prime und zahlreiche Mediatheken dafür gesorgt, dass Serien- und Filmfans bequem von zuhause ihre Auswahl treffen. Die aktuellsten Filme gibt es häufig aber noch nicht. Die gibt es in Videotheken - und eben in illegalen Streams. Ein weiterer Grund für den Rückgang der Videotheken: Viele langjährige Betreiber finden einfach keinen Nachfolger.

Das Zusatzangebot in Videotheken: Trödel und Sonnenstudio.

Uwe Peter versucht seit einem halben Jahr, neue Kunden zu "Film Peter" zu locken, indem er auch Trödel anbietet. Weißes Geschirr mit Goldrand gibt es ebenso zu kaufen wie Kristallvasen und Schallplattenspieler. Außerdem verkaufen der 68-Jährige und seine Mitarbeiter tagtäglich viele DVDs online - dafür gibt es ein extra großes Lager mit angrenzendem Büro. Es scheint zu funktionieren: "Ob Sie es glauben oder nicht - wir haben jeden Tag ungefähr zehn Neu-Anmeldungen."

Auch Jörg Weinrich vom IVD sagt, die verbliebenen Videotheken-Betreiber müssen ein Zusatzgeschäft anbieten, um zu bestehen. In Bredstedt (Kreis Nordfriesland) beispielsweise wird in der Videothek gleichzeitig ein Sonnenstudio betrieben. Bei "Film Peter" in Kiel hofft Uwe Peter, dass die tausenden DVDs, Filmplakate und Filmfiguren wie Jack Sparrow aus "Fluch der Karibik" und der Joker aus Batman noch lange in der Deliusstraße stehen bleiben können. Wie lange? Der 68-Jährige fasst sich an seinen schwarzen Hut und sagt: "Bis ich 78 Jahre bin. Das wäre schön."

Weitere Informationen

"Das ist jetzt Retro" - Aus für die Videothek

Das Videoparadies in der Flensburger Neustadt schließt - nach 18 Jahren. In Zeiten von Streaming-Diensten wie Netflix oder Amazon lohnt sich das Geschäft einfach nicht mehr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 16.09.2018 | 08:00 Uhr

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