Ein Schüler trainiert die Reanimation an einem Dummy. © picture alliance/Arno Burgi/dpa-Zentralbild/dpa Foto: Arno Burgi

Debatte: Reanimationsunterricht in der Schule?

Stand: 04.10.2021 05:00 Uhr

Der Deutsche Rat für Wiederbelebung will mit einer Petition erreichen, dass Reanimationskurse in der Schule verpflichtend werden. Notärzte in Schleswig-Holstein unterstützen das, Bildungsministerium und Eltern sind dagegen skeptisch.

von Julian Marxen

Es kann überall passieren: auf der Straße, im Kaufhaus, im Büro, im Familien- oder Freundeskreis. Und es kann jeden von uns treffen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie erleiden jedes Jahr etwa 65.000 Deutsche einen Herzstillstand. Fast 60.000 überleben das nicht. "Wenn wir es schaffen, mehr Menschen Grundkenntnisse über Reanimation beizubringen, könnten deutlich mehr Leben gerettet werden", ist sich der Ratzeburger Rettungsassistent und Feuerwehrmann Hannes Weber sicher. Er wirbt in den sozialen Netzwerken unter anderem mit kurzen Videoclips für die bundesweite Petition. Es sei wichtig, schon in der Schule zu sensibilisieren und mit der Aufklärung zu beginnen, findet Weber. Andere Länder seien uns da weit voraus.

Andere Länder als Vorbild

So zum Beispiel Dänemark. Hier ist der Wiederbelebungsunterricht seit 2005 gesetzlich festgeschrieben. Der Deutsche Rat für Wiederbelebung verweist in seiner Petition darauf, dass in unserem Nachbarland dadurch in immer mehr Notfällen Maßnahmen wie die Herzdruck-Massage eingeleitet werden, etwa durch Passanten, Freunde oder Verwandte.

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Diese sogenannte Laienreanimationsquote, heißt es, sei in Dänemark "von 20 Prozent im Jahr 2000 auf mehr als 60 Prozent im Jahr 2020" angestiegen. Die Überlebensrate von betroffenen Menschen habe sich verdreifacht. Und Länder wie die Niederlande und Schweden würden sogar eine Laienreanimationsquote von 70 Prozent und mehr aufweisen. In Deutschland liegt die Quote laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bei etwa 40 Prozent.

Notärzte in SH: Politik am Zug

Auch das "Forum Leitende Notärzte Schleswig-Holstein" fordert von der Politik, dass Schülerinnen und Schüler Reanimationsunterricht bekommen. Jetzt, so die Ärzte, sei die Politik am Zug. Ihr würden alle Projektpläne und Kostenkalkulationen vorliegen. Das Bildungsministerium in Kiel zögert. "Grundsätzlich unterstützen wir, dass Schülerinnen und Schüler sich mit lebensrettenden Sofortmaßnahmen beschäftigen und diese erlernen", betont ein Sprecher. Allerdings setze man eher auf freiwillige Angebote wie etwa im Schulsanitätsdienst. Eine verpflichtende Einführung sei kein Thema. Denn Siebtklässler sollten nicht meinen, in bestimmten Notlagen Verantwortung übernehmen zu müssen, die sie aufgrund ihres Alters vielleicht gar nicht übernehmen können, heißt es aus dem Bildungsministerium.

Eltern haben Bedenken

Viele Eltern sehen das ähnlich, sind skeptisch, ob 12- oder 13-Jährige Notsituationen überhaupt richtig einschätzen können. Auch Claudia Pick vom Landeselternbeirat der Gymnasien hat Bedenken. Sie fragt sich, ob man mit verpflichtendem Unterricht Kinder nicht auch indirekt in die Pflicht nehmen würde, im Ernstfall einen leblosen Körper wiederzubeleben. "Bevor wir gleich mit Reanimationspflichtkursen anfangen, sollte doch erst einmal das Angebot freiwilliger Erste-Hilfe-Kurse ausgebaut werden, die Schüler zum Beispiel nach der Schule belegen können", findet die Elternvertreterin.

Ob die Petition trotz Bedenken von Politik und Eltern Erfolg hat, muss sich nun zeigen. Bis Sonntag hatten bereits mehr als 51.500 Befürworter im Internet unterzeichnet. Als Nächstes wird sich der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags mit der Forderung nach schulischem Reanimationsunterricht befassen.

Ein Mann drückt auf den Brustkorb einer Reanimationspuppe © NDR Foto: Alexandra Hilscher
AUDIO: Notärzte in SH für Wiederbelebungsunterricht in Schulen (1 Min)
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Ein Fragezeichen im Kopf. © go2 / photocase.de Foto: go2 / photocase.de

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 02.10.2021 | 12:00 Uhr

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