Stand: 04.07.2019 21:05 Uhr  - NDR 1 Welle Nord

Die "Giftbude": Ein besonderes Inklusionsprojekt

von Lukas Knauer

Windstärke 6, der kleine Kutter "Balu" schaukelt auf der Schlei ziemlich hin und her. Vom Anleger in Maasholm bis zur Lotseninsel dauert es durch den Meeresarm glücklicherweise nur etwa 15 Minuten. Claudia und Anke kneifen die Augen zusammen und blicken in Richtung Ostsee, sie sind aufgeregt. Für sie geht es heute an einen Ort, den sie zuvor noch nie betreten haben und in ein völlig neues Umfeld, mit neuen Leuten.

Normalerweise arbeiten beide im Schleiwerk in Schuby, einer Betriebsstätte der Schleswiger Werkstätten: Claudia ist 58 Jahre alt und steht sonst an einer Holz-Schleifmaschine. Anke ist vier Jahre jünger, gibt Essen aus und kümmert sich um die Sauberkeit am Standort. Beide werden für drei Tage in der "Giftbude" arbeiten, dem kleinen Ausflugslokal auf der Lotseninsel in Schleimünde, einem integrativen Betrieb.

Erster Tag: Ankunft auf der Lotseninsel

"Wir haben heute einiges vor uns", sagt Ralf Huwe und hievt das Gepäck vom Boot auf den Steg. Huwe treibt seit etwa einem Jahr das Integrationsprojekt auf der Lotseninsel voran. 2018 lief der Testbetrieb, diese Sommersaison soll es richtig losgehen. Sie werden den Service auf der Lotseninsel übernehmen, Gäste bedienen und im Kiosk Andenken verkaufen. "Nachher kommt eine kleine Geburtstagsgesellschaft, 15 Personen, da müssen wir noch alles vorbereiten."

Aber zuerst werden Taschen und Schlafsäcke auf die Zimmer im stattlichen Lotsenhaus gebracht - 1873 erbaut und erst vor wenigen Jahren kernsaniert. Claudia und Anke teilen sich ein Zimmer. "Ist doch klar, wir arbeiten ja sonst im gleichen Betrieb, dann hat man mal jemanden zum Quatschen", sagt Claudia. Alleine sind die beiden trotzdem nicht. Sie haben immer Astrid an ihrer Seite, sie betreut die beiden auch in Schuby und ist ihre erste Ansprechpartnerin.

In der Küche sind sie in ihrem Element

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Koch Lüth hat fangfrischen Dorsch bekommen, sehr zur Freude von Claudia und Anke. Die beiden fühlen sich in der "Giftbude" gleich wohl.

In der kleinen Küche der "Giftbude" wirbelt bereits Koch Lüth. Vor wenigen Minuten hat ein Fischer frischen Dorsch vorbeigebracht. "Der muss jetzt filetiert werden", sagt Lüth und wetzt das Messer. Der 58-Jährige hat keine pädagogische Ausbildung, aber das sei hier auch nicht so wichtig. "Die Betreuung läuft so nebenbei, da muss man eben ein Händchen für haben", sagt er. Und das Händchen hat er. Claudia und Anke schnibbeln frisches Gemüse und schrubben Geschirr. Sie sind in ihrem Element, das merkt man, und da huscht auch schon das erste Lächeln über ihre Gesichter. "Es macht einfach Spaß, wenn die Leute Freude an der Arbeit haben, das ist schon schön", sagt Lüth und widmet sich wieder seinem Dorsch.

Geburtstagskind Hiltraud: "Die Leute sind wirklich toll"

Die Geburtstagsgesellschaft ist da. Eine Dame aus Ahrensburg feiert ihren 70. Geburtstag. Sie hat Scholle, Dorsch und Currywurst mit Pommes für ihre Gäste geordert. Das alles wird hier frisch zubereitet. "Wir haben über Freunde von diesem Inklusionsprojekt hier erfahren und wir finden das einfach klasse", sagt Geburtstagskind Hiltraud. "Natürlich geht hier auch mal was daneben, aber die Leute sind wirklich toll. Und das ist mir dann auch viel wichtiger, als jetzt in einem Lokal zu essen, in dem die Ober alle wissen, von welcher Seite sie den Teller reichen müssen." Essen für Essen geht über den Tresen. Jeder hat eine Aufgabe und hängt sich voll rein.

"Wir sind doch alle Menschen"

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Das Team aus Menschen mit und ohne Handicap arbeitet perfekt zusammen und versteht sich auch nach Feierabend sehr gut.

