Ein Fahrzeug des Shuttledienstes Ioki. © NDR Foto: Johannes Tran

Kreis Stormarn probiert den Shuttle-Service

Stand: 27.12.2020 15:11 Uhr

Ioki nennt sich der neue Shuttle-Service-Anbieter für den Kreis Stormarn. Noch ist nicht absehbar, ob viele Menschen dafür ihr eigenes Auto stehen lassen. Auch andere Städte haben Erfahrungen mit Shuttle-Angeboten.

von Johannes Tran

Nein, wirklich ekstatisch wirken die Statements der Bahn-Tochter Ioki zum Start ihres Shuttle-Services nicht. Eher erwartungsvoll, gespannt, neugierig. "Lassen Sie uns die Daumen drücken, dass die Leute es annehmen", sagt der Stormarner Landrat Henning Görtz. "Die Menschen werden nicht von heute auf morgen ihr Auto stehen lassen", meint eine Bahnsprecherin. "Aber vielleicht verzichten sie in Zukunft auf ihren Zweit- oder Drittwagen." Und der Ioki-Manager Isaac Larbi erklärt: "Wir wissen, dass der Anfang wegen der Pandemie schwieriger wird. Aber wir sehen Corona auch als Chance." Sie alle verbinden mit ihrem neuen Shuttle-Service im Kreis Stormarn eine große Hoffnung: Menschen langfristig davon zu überzeugen, das Auto zuhause stehen zu lassen. Oder sich erst gar keins anzuschaffen.

Ein Algorithmus bündelt Passagiere zu Fahrgemeinschaften

Aufs Auto haben viele Ahrensburger an diesem grauen Vormittag nicht verzichtet. Es ist der letzte Tag vor den Corona-Ladenschließungen. Vor dem Rathaus sind fast alle Parkplätze belegt, Autos hupen, drängeln und zwängen sich in Parklücken. Martina steht regungslos da. Martina, so haben die Ioki-Verantwortlichen das weiße Auto mit den pinken und blauen Streifen getauft, das sie hier den Journalisten präsentieren. Martina ist einer von neun Elektro-Shuttles, die künftig Fahrgäste in Ahrensburg und den Gemeinden Lütjensee, Großensee, Trittau und Brunsbek transportieren sollen. Fahrpläne gibt es nicht, der Shuttle fährt von früh morgens bis spät abends, "on demand", also bei Bedarf. Wer mitfahren will, kann per App eine Fahrt buchen und wird an einer Wunschadresse oder nahe gelegenen Haltestelle abgeholt. Ein Algorithmus bündelt Fahrgäste mit ähnlichen Routen zu Fahrgemeinschaften – ähnlich wie beim Sammeltaxi-Anbieter Moia in Hamburg.

Wegen Corona wird nur die Hälfte der Sitzplätze belegt

Ein Ziel der Anbieter - der Shuttle soll vor allem Wege zum Bahnhof überbrücken. Pendler, die etwa von Ahrensburg mit der Regionalbahn nach Hamburg fahren, müssten dann nicht mit dem Auto zur Bahn fahren, sondern könnten auf den Shuttle umsteigen. Tickets des öffentlichen Nahverkehrs sind auch dort gültig, pro Fahrt wird ein Aufschlag von einem Euro fällig.                        

Aber wie bringt man Menschen in einer Pandemie dazu, auf das eigene Auto zu verzichten und ihre Fahrten mit anderen zu teilen? Der Ioki-Manager verweist auf Schutzmaßnahmen in den Shuttles: Die buchbaren Plätze pro Fahrt seien von sechs auf drei reduziert worden; außerdem gelte eine Maskenpflicht und es gebe einen Spuckschutz zwischen dem Fahrer und den Passagieren.

Ohne das Nachtleben bleiben die jungen Fahrgäste weg

Wie sehr Shuttle-Dienste in Schleswig-Holstein unter der Pandemie ächzen, zeigt ein Blick auf andere Städte im Land. Im August haben die Stadtwerke Neumünster ihren on-Demand-Service Hin und Wech gestartet, mit drei kleinen Transportern, die nachts unterwegs sind und die bisherigen Nachtbusse ersetzen. Zahlen zu den beförderten Fahrgästen will Sprecher Niklas Grewe nicht preisgeben, aber: "Die Auslastung ist gerade eher gering, die Fahrten sind kaum ausgebucht." Am Anfang hatten die Stadtwerke vor allem junge Menschen als Zielgruppe im Blick, sie planten Werbeaktionen vor Bars und Kneipen. Jetzt, nach den Corona-Schließungen im Nachtleben, befördern sie überwiegend Menschen über 50, sagt Grewe.

In Lübeck könnte das Shuttle-Angebot ausgeweitet werden

Eine Frau sitzt in einem Auto, während neben ihr ein Mann an der offenen Fahrertür mit einem Smartphone in der Hand steht. © NDR Foto: Katrin Bohlmann
Wegen Corona nutzen zurzeit weniger Menschen den Lübecker Shuttle-Service LÜMO.

Ähnliches berichtet auch Gerlinde Zielke, Sprecherin des Stadtverkehrs Lübeck. Dort sind seit 2018 abends und nachts Elektro-Busse für LÜMO unterwegs, so nennen sie ihren Shuttle-Dienst. 200 bis 250 Fahrgäste habe LÜMO vor der Pandemie pro Monat befördert - "viele Studenten, die waren alle begeistert". Jetzt seien es nur noch 60 Passagiere monatlich, und die Nutzer seien vor allem ältere Menschen. Trotzdem will die Stadt das Shuttle-Angebot weiterentwickeln, zur Debatte steht laut Zielke etwa eine Ausweitung des Geschäftsgebiets auf Travemünde. "'LÜMO ist unser Experimentierfeld", sagt sie. Bis der Shuttle eine echte Alternative zum eigenen Auto werde, "brauchen wir aber einen langen Atem".

Shuttle-Anbieter hat sich aus Kiel wieder zurückgezogen

Ein Fahrzeug des Fahrdienstes CleverShuttle © picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB Foto: Hendrik Schmidt
Clevershuttle gibt es in Kiel nicht mehr. Die Nachfrage war zu gering.

Dieses Durchhaltevermögen hatte Clevershuttle in Kiel nicht. Nach kaum mehr als einem Jahr stellte der Anbieter mit den grünen Elektrobussen seinen on-Demand-Service Ende Oktober ein. "Die Auslastung ließ im Zuge der Pandemie kontinuierlich nach", schreiben die Kieler Nachrichten, die an Clevershuttle beteiligt waren. Außerdem habe sich die Bahn, die ebenfalls Anteile an dem Geschäft hatte, strategisch neu aufgestellt. Die alleinige Fortführung des Betriebs sei deshalb keine Option gewesen, hieß es. Auf NDR Nachfrage bestätigt eine Bahnsprecherin, dass die Bahn künftig stärker auf Shuttle-Dienste setzen wolle, die in den öffentlichen Nahverkehr integriert sind - und genau das leiste Ioki im Kreis Stormarn.

Wie die Menschen dort das neue Angebot annehmen, wollen die Verantwortlichen in den kommenden Monaten untersuchen. Das Pilotprojekt in Stormarn läuft zunächst befristet bis Ende 2021.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 13.12.2020 | 13:00 Uhr

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