Stand: 26.03.2019 08:31 Uhr

Der Eiermann aus Brodersby hat ein buntes Geheimnis

von Frank Goldenstein

Es sieht aus wie eine Art Druckluft-Kompressor: Ein rundes Gehäuse auf Rädern mit vielen Schläuchen dran. Das Gerät, das Ulrich Sielbeck aus seiner Garage holt, ist ein sogenannter Mini-Melker, eine mobile Melkmaschine. Damit melken Landwirte normalerweise Kühe, wenn diese es aus irgendwelchen Gründen nicht selbst zur Melkanlage schaffen. So einen Mini-Melker leiht sich Sielbeck jedes Jahr vor Ostern von einem befreundeten Landwirt aus. Doch er will damit nicht melken, sondern Eier aussaugen. 3.500 Stück sind es dieses Jahr. Sobald sie ausgesaugt sind, sprüht der 56-Jährige sie farbig an. Am Ostersamstag verteilt er sie in den Gärten rund um seinen Wohnort Brodersby (Kreis Schleswig-Flensburg). Er ist damit quasi ein Assistent des Osterhasen.

Die Ostereierfabrik in Brodersby

Lange Familientradition

Alles fing in der Familie an. Sielbeck wird 1962 in eine Bäckerdynastie hinein geboren. Die Vorfahren der Mutter haben über mehrere Generationen die Bäckerei Vollbehr aufgebaut. Sielbecks Vater ist gelernter Bäcker und führt die Filiale in Kiel weiter. Ulrich Sielbeck und seine beiden älteren Geschwister wachsen quasi in der Backstube auf und irgendwann kommt dem Vater vor Ostern die Idee, gemeinsam Eier auszublasen und sie zu bemalen. In den ersten Jahren sind es nur ein paar Kartons, später dann immer mehr. Es wird zu einem Familienritual, an das sich Sielbeck gerne zurück erinnert. Im Wochenendhaus in Brodersby an der Schlei verbringt die Familie die Osterfeiertage. Und dort sorgen die Eier für bunte Gärten. Als der Vater die Bäckerei aus gesundheitlichen Gründen 1980 aufgibt, endet auch die Tradition des Eierausblasens.

Die Wiederaufnahme des Rituals

34 Jahre später entscheidet sich Ulrich Sielbeck, das Ganze erneut anzugehen. 2014 fragt er beim Wasserski einen befreundeten Bäcker, ob er ihm ein paar Eier besorgen kann. "Als er hörte, dass ich 1.000 Eier dafür brauche, hat er sich nur an die Stirn gefasst", sagt Sielbeck mit einem Schmunzeln. Aber der gelernte Funkelektroniker lässt sich nicht aufhalten. Jahr für Jahr verschönert Sielbeck die Dörfer zwischen Schleswig und Kappeln an Ostern mit bunten Eiern. Um sie nicht alle selbst ausblasen zu müssen, hat er mit einem befreundeten Landwirt die mobile Melkmaschine zur Eier-Aussaug-Maschine umfunktioniert. In drei Stunden schafft er so 500 Stück.

Schritt 1: Das Ausblasen

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Anstechen mit Fingerspitzengefühl: Bekommt die Schale einen Sprung, kann es beim Aussaugen schon mal zu einer Schweinerei kommen.

Das Ritual ist immer das gleiche: Sielbeck sitzt am Wohnzimmertisch, links die leeren Eierpappen, rechts die mit den weißen Hühnereiern. Neben seinem Stuhl die Maschine. Noch bevor er sie anstellt, setzt er seine Kopfhörer auf. Dann geht es los: Sielbeck piekst die Eier dafür mit einem angespitzten Edelstahlstift oben an, stellt sie auf einen der vier Zitzenbecher und sticht dann auch an der Unterseite ein Loch hinein. In Sekundenschnelle saugt die Maschine den Inhalt des Eis in eine große Melkkanne.

In diesem Jahr hat er schon 2.400 ausgesaugt und keins ist kaputt gegangen. Das war aber nicht immer so. "Das Problem war die Einstellung des Unterdrucks. Die Eier waren immer an der Belastungsgrenze und wenn die dann beim Anstechen ein kleinen Sprung bekommen hatten, gab es schon mal eine große Schweinerei", erinnert sich der gebürtige Kieler. Mit 0,1 Bar saugt er die Eier in seinem Wohnzimmer aus, der Inhalt, immerhin 30 Liter bei 500 Eiern, bringt er noch am selben Tag zum befreundeten Bäcker zurück, der daraus Biskuitkuchenteig herstellt.

Blau bemalte Eier werden aus einem Ofen gezogen © NDR

Der Eiermann von Brodersby

Schleswig-Holstein Magazin -

Ulrich Sielbeck aus Brodersby will seinen Nachbarn zu Ostern eine Freude machen. Er benutzt eine mobile Melkmaschine, um damit Hühnereier auszusaugen. Die fertig bemalten Exemplare verschenkt er.

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Schritt 2: Das Bemalen

Sielbecks zweiter Arbeitsschritt ist das Bemalen. Das macht er im Garten, aber nur bei gutem Wetter und wenig Wind. Auch hier gibt es feste Arbeitsabläufe. Zwei Holzböcke werden aufgestellt, eine Spanplatte darüber gelegt und ein umgedrehter Plastikeimer in der Mitte platziert. Sobald er die Spritzpistole mit Wasserfarbe befüllt hat, kann die Verwandlung der ausgesaugten Eier beginnen.

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Mit Wasserfarben und Spritzpistole färbt Sielbeck die hohlen Eier gleich palettenweise in den Farben rot, blau und gelb ein.

Pappenweise besprüht er zuerst die obere Hälfte, danach gehen sie für eine Minute bei 200 Grad zum Trocknen in den Backofen. Dadurch bleiben sie beim Wenden nicht in der Pappe kleben. Anschließend besprüht der 56-Jährige auch die andere Hälfte mit Farbe. Wenn beide Seiten gebacken sind, hält die Farbe gut und der Überraschung für die Nachbarn steht nichts im Wege. Dieses Jahr färbt er jeweils 700 Eier rot, blau und gelb. 700 bleiben weiß und weitere 700 bleiben in brauner Originalfarbe.

Lohn der Arbeit

Beim Verteilen in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag holt er sich diesmal Hilfe. Denn Sielbeck hat Anfang des Jahres ein neues Kniegelenk bekommen und ist deshalb noch nicht so gut zu Fuß. Seiner Rolle als Eiermann von Brodersby soll deshalb aber nicht enden.

Den Leuten im Ort gefällt seine Engagement. Auch wenn einige mittlerweile wissen, wer für die bunten Vorgärten zu Ostern verantwortlich ist, finden viele die Aktion sehr schön. Und einige werden wirklich überrascht. Kinder sammeln die bemalten Eier ein, teilweise reihen Frauen sie an einer Kordel auf und hängen sie an Bäume oder Sträucher. Eine Dame gesteht sogar, dass sie Sielbecks Werke für das folgende Jahr aufhebt.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 26.03.2019 | 19:30 Uhr

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