Stand: 15.09.2020 05:00 Uhr  - Schleswig-Holstein Magazin

Die Krise der FSG - aus Sicht eines Mitarbeiters

von Andreas Schmidt

In den Hallen der Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) war es in guten Zeiten laut. Schiffsteile wurden verladen, Gabelstapler ratterten durch die Gänge. Das ist jetzt ganz anders. Nach der Insolvenz im Aprilsollte es zwar am 1. September wieder losgehen. Die angekündigten Aufträge für die Werft lassen aber noch auf sich warten. Die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Mitarbeiter ist in Kurzarbeit. Und so ist das lauteste in den Hallen: die Stille. Ab und zu zischelt es noch irgendwo aus einer undichten Druckleitung. Dann grollen Hammerschläge aus dem Schiffsinneren. Um 11:30 Uhr heult die Mittagssirene über das Gelände. Aber die Kantine bleibt leer.

Noch immer am Pier: Die halbfertige "Honfleur"

An der Pier der FSG liegt noch immer die halbfertige "Honfleur", eine Fähre, die die französische Reederei Britanny Ferries bestellt hatte. Seit 2019 sollte sie eigentlich ausgeliefert sein. Mittlerweile ist der Auftrag durch die Reederei längst storniert, die Subunternehmen sind mit ihrem Material abgezogen. Irgendwann demnächst will der jetzige Schiffseigentümer Kristian Siem den Koloss aus Flensburg wegschleppen und anderswo weiterbauen lassen.

Gedanken an Kollegen, die wohl nicht zurückkommen

Auf einem der leeren Decks steht Heiko Kroll. Der 55-jährige Familienvater ist Logistiker. Normalerweise kurvt er mit seinem Seitenstapler über die Werft und beliefert die Werkstätten mit Material. Jetzt ist auch er in Kurzarbeit und die meiste Zeit zu Hause. Wenn er die "Honfleur" sieht, wird er wütend. "Das will niemandem von uns in den Kopf. Das Schiff kann nirgendwo günstiger fertiggebaut werden als bei uns. Jetzt ist der Auftrag weg und ich denke vor allem an die Kollegen, die wahrscheinlich nicht zurückkommen können."

Logistiker Kroll arbeitet seit 18 Jahren für die FSG

300 ehemalige FSG-Beschäftigte sind entlassen und in einer Transfergesellschaft. 350 sind geblieben und jetzt zum größten Teil in Kurzarbeit. Heiko Kroll ist einer von ihnen. Er hat ein buntes Leben hinter sich, hat auf dem Bau in Algerien gearbeitet, war Logistiker bei der Bundeswehr, selbstständig in der Versicherungsbranche. Seit 18 Jahren ist er bei der FSG. "Die Werft ist wie eine Familie für mich geworden. Ich will hier bleiben."

In den Jahren auf der Werft hat er erlebt, wie Eigentümer kamen und gingen, wie die Mannschaft bei ihm im Lager auf ein Viertel zusammengeschrumpft ist und für viele Jobs Leiharbeiter eingekauft wurden. Darunter habe die Qualität gelitten. "Wir müssen wieder mehr mit eigenen Leuten arbeiten", findet Kroll.

Keine Alternativen in der Region für 55-Jährigen

Aktuell steht die Werft aber ohne Aufträge da. Der neue Eigentümer Lars Windhorst hat angekündigt, zwei Schiffe zu ordern. Auch andere Reedereien sollen Interesse haben, unterschrieben ist bislang aber noch nichts. Und so lange wird die Kurzarbeit weitergehen. "Ich habe hier in der Umgebung keine Alternative", sagt Kroll. "Ich könnte höchstens versuchen, mich nördlich von Flensburg in Dänemark zu etablieren. Dazu müsste ich aber erst die Sprache lernen. Ich kann Englisch, Portugiesisch und Spanisch, aber kein Dänisch." Dazu ist er spät noch einmal Vater geworden und möchte seinen Kindern auch etwas bieten können.

"Man kann mit Schwerindustrie Geld verdienen"

63 Neubauten ist Heiko Kroll jetzt alt. So sagt man das auf der Werft, und es schwingt Stolz dabei mit, wenn Kroll darüber spricht: "Wir haben hier Bohrschiffe gebaut, RoRo-Fähren, Spezialschiffe, Fähren. Wir können das alles. Man kann mit Schwerindustrie Geld verdienen. Man muss uns aber auch lassen."

In seinem Lager ist Heiko Kroll der Herr über circa 8.000 verschiedene Artikel. Seit Monaten stehen auch Ersatzteile für die Hauptmaschine der "Honfleur" in Kisten verpackt in einer Halle herum. "Wenn feststeht, wo das Schiff hingeht, werden wir das alles an Bord bringen." Lieber wäre es ihm, sie würden das ganze Schiff fertig abliefern. Das würde schon einmal 80 Leute wieder in Arbeit bringen.

Aber das hat Kroll nicht in der Hand. Bislang ist nicht klar, wann es hier wieder losgehen könnte, aber wenn, "dann bin ich dabei".

Er bleibt Optimist - "mir bleibt nichts anderes übrig"

Die Mittagspause ist jetzt vorbei. Tauben flattern durch die leeren Hallen. Ihre Flaumfedern schaukeln eine gefühlte Ewigkeit durch die Luft, bis sie auf den eingefetteten Schienen der Helling kleben bleiben. Es ist eine gespenstische Szene. Heiko Kroll bleibt Optimist, trotz allem. "Mir bleibt gar nichts anderes übrig."

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