Einbrecher hebelt mit einem Brecheisen ein Fenster auf. © Fotolia.com Foto: sdecoret

Schleswig-Holsteiner haben weniger Angst vor Kriminalität

Stand: 16.11.2020 11:00 Uhr

Opfererlebnisse, Kriminalitätsfurcht und Wahrnehmung der Polizei: Zu diesen Themen wird alle zwei Jahre in Schleswig-Holstein die Dunkelfeldstudie durchgeführt. Am Montag sind die Ergebnisse präsentiert worden.

Jeder dritte Schleswig-Holsteiner ist 2018 mindestens ein Mal Opfer einer Straftat geworden. Am häufigsten kommt es zu Diebstahl. Die Zahl liegt bei 17,1 Prozent und ist damit, genau wie die Cyberkriminalität, leicht zurückgegangen. Es gibt allerdings mehr Sexualdelikte: Die Zahl ist um 0,8 Prozent auf 3,2 Prozent gestiegen. Der Anstieg geht vor allem auf den Punkt "Ich wurde sexuell bedrängt" zurück. Waren es im Jahr 2016 noch 1,7 Prozent, sind es 2018 2,5 Prozent. Lars Riesner, Kriminologe beim Landeskriminalamt, führt das unter anderem auf die #MeToo-Debatte zurück. Die Bevölkerung sei mehr für das Thema sensibilisiert worden. Gleichzeitig nimmt die Angst vor Kriminalität im Land in allen Bereichen ab.

Dunkelfeldstudie bereits zum dritten Mal in SH durchgeführt

Alle zwei Jahre führt das Landeskriminalamt die Dunkelfeldstudie durch. 2019 bereits zum dritten Mal. Die Befragungen haben in den Jahren 2015, 2017 und 2019 stattgefunden, die Ergebnisse beziehen sich auf den Zeitraum des davor liegenden Kalenderjahres. 25.000 Schleswig-Holsteiner ab 16 Jahren - zufällig ausgewählt - werden dabei anonym zu Themen wie Opfererlebnis, Kriminalitätsfurcht und Wahrnehmung der Polizei befragt. "Solche Befragungen dienen dazu, im Auge zu behalten, wie sich Kriminalität tatsächlich entwickelt," erklärt Kriminologe Riesner. "In welchen Deliktsbereichen gibt es Zunahmen, wo gibt es Abnahmen, warum zeigen Menschen bestimmte Straftaten an, warum nicht? Und aus diesen Erkenntnissen wiederum kann die Polizei ihre Ressourcen besonders zielgerichtet steuern". Eine weitere Erkenntnis der Studie: Von zwei Dritteln aller Straftaten erfährt die Polizei gar nicht.

Angst vor Kriminalität in allen Bereichen zurückgegangen

Der auffälligste Befund dieses Mal für die Ermittler: Die Angst vor Kriminalität. Die ist in allen Bereichen wieder zurückgegangen, nachdem sie bei der vergangenen Dunkelfeldstudie gestiegen war. Der Einfluss der Medien spiele hier eine Rolle, so Lars Riesner. "Viel davon geschieht über die mediale Berichterstattung, also die Eindrucksbildung, wie gefährlich ist eigentlich gerade die Welt und meine unmittelbare Umgebung. Im Jahr 2017 war die öffentliche Sicherheit sehr stark im Fokus der medialen Berichterstattung. Und das wird sicherlich auch für diesen Anstieg gesorgt haben. Und jetzt, wo sich das etwas zurückbildet, dann wieder zu dem Abfall." Knapp zehn Prozent der Befragten befürchten Opfer einer Straftat zu werden oder fühlen sich zum Beispiel nachts alleine Zuhause unsicher. Gefragt wurde zum Beispiel nach dem Gefühl der Unsicherheit in der eigenen unmittelbaren Umgebung, wie der eigenen Wohnung, dem eigenen Haus oder der direkten Nachbarschaft. 10,6 Prozent fühlen sich dort sehr unsicher. Dabei schätzen nur 8,6 Prozent der Befragten ihr eigenes Risiko, Opfer einer Straftat zu werden, als hoch ein.

Wer ist bewaffnet, um sich zu verteidigen?

Die Schleswig-Holsteiner wurden in der Studie auch danach gefragt, ob und wenn ja, wie sie sich bewaffnen, um sich sicherer zu fühlen. Die Zahl der Menschen, die häufig oder immer Reizgas, ein Messer oder eine andere Waffe bei sich tragen, um sich verteidigen zu können, liegt in der aktuellen Studie bei 5 Prozent, weniger als bei der letzten Studie. 2017 waren es 6,6 Prozent, im Jahr 2015 allerdings 4,4 Prozent. In der aktuellen Studie wurde zudem etwas detaillierter gefragt. So weiß man nun, dass jeder Zehnte mindestens manchmal Reizgas oder ein Messer dabei hat. Das seien vor allem junge Männer und Personen, die schon oft Opfer von Kriminalität geworden seien, so Lars Riesner. Dieses Wissen zu haben sei gut, um die Entwicklung im Blick zu behalten, erklärt der Kriminologe. Man könne dann gucken, wann man eingreifen oder Aufklärung leisten müsse. "International gab es einige Kampagnen, die dafür sorgen sollten, solche Bewaffnungen, die vermeintlich Schutz bieten, zu verringern, weil üblicherweise das Bewaffnen eher ein größeres Risiko für die Person mit sich bringt, die sich bewaffnet", so Riesner. Denn die Bewaffnung könne schnell von einem Angreifer auch gegen einen verwendet werden.

Über 90 Prozent zufrieden mit Polizeiarbeit

Ein Bereich der Dunkelfeldstudie ist auch die Wahrnehmung der Polizei und der eigene Kontakt zu ihr. Mehr als 90 Prozent der Befragten sind zufrieden mit der Arbeit. Allerdings fühlen sich einige nicht ausreichend auf dem aktuellen Ermittlungsstand gehalten. Das will die Polizei jetzt verbessern. 81 Prozent der Befragten sind außerdem mit den erlebten Polizeikontakten zufrieden.

Erste bundesweite Dunkelfeldstudie gestartet

Gleichzeitig zu der Präsentation der Ergebnisse der Dunkelfeldstudie 2019 in Schleswig-Holstein ist gerade die erste bundesweite Dunkelfeldstudie gestartet. 120.000 Bürgerinnen und Bürger aus allen Bundesländern sind dafür zufällig ausgewählt worden und erhalten Post vom Bundeskriminalamt. Ziel ist auch hier, das Wissen über Kriminalität und den Schutz vor Kriminalität zu verbessern. Hierfür sollen Erkenntnisse zum Dunkelfeld, also zu den der Polizei nicht bekannt gewordenen Straftaten, gewonnen werden. Erforscht werden auch die Umstände und die Folgen des Opferwerdens, das Ausmaß der Furcht vor Kriminalität und die Wahrnehmung der Arbeit der Polizei in der Bevölkerung. Diese bundesweite Opferbefragung "Sicherheit und Kriminalität in Deutschland" (SKiD) soll in Zukunft alle zwei Jahre in Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern durchgeführt werden.

Polizeiwagen © picture alliance Foto: Marius Becker

AUDIO: Dunkelfeldstudie: 25.000 Schleswig-Holsteiner befragt (1 Min)

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | 16.11.2020 | 11:00 Uhr

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