Designfood aus Zellen: Das Fleisch der Zukunft?

Stand: 12.07.2021 10:50 Uhr

2013 wurde in London der erste Hamburger vorgestellt, der unter anderem mit laborgezüchteten Tierzellen hergestellt wurde. Inzwischen ist viel geforscht worden. Denn die bisherige Lebensmittelproduktion stößt an Grenzen. Zellteilung könnte ein Schlüssel zur Lösung des Problems sein.

Einer, der in diesem Bereich seit vielen Jahren erfolgreich forscht, um die Zellteilung besser zu verstehen, ist Professor Charli Kruse vom Fraunhofer-Entwicklungszentrum für Marine und Zelluläre Biotechnologie in Lübeck. Dort reifen gerade wichtige Ideen, wie künftig ein großer Teil der Lebensmittel produziert werden könnte: Fleisch, Fisch und Geflügel - hergestellt durch eine gesteuerte Vermehrung von Tierzellen. Das Entwicklungszentrum zählt zu den wenigen Laboren weltweit, denen das in ihren Petrischalen bereits gelungen ist.

Einige Fragen noch offen

Professor Charli Kruse und sein Team müssen aber noch einige Hürden nehmen. Eine davon ist die Frage, in welcher Nährlösung sich Zellen am besten vermehren können. "Die Medien, die wir brauchen, müssen kostengünstig sein, damit man auf dem Markt auch konkurrenzfähig ist. Sie müssen aber dennoch alle Nährstoffe enthalten, die die Zellen zum Wachstum brauchen und alle Signalmoleküle, die die Zellen auch brauchen, um entsprechend wachsen zu können. Das ist der Punkt, an dem jetzt weltweit geforscht wird", erklärt der Professor.

Viele Interessenten in der Lebensmittelindustrie

Nur Zellen, die ursprünglich, rein und auch frei von Seren oder Antibiotika sind, dürfen am Anfang der Vermehrungskette stehen. Nach der Vermehrung muss die Qualität analysiert werden. Jede Zelle ist nur ein fünftausendstel Millimeter groß. Aber schon mit einer einzigen Fleischzelle kann im Labor viel entstehen. "Theoretisch kann eine Zelle, die sich einmal am Tag teilt, innerhalb von 50 Tagen zu einer Tonne Biomasse werden, wenn es unter idealen Bedingungen passiert", sagt Charli Kruse.

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Für diese idealen Bedingungen hat das Lübecker Team die Tierzellen zusammen mit der Nährlösung in perlenartige Kapseln gesteckt. Darin soll die Zellteilung sicher und optimal erfolgen, hofft das Team. Das Verfahren hat es sich patentieren lassen. "Wir haben viele Interessenten in der Lebensmittelindustrie. Das sieht man auch an Investitionen, die getätigt werden. Hotspots dafür waren bisher Kalifornien, Israel - auch Holland, Südostasien, also Singapur beispielsweise", meint Professor Kruse.

Pflanzliche Lebensmittel mit Fleischzellen mischen

Schon in zwei bis drei Jahren könnte es die erste massenhafte industrielle Produktion von Tierzellen geben. Das Aussehen ist noch ungewöhnlich. Das Fraunhofer-Team entwickelt deshalb zunächst pflanzliche Lebensmittel, die mit Fleischzellen gemischt werden können: Vegane Frikadellen aus Tofu beispielsweise. Die hinzugefügten Fleischzellen könnten dann den Geschmack und die Nährwerte bringen.

Fleischmarkt in 20 Jahren komplett anders

Forschungslabore weltweit sind überzeugt, dass in 20 Jahren der Fleischmarkt ein ganz anderer sein wird. "Für alle Steakliebhaber wird es das klassische Fleischprodukt geben, wie bisher auch. Aber wahrscheinlich wird der Markt dafür nur noch ein Drittel haben. Ein weiteres Drittel werden dann Pflanzenersatzprodukte und das dritte Drittel Zellersatzprodukte sein", sagt Kruse. Dann soll es also ein Steak geben, ohne dafür ein Rind schlachten zu müssen. So wollen die Forscherinnen und Forscher aus Lübeck helfen, das Ernährungsproblem in den Griff zu bekommen. Und das hilft zugleich dem Klima, weil weniger Platz für intensive Viehhaltung gebraucht wird und so auch weniger CO2 entsteht.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 11.07.2021 | 19:30 Uhr

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