Stand: 11.11.2017 08:00 Uhr

Hunderte Urnengräber in Geesthacht entdeckt

von Katrin Bohlmann

Sie graben und schaben im Erdreich. Und täglich legen sie neue Tausende Jahre alte Urnen frei. Die Mitarbeiter des archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein (ALSH) sind seit Wochen dabei, auf einem eineinhalb Fußballfeld großen Acker in Geesthacht, Urnen samt Knochenresten aus der Bronze- und Steinzeit vorsichtig auszubuddeln. "Es ist das größte jemals entdeckte Gräberfeld im Kreis Herzogtum Lauenburg", sagt Grabungsleiter Marc Kühlborn. Schon 340 Urnen haben er und sein Team entdeckt - insgesamt rechnen sie mit rund 500 Urnen. "Es ist eine ziemlich gewaltige Grabung. Das erlebt man nicht alle Tage", sagt der Archäologe. "Wir kriegen Einblicke in die Bestattungsriten. Und mit etwas Glück auch Einblicke in die Verwandtschaftsbeziehungen. Unsere Experten können das anhand der alten DNA der Knochenreste analysieren."

Neun Urnen auf gut 16 Quadratmetern

Wie eine Mondlandschaft sieht der Acker an der Mercatorstraße aus. Erdhügel türmen sich, überall sind tellergroße, runde dunkle Stellen zu sehen, eingekreist oder schon ausgegraben. Das sind die Urnenfunde, markiert mit roten Streifen. Sie liegen meist 30 bis 70 Zentimeter unter der Erde. Viele Urnen sind einzeln vergraben, andere liegen geballt auf einem Fleck. So liegen auf gut 16 Quadratmetern neun Urnen. Marc Kühlborn vermutet, dass die bestatteten Menschen irgendeine Beziehung zueinander hatten.

Aus Gräberfeld wird Gewerbegebiet

Wie eine Mondlandschaft

Hier, wo das größte lauenburgische Gräberfeld aus der vorrömischen Eisenzeit entdeckt wurde, soll im kommenden Jahr ein neues Geesthachter Gewerbegebiet entstehen. Vorher muss das achtköpfige Archäologen-Team das Feld genauestens untersuchen. Denn seit Jahrzehnten ist dieses Areal - das Heidberggebiet am nördlichen Rand des Elbtals - als bedeutende archäologische Fundstelle bekannt. Eine Voruntersuchung im Frühjahr brachte die Gewissheit, dass hier ein eisenzeitliches Gräberfeld liegt. Archäologe Kühlborn und sein Team legen die Urnen frei und dokumentieren die Funde. Die Stadt Geesthacht zahlt die Grabungen. Die Kosten belaufen sich laut Grabungsleiter Kühlborn auf rund 166.000 Euro.

Handarbeit: Mit dem Schaber geht es an die Urne

Matthias Köster kniet auf dem kalten Acker an der B 404. Als ob er die braune Erde liebevoll streichelt, schabt er vorsichtig um die Rundungen einer Urne herum. Nur der Deckel ist zunächst zu sehen. Nach und nach kommt von der Urne immer mehr zum Vorschein. Um die 150 Keramik-Urnen hat Köster bereits freigelegt. Jede ist etwas Besonderes, sagt der 39-Jährige. "Es ist immer ein Zeitfenster, das man aufmacht. Jede Urne liegt anders da, sieht anders aus. Das ist schon spannend, bringt Spaß. Wenn man überlegt, welche Mühe sich die Menschen damals gegeben haben, ihre Verwandten zu beerdigen." Viele Urnen sind noch gut erhalten und werden in einem Stück geborgen. Andere sind schon so kaputt, dass sie zerbröseln. Grabungsleiter Kühlborn: "Die Menschen vor 2.000 bis 3.000 Jahren haben die Urnen teilweise in kleine Steinkisten gelegt - oder auch nur auf einem Sandstein stehend vergraben. Viele Urnen sind aber einfach so in den Boden gesetzt worden."

"Wie ein Überraschungsei: Man weiß nie, was drin steckt."

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Hier halten die Archäologen eine Handvoll Knochenreste in der Hand.

Auch der Inhalt der Urnen ist von Bedeutung: der sogenannte Leichenbrand, die Knochenreste. Marc Kühlborn holt aus einer kleinen Plastiktüte eine Handvoll Knochen heraus und zeigt sie. Sie lagen in einer bereits zerstörten Urne. "Das ist die verbrannte Leiche. Früher hat man die natürlich nicht so fein gemahlen wie heute. Man hat die großen Knochenreste gesammelt, vielleicht nochmal gewaschen, dann in die Urne gelegt und bestattet. Heute ist der Urneninhalt aschiger." Der Archäologe und sein Team haben Respekt und Ehrfurcht vor ihren Funden. "Schließlich steckt in jeder Urne mindestens ein toter Mensch", so der 50-Jährige. Und für die Wissenschaft sind diese Ausgrabungen ein großer Gewinn. "Wir wollen den Menschen in seiner Zeit rekonstruieren - wie hat er gelebt, wie ist er mit den Verstorbenen umgegangen."

Frischhaltefolie für die Urnen

In Frischhaltefolie eingepackt kommen die bis zu 3.000 Jahre alten Urnen samt Inhalt nach Schleswig in das archäologische Landesmuseum. Erst da werden sie in der Restaurierungswerkstatt geöffnet, untersucht und archiviert. "Die 500 Urnen sind kleine Puzzleteile, die wir einordnen können, und irgendwann ergeben sie für Schleswig-Holstein ein großes archäologisches Bild", sagt Kühlborn. Im Dezember sollen die Grabungsarbeiten abgeschlossen sein. Die Bauarbeiten für das neue Gewerbegebiet beginnen dann voraussichtlich im Frühjahr 2018.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.11.2017 | 17:00 Uhr

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