Stand: 30.08.2020 06:00 Uhr

Immer auf der Suche: Obdachlose im Sommer

von Anne Passow

Sommer, Sonne und Wärme - Fernando, 39 Jahre alt, mag dieses Wetter grundsätzlich schon. Aber er sagt auch: "Im Winter ist es fast einfacher." Im Winter nämlich, erklärt er, wenn es kalt ist und auf Weihnachten zugeht, sind die Obdachlosen präsent in den Köpfen der Menschen. "Alle spenden Geld und Essen. Die Hilfsorganisationen sind mit ihren Bussen unterwegs, um Mahlzeiten zu verteilen und wir können über das Winternotprogramm in Containern schlafen." Im Sommer ist das nicht so einfach. "Man kann von den Temperaturen her zwar gut draußen schlafen, aber du musst erst mal einen Platz finden, wo dich niemand vertreibt und du halbwegs wettergeschützt bist."

Während Fernando erzählt, sitzt er an einem Tisch im Tagestreff und Kontaktladen (Tako) der Stadtmission Mensch in der Schaßstraße in Kiel und trinkt ein Glas Wasser. Tagsüber kann er herkommen, für wenig Geld essen, trinken, duschen, seine Wäsche waschen. Nachmittags muss er wieder raus.

Übernachten im Abrisshaus

In den anderthalb Jahren, die Fernando sich bisher in Kiel ohne Wohnung durchschlägt, hat er seine Schlaforte gefunden. "Ich habe lange in so einem Holzbau auf einem Spielplatz geschlafen. Da muss man aber immer ganz früh weg. Muss ja nicht sein, dass die Kinder einen da sehen", erzählt er. Lange nächtigte er in einem Abrisshaus in Kiel-Gaarden, "aber irgendwann brannte das ab". Eine Zeit lang kam er im Kieler Bodelschwingh-Haus unter. "Da sind aber auch Dealer und so untergebracht. Da musst du dich erst mal gegen die anderen durchsetzen", meint er. Kurzzeitig schlief Fernando in der Gartenlaube eines Freundes. Seit wenigen Wochen nun hat er über die Stadtmission ein kleines Hotelzimmer bekommen. Obdachlose werden dort zeitweise untergebracht, wenn andere Notunterkünfte überfüllt sind. Fernando ist froh, hier vorübergehend einen Ort zu haben, wo er schlafen kann. Geschützt vor Menschen, die ihn vertreiben könnten - und geschützt vor dem Wetter, im Sommer oft auch vor der Hitze.

Dusche und Wechselkleidung im Sommer wichtig

Schutz vor der Hitze zu finden, das sei für Obdachlose schwierig, betont Lars Schäfer von der Diakonie Deutschland: "Obdachlose haben es im Sommer keineswegs leichter als im Winter." Die kalte Dusche, die saubere Kleidung zum Wechseln und genug Trinkwasser - all das ist eben nicht so einfach erreichbar.

In Kiel will hier zumindest tagsüber und unter der Woche das Tako helfen. "Es geht um die Grundbedürfnisse. Aber wir wollen unseren Klienten auch eine Tagesstruktur geben und helfen dabei, einen Ausweis zu beantragen oder eine Bewerbung zu schreiben", erklärt Soziologin Inga Zopp von der Stadtmission. Aktuell kommen im Schnitt täglich zehn Menschen ins Tako. Wegen der Corona-Regeln darf die Einrichtung auch nicht viel mehr aufnehmen. Das Tako kümmert sich vornehmlich um wohnungslose Männer. Für Frauen gibt es ein weiteres Angebot.

Immer mehr wohnungslose Menschen

Die Zahl der Menschen ohne Obdach steigt, berichtet Michael Schmitz-Sierck von der Stadtmission. Das zeigt auch eine Statistik der diakonischen Wohnungslosenhilfe. Rund 7.880 Menschen haben im vergangenen Jahr deren Angebote in Anspruch genommen. Das waren gut 400 mehr als im Jahr 2018 und knapp 2.500 mehr als 2014. Brennpunkte sind Kiel (2019: 1.499), Lübeck (2019: 1.394), Flensburg (2019: 1.575) und Neumünster (2019:1.190). Die Dunkelziffer der wohnungslosen Menschen dürfte nach Einschätzung der Diakonie weit über diesen Zahlen liegen. Für 2020 liegen noch keine Daten vor. Wegen der Corona-Pandemie könnten die Zahlen nach Einschätzung der Diakonie aber erneut gestiegen sein.

Abrutsch kann schnell gehen

Denn mit der Pandemie steigt die Zahl der Menschen, die keine Jobs haben - und dann auch oft schnell keine Wohnung mehr. Und das kann verdammt schnell gehen, wie Phil erlebt hat. Im perfekt gebügelten Karo-Hemd sitzt der 38-Jährige an diesem Vormittag im Tako, trinkt einen Kaffee mit Milch und fragt bei Inga Zopp nach, ob in der Kleiderkammer eine Hose in seiner Größe vorhanden ist. Die Obdachlosigkeit ist noch relativ neu für Phil. "Vor drei Monaten hatte ich noch Arbeit als Elektroinstallateur." Phil verlor seinen Job, seine Wohnung, hatte Alkoholprobleme. "Ich beantrage gerade eine Therapie", sagt er - und blättert in einem Behördenschrieb. Anfangs schlief Phil draußen "in Schilksee", erzählt er. Inzwischen ist er in einer Notunterkunft untergebracht. "Ich will wieder einen Job finden. Das ist wichtig", sagt er. Außerdem muss er sich mit dem Wohnungsamt und der Rentenkasse in Verbindung setzen. Um an Hilfen zu kommen, die ihm in seiner Situation zustehen, muss er jede Menge Formulare ausfüllen. "Der Behördendschungel hört nicht auf, wenn du wohnungslos wirst. Wenn du dich da nicht durchkämpfst, bist du verloren", sagt er.

"Nicht alle sind in der Lage, Hilfe zu suchen"

Das Tako versucht hier zu helfen. Aber die Menschen müssen natürlich erst mal die Hilfe suchen. "Und nicht alle sind in der Lage dazu", sagt Fernando. Er weiß inzwischen, was er wo beantragen muss, versucht eine eigene Wohnung zu finden. "Bei dem Wohnungsmarkt ist das schwierig. Die nehmen halt lieber die Leute mit Job", so Fernando. Er selbst brach eine Maurerlehre ab und hielt sich jahrelang mit verschiedenen Reinigungsjobs über Wasser. Sein Rücken machte das auf Dauer nicht mit - und sein Asthma auch nicht. Das Haus, in dem seine letzte Wohnung war, brannte ab. Seitdem ist er wohnungslos. Fernando will nicht, dass man ihm die Wohnungslosigkeit ansieht, rasiert sich, zieht sich jeden Morgen ordentlich an. "Es gibt mehr von uns, als man denkt", sagt er. Wohnungslose, meint er, denen man ihre Lage nicht auf den ersten Blick ansieht. Die sich bei Bekannten oder in einer Einrichtung wie dem Tako duschen, dort etwas essen, und dann auf der Straße unterwegs sind, zwischen allen anderen, und sich irgendwann abends in ein Abrisshaus oder eine windgeschützte Ecke zum Schlafen zurückziehen, möglichst ohne groß aufzufallen - und immer in der Hoffnung, sich bald wieder als Teil der Gesellschaft zu fühlen.

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