Stand: 20.05.2020 13:41 Uhr

Gewalttat in Pinneberg: Vorwürfe gegen Staatsanwaltschaft

Ein Messingschild der Staatsanwaltschaft Itzehoe hängt am Gebäude © Schleswig-Holstein Magazin
Ein Anwalt wirft der Staatsanwaltschaft Itzehoe vor, Hinweisen auf frühere Gewalttaten nicht richtig nachgegangen zu sein.

Nach dem gewaltsamen Tod einer 71-jährigen Frau aus Pinneberg erhebt der Hamburger Anwalt Mahmut Erdem Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft Itzehoe. Er hatte bereits im Dezember als gesetzlicher Betreuer der Frau Strafanzeige gegen ihren Sohn erstattet, weil der 40-Jährige seine Mutter bedroht und gewürgt haben soll. Nun wirft Erdem der Staatsanwaltschaft vor, diesem Verdacht nicht richtig nachgegangen zu sein, sie habe die Ermittlungen ohne ernsthafte Prüfung eingestellt.

Sohn soll Mutter getötet haben

Der Sohn gilt als dringend tatverdächtig, für den Tod seiner Mutter verantwortlich zu sein. Wie die Polizeidirektion Itzehoe mitteilte, wurde seine Mutter am Montagmorgen von einer Pflegedienst-Mitarbeiterin tot in ihrer Wohnung entdeckt. Der 40-Jährige hielt sich nach Polizeiangaben am Tatort auf und wurde festgenommen. Beide lebten zusammen in der Wohnung.

Verdacht auf Misshandlungen

Schon früher soll der Sohn nach Angaben des Hamburger Anwalts Erdem mehrfach gewalttätig gegenüber seiner Mutter geworden sein. Auch die Mitarbeiterin eines Pflegedienstes äußerte im Herbst 2019 den Verdacht, dass der 40-Jährige die Frau misshandelt haben könnte. Die Frau habe durch Mimik und Gestik deutlich gemacht, dass sie gewürgt worden sei, hielt die Pflegekraft in einem Bericht fest, der dem NDR vorliegt.

Auch gegen sie selbst sei der Mann damals handgreiflich geworden. Er habe sie am Arm gepackt und aggressiv aufgefordert, die Wohnung zu verlassen. Der Mitarbeiter eines anderen Pflegedienstes berichtete im Sommer 2019 von einem ähnlichen Übergriff, bei dem ihm der Mann durch das Zuschlagen einer Tür sogar die Nase gebrochen haben soll.

Einstweilige Anordnung zum Schutz der Mutter

Um die kranke Frau vor möglichen Übergriffen zu schützen, erwirkte der Hamburger Anwalt Erdem im Dezember 2019 beim Amtsgericht Pinneberg eine Einstweilige Anordnung. Dadurch wurde dem Sohn unter Strafandrohung verboten, seine Mutter zu "bedrohen, zu verletzen, sonst körperlich zu misshandeln, zu demütigen oder einzusperren".

Staatsanwaltschaft stellte Ermittlungen im April ein

Außerdem erstattete Erdem nach der mutmaßlichen Würgeattacke Strafanzeige wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen bei der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Die Behörde stellte das Ermittlungsverfahren im April 2020 allerdings ein, weil der konkrete Tatvorwurf nicht beweisbar gewesen sei, wie sie auf Anfrage des NDR mitteilte. Auf eine Vernehmung der Mutter habe man damals verzichtet, weil sie wegen ihrer psychischen Erkrankung nicht vernehmungsfähig gewesen sei. Die Anhörung der Pflegekraft, die von der Würgegeste berichtet habe, sei ebenfalls ergebnislos geblieben, weil sie keine Angabe zu sichtbaren Verletzungen im Halsbereich, zum Beispiel Hämatomen, machen konnte.

Zwar sei der Beschuldigte wegen gewalttätiger Übergriffe gegen Pflegedienstmitarbeiter der Staatsanwaltschaft bekannt und in einem Fall auch schon zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Auch die Einstweilige Anordnung des Amtsgerichts Pinneberg habe den Ermittlern vorgelegen. Beweismittel für den konkreten Tatvorwurf einer Würgeattacke seien dies jedoch nicht. Zudem habe der gesetzliche Betreuer der Frau keine Beschwerde gegen die Einstellung des Ermittlungsverfahrens erhoben.

Der Hamburger Anwalt Mahmud Erdem kritisiert derweil, dass die Staatsanwaltschaft den Beschuldigten während des Ermittlungsverfahrens selbst nie vernommen habe.

Nach der Gewalttat am Montag wurde gegen den 40-jährigen Sohn der Toten Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Bislang hat er sich nicht zur Tat geäußert.

Weitere Informationen
Blaulicht eines Polizeiwagens. © picture alliance / dpa Foto: Christophe Gateau

Pinneberg: Sohn soll Mutter getötet haben - Haftbefehl

Gegen einen 40 Jahre alten Mann aus Pinneberg ist Haftbefehl wegen Totschlags erlassen worden. Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht, dass er seine 71 Jahre alte Mutter umgebracht haben soll. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 19.05.2020 | 10:30 Uhr

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