Stand: 27.03.2019 00:00 Uhr

Null Toleranz für Neonazis bei Firma Hertling

Der Verfassungsschutz hebt bei einer Tagung in Berlin ein Thema auf die Tagesordnung, über das Firmenchefs nicht gerne sprechen: Wie groß ist der Schaden, wenn bekannt wird, dass auch Rechtsextremisten auf der Lohnliste stehen? Erlebt hat das auch die mittelständische Umzugs- und Logistikfirma Hertling aus Halstenbek in Schleswig-Holstein: Sie machte vor fünf Jahren Schlagzeilen, weil im Internet zu lesen war, dass unter ihren mehr als Hundert Beschäftigten auch einige Neonazis arbeiteten. Der Fall hat bis heute Folgen - und er steht für einen besonders transparenten Umgang mit einem immer wiederkehrenden Problem.

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Rolf-Oliver Hertling ist froh, dass er auf die Negativschlagzeilen im Jahr 2014 schnell und konsequent reagiert hat.

Die Nachricht erreicht Rolf-Oliver Hertling Anfang März 2014 im Skiurlaub in Österreich: Ein aufgeregter Kollege teilt ihm mit, dass seine Firma aus Halstenbek im Internet angeprangert wird als Brötchengeber von auch einer Handvoll Rechtsextremisten. Alarmstimmung beim Firmenchef: "In dem Moment habe ich gedacht, dass man mir die Beine unter dem Körper wegreißt", erinnert sich Hertling. "Ich weiß natürlich, dass das in letzter Konsequenz ein Unternehmen auch das Leben kosten kann - speziell, wenn man für Großkonzerne arbeitet."

Konsequente Reaktion: Mitarbeiter entlassen

Die Umzugsspedition des heute 54 Jahre alten Chefs Hertling betreut vor allem Firmen - auch der Norddeutsche Rundfunk gehört zu den Kunden. Das vor rund 150 Jahren gegründete Unternehmen ist eines der Großen der Branche, es hat Kontakte quer durch Europa.

Auf einem linken Internetforum muss Hertling vor fünf Jahren lesen, dass ein paar seiner Mitarbeiter als Rechtsextremisten entlarvt worden seien, wie es in der linken Szene-Sprache heißt. Der Chef prüft die Vorhaltungen und handelt sofort: Er setzt alle betreffenden Mitarbeiter, die identifiziert werden konnten, vor die Tür - mit allen Konsequenzen: "Arbeitsrechtlich sind die Gesetze so, dass man eigentlich nichts machen kann, auch wenn einer diese Gesinnung hat. Das bedeutete für mich bei den sechs oder sieben Leuten: Entlassung - und dann zur Not auch mit Abfindung diesen Weg gehen zu müssen."

"Welche Werte will ich meinen Mitarbeitern mitgeben?"

Hertlings konsequentes Handeln hat zu tun mit seiner inneren Einstellung: Für Rechtsextremisten und Rechtsextremismus, für eine Ideologie also, die Menschen herabwürdigt, weil sie eine andere Herkunft, Religion oder Hautfarbe haben, sei in seinem Unternehmen kein Platz: "Ich sage das aus tiefstem Herzen: Es ist mir ein inneres Bedürfnis gewesen. Es geht hier nicht um betriebswirtschaftliche, um wirtschaftliche Themen. Es geht auch um einen selber: Welche Werte will ich meinen Mitarbeitern mitgeben? Jeder hier hat das natürlich mitbekommen. Und ich habe ihnen versucht klarzumachen, dass meine inneren Werte ganz anders sind als das, was dort im Internet dargestellt wurde."

Transparentes Krisenmanagement

Hertling hat Konsequenzen gezogen - nach innen, aber auch nach außen. Alle Kunden und die Öffentlichkeit wurden über den Vorgang an sich sowie die Folgen informiert. "Ich bin der Meinung gewesen: Verstecken geht nicht. Das geht auch nicht, weil es meiner generellen Grundeinstellung und Grundhaltung widerspricht. Insofern habe ich sofort alle Kunden angeschrieben, bin zu all unseren Kunden in ganz Deutschland gefahren." Dieses Krisenmanagement kam gut an: "Keiner der Kunden hat uns verlassen, sondern alle haben gesagt: 'Toll reagiert! Wir arbeiten mit Ihnen weiter'."

ratgeber

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"Multikulti" funktioniert in Hertlings Unternehmen

Intern wurden im Unternehmen nach dem Vorfall vor fünf Jahren Leitplanken errichtet: Jeder Mitarbeiter muss seitdem eine sogenannte Compliance-Erklärung unterschreiben. Darin ist auch eine Absage an jegliche Form von Extremismus verankert. "Das haben auch wirklich alle Mitarbeiter begriffen. Wir sind inzwischen Multikulti, wenn ich das so sagen darf. Man bekommt immer weniger gute Arbeitskräfte - und wir haben sehr viele gute Arbeitskräfte aus anderen Ländern. Das harmoniert alles top."

Heute würde Hertling genauso handeln

Hertling ist gestärkt aus der Krise hervorgegangen. Er wurde für seinen Umgang mit dem Thema damals in Schleswig-Holstein zu einem der "Unternehmer des Jahres" gekürt.

Er würde heute wieder genauso handeln, wenn sich die Frage noch einmal stellen sollte: "Ganz wichtig ist, dass man Werteverhalten hat, Moral und Ethik." Nur mit diesen Werten, da ist sich Hertling sicher, könne man ein Unternehmen so lange auf dem Markt halten, wie er und seine Mitarbeiter das tun.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 27.03.2019 | 06:00 Uhr

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