Fallschirmspringer - nur mit Mentaltraining zur WM?

Stand: 20.02.2021 17:53 Uhr

Holger Sass und seine Teamkollegen wären eigentlich schon mitten in der Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft. Wegen des Lockdowns bleibt ihnen aktuell nur Yoga- und Mentaltraining.

von Philipp Eggers

Fallschirmspringer Holger Sass macht eine Dehnübung in seinem Wohnzimmer. © NDR
Aktuell halten sich Holger Sass und seine Kollegen vor allem mit Yoga fit.

Verloren steht Holger Sass auf der Wiese des Flugplatzes Hungriger Wolf in Hohenlockstedt (Kreis Steinburg). Zuletzt ist er hier im Oktober aus einem Flugzeug gesprungen. Dabei ist er einer der erfolgreichsten deutschen Fallschirmspringer. Mit seinem Team, den Oceanside Atomix, ist er 2019 deutscher Meister geworden. Und da es im Fallschirmsport nicht, wie in anderen Sportarten, richtige Nationalmannschaften gibt, haben die vier sich durch den deutschen Meistertitel für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Dafür trainieren können sie momentan aber nicht.

"Wir haben zehn Jahre lang alles für unseren Traum getan. Jeder von uns hat eine sechsstellige Summe in den Sport investiert. Dann werden wir endlich deutscher Meister - und jetzt können wir uns nicht auf die WM vorbereiten."

Reisen und Training bleibt auch für WM-Teilnehmer verboten

Seit 2003 springt Sass aus Flugzeugen. Rund 4.500 Sprünge hat er bislang gemacht, ist Tandempilot bei yuu-Skydive, einem Verein aus Hohenlockstedt, und Delegierter des Deutschen Fallschirmsport-Verbandes für Schleswig-Holstein. Normalerweise würden er und seine Teamkollegen im Winter in Kalifornien trainieren. "Da sind die Bedingungen im Winter einfach besser. Hier ist es dann zu kalt zum Springen. Die Saison hier endet im Oktober. Nach Kalifornien können wir momentan aber nicht reisen, das verstehe ich schon. Bitter ist es aber, dass wir nicht mal im Tunnel trainieren dürfen." Mit Tunnel meint er einen Windkanal, in dem man den Freifall simulieren kann.

Internationale Konkurrenz darf teilweise trainieren

"Die Sport-Springer der Bundeswehr dürfen in die Tunnel rein. Wir als offizielle Amateursportler aber nicht. Und an der Stelle verstehe ich die Regelungen nicht mehr. Denn die Springer der Bundeswehr machen das ja heutzutage auch nur noch für sportliche Zwecke." Auch der Blick ins Ausland macht die Situation für Holger Sass nicht besser. "In Polen, Tschechien und den USA dürfen die Konkurrenten teilweise trainieren. Und die entscheidende Phase der Vorbereitung ist jetzt. Das ist für uns kaum aufzuholen."

Teamsport Formationsspringen

Vier Fallschirmspringer in Formation. © Oceanside Atomix
Eine solche Figur müssen die Fallschirmspringer im Flug hinkriegen.

Beim Formationsspringen geht es darum, während des Freifalls so viele Figuren wie möglich zu formen. "Wir steigen zu viert gleichzeitig aus dem Flugzeug aus und haben dann 35 Sekunden Zeit. Eine Figur gilt nur dann als vollständig, wenn wir uns dabei auch berühren." Über ihnen ist während des Freifalls ein Videospringer, der die ganze Kür filmt. Am Ende schaut sich eine Jury das Video dann an und vergibt Punkte.

Mentaltraining ist für Fallschirmspringer wichtig

Aktuell halten Holger Sass und seine Teamkollegen sich vor allem mit Mentaltraining fit. "Fallschirmspringen ist ein mental fordernder Sport. Das ist schon anstrengend für den Kopf", sagt er und erklärt, dass er vor allem die Abläufe der verschiedenen Formationen im Kopf durchgeht. Damit er alles parat hat, wenn sie wieder springen dürfen. Darüber hinaus macht er Yoga. "Wir Springer müssen im Rücken einfach flexibel sein. Im Freifall haben wir ein Hohlkreuz, damit wir kontrolliert und gerade Richtung Boden fallen."

Außerdem wichtig: Atem-Übungen. "Es gibt eine klare Regel. 'Be as calm as possible.' Sei so ruhig wie möglich, wenn du aus dem Flugzeug raus gehst. Nervosität ist natürlich immer noch da, auch nach mehreren tausend Sprüngen. Aber die richtige Atemtechnik hilft, dass du dich ein bisschen runterfährst." Auch das trainiert er regelmäßig. Darüber hinaus, sagt Sass, geht er für die körperliche Fitness regelmäßig joggen.

Trotzdem Vorfreude auf die WM

Lust hat er auf die WM trotz der aktuellen Umstände, sagt er. "Ich würde immer wieder alles in meinen Sport investieren. Was soll ich mit einem dicken Auto oder einem Eigenheim?" Am liebsten möchte er aber wieder springen. "Auch jetzt im Lockdown. Zeig mir mal das Aerosol, das bei 300 km/h Freifallgeschwindigkeit überlebt", sagt er augenzwinkernd.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Schleswig-Holstein Magazin | 20.02.2021 | 19:30 Uhr

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