Gegen Abend kommen dann nochmal alle zusammen. Neben Claudia und Anke sind noch weitere Betreute aus den Schleswiger Werkstätten dabei. Der friedliche und freundliche Ties, der den ganzen Tag die Außenanlagen hergerichtet hat, die unermüdliche Jacki, die am Abend durch das Lokal gezischt ist und die Gäste bediente, die immerzu lächelnde Moni, deren Gedanken manchmal schneller sind als ihr Mund. Und Bentje: Wegen verschiedener psychischer Erkrankungen hat sie Therapiehund Pelle dabei. Die 31-Jährige wird den Sommer über jeden Montag und Dienstag auf der Lotseninsel verbringen. Hier fühle sie sich sehr wohl, hier könne sie auch mal abschalten.

Wir sprechen über das Projekt auf der Lotseninsel und über Inklusion. "Wir sind doch alle Menschen, unser Handicap sollte nicht im Vordergrund stehen - alle ergänzen sich hier, und das ist doch gerade das Tolle!" Im vergangenen Jahr habe jemand mit Waschzwang dreckige Teller angefasst und sauber gemacht, berichtet sie. "Das war unglaublich, wie hier einige aus sich rausgegangen sind." Wenn nur über Inklusion geredet wird, werde daraus schnell "In - Klo - sion", da sind sich eigentlich alle am Tisch einig.

Zweiter Tag: Ein Abstecher ins Naturschutzgebiet

Zwischen drei und sechs Mal am Tag steuern Ausflugsschiffe die Lotseninsel an. Sie kommen aus Kappeln oder Schleswig. In der Hochsaison und bei gutem Wetter kommen so gut und gerne mal 1.000 Menschen auf die Halbinsel. Ein Ausflug ins Naturschutzgebiet steht dann ebenfalls auf dem Programm. Heute sind auch Claudia und Anke dabei. Von der Ausflugsplattform hat man einen atemberaubenden Blick über die Halbinsel und die Ostsee.

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Für Claudia und Anke sind die Tage viel zu schnell vergangen. Hier war die Arbeit auch Erholung und Auszeit zugleich.

"Schau mal da vorne, Möwen-Küken! Sind die nicht süß", ruft Claudia freudestrahlend. Und tatsächlich: Unten am Strand hüpfen zwei kleine graue Wollknäuel von Stein zu Stein. Claudia hat sieben Kinder zur Welt gebracht und war ihr Leben lang Hausfrau. Die Arbeit auf der Lotseninsel ist für sie Erholung und Auszeit zugleich. Anke geht es ähnlich. Sie hat früher in einer Schlachterei gearbeitet, aber den Druck im Beruf irgendwann nicht mehr ausgehalten. "Einfach mal rauszukommen und was Neues zu sehen tut mir gut", sagt Anke. Zeit nur für sich - das war für die Beiden in den vergangenen Jahren schlichtweg nicht möglich.

Dritter Tag: "Würde gerne wiederkommen!"

Am Tag ihrer Abreise sitzen Claudia und Anke zusammen mit den anderen am Frühstückstisch in der "Giftbude". In den vergangenen Tagen sind sie zu einem echten Team zusammengewachsen. Menschen mit und ohne Behinderung, Betreuer und Betreute, Menschen die sich vorher nicht kannten, mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Die Stimmung ist gut, es werden Witze gemacht. "Ich würde gerne nochmal für drei Tage zurückkommen", sagt Anke und strahlt über das ganze Gesicht.

Die Lotseninsel

Die Lotseninsel ist ein Paradies für Segler. Sie liegt genau an der Stelle, die die Schlei von der Ostsee trennt, deshalb wird sie auch Schleimünde genannt. Im Sommer kommen dort pro Tag Hunderte Touristen, Segler oder Motorbootfreunde hin. Die "Giftbude", das kleine Ausflugslokal auf der Halbinsel, ist mittlerweile Kult. Der Name stammt aus dem Plattdeutschen. Da Fischer und Seefahrer vor mehr als hundert Jahren - meist von Dänemark kommend - lange auf See unterwegs waren, steuerten sie den ersten Nothafen an und konnten nie sicher sein, ob sie im einzigen Lokal auf der Insel noch etwas zu essen oder zu trinken bekommen würden. Daher die Frage: "Gift dat hier wat?", aus der im Laufe der Zeit der Ausdruck "Giftbude" wurde.

Die Norddeutsche Assistenz GmbH (NDA) hat die Lotseninsel von der Lighthouse Foundation gepachtet. Die NDA betreibt auch das "Hotel Alter Kreisbahnhof" und das Restaurant "Gleis 9" in Schleswig.

Öffnungszeiten der "Giftbude":
In der Sommersaison vom 1.7 bis 1.9 von 12 bis 22 Uhr

Küche geöffnet:
12.00 Uhr bis 14.00 Uhr
17.30 Uhr bis 20.30 Uhr

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 05.07.2019 | 08:00 Uhr

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