Stand: 28.12.2018 05:00 Uhr

Schneechaos in SH: Nahrung und Windeln aus der Luft

von Maja Bahtijarević

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Als junger Mann fliegt Dieter Roeder für die Bundeswehr und ist während der Schneekatastrophe im Dauereinsatz.

An dem Tag, an dem sich eines der skurrilsten Ereignisse seines Pilotendaseins ereignen wird, fliegt Dieter Roeder nach Fehmarn. Die Insel im Kreis Ostholstein ist völlig im Schnee versunken, so wie fast ganz Schleswig-Holstein kurz vor dem Jahreswechsel 1978/79. Roeder, damals junger Bundeswehrpilot am Flugplatz "Hungriger Wolf" in Itzehoe (Kreis Steinburg), erinnert sich an seinen Blick aus dem Cockpit des Transporthubschraubers. "Da war keine Straße, keine Eisenbahn, einfach nichts mehr zu erkennen", erzählt er. "Die Insel war völlig zu, alles weg". Mit seinen Kollegen soll er dieses Mal vier Familien, die ohne Vorräte eingeschneit sind, Verpflegung und Windeln bringen. Der Ausnahmefall erlaubt diesen außergewöhnlichen Einsatz der Bundeswehr: Am 29. Dezember 1978, nachdem der Schnee in der vorherigen Nacht das ganze Land verschlungen hatte, war der Katastrophenfall ausgerufen worden - die Kräfte vom Bund dürfen deutschlandweit unterstützen. Ab diesem Moment ist Roeder viel in der Luft, "solange es einigermaßen hell war und es das Wetter zuließ."

Mit dem Transporthubschauber im Dauereinsatz

Es rieselt künstlichen Schnee

Mit Verpflegungspaketen an Bord, von Kaufleuten geschnürt, sieht der junge Pilot in der Feriensiedlung im Süden Fehmarns die Urlauber winken. Doch die Schneemassen, die erwachsene Menschen um Armlängen übersteigen, zwingen Roeder, mit dem mächtigen Militärhubschrauber just über der Schneedecke in der Schwebe zu bleiben - landen wäre zu gefährlich. Währenddessen werfen seine Kollegen die Versorgungspakete raus. Als Roeder wieder hochzieht, haben die leichten Kartons aber keine Chance gegen den Auftrieb: Die scharfen Rotorblätter des Helikopters zerfetzen die Windeln mit einer solchen Wucht, dass die Schnipsel herunterrieseln wie künstlicher Schnee. "Sieben oder sechs Kartons hat es da durchgehauen", sagt Roeder. Während er erzählt, muss er lachen. "Im Nachhinein lustig", sagt er, "doch damals hoch kritisch. Die Fetzen hätten die Ansaugschächte verstopfen oder die Rotoren beschädigen können." 

Bundeswehrpilot: "Routine und Professionalität"

Der Pilot ist 30 und seit wenigen Jahren bei der Bundeswehr, als die Schneekatastrophe kommt. Über Jahrzehnte hat Roeder sein Gedächnis nicht bemüht, hat nach seiner Bundeswehrzeit noch Betriebswirtschaftslehre studiert und später im Versicherungsgeschäft gearbeitet. Jetzt, 40 Jahre später, finden die Bilder erst durch viele Gespräche und eine Ausstellung in Itzehoe ihren Weg zurück in seine Erinnerung. So erzählt Roeder auch von einem Einsatz, bei dem er eine hochschwangere Frau mit Verdacht auf Blasensprung nach Kiel geflogen hat, damit sie noch rechtzeitig in die Uniklinik kommt. Oder davon, wie er einen 250-Liter-Kanister unter den Helikopter gehängt und ihn vom Landwirt zum Dorf geflogen hat, wo sich die Menschen ihre Milch holen konnten. "Das war für uns Routine und Professionalität", sagt Roeder. "Wir haben keine Heldentaten vollbracht, sondern unseren Job gemacht."

Durch den Wald zum Flugplatz

Während die Hubschrauber in der Luft unterwegs sind, kümmern sich andere "hungrige Wölfe" auf dem Flugplatz darum, dass alles glatt läuft. Einer davon ist Heinz Kröger, damals Leiter der Luftbetriebs- und Versorgungsstaffel. "Mich erreichte der Anruf, dass ich dringend in die Kaserne muss", erzählt er, "die Hubschrauber müssen fliegen, und ohne mich fliegen sie irgendwann nicht mehr - weil kein Sprit mehr im Tank ist." Pilot Roeder kommt in den ersten Stunden des Schneechaos noch mit dem Auto von Hohenaspe zum Flugplatz durch, für Kröger ist das keine Option mehr.

"Ich bin von Rosdorf durch den Wald marschiert, mit Klappspaten, Fellmütze und allem drum und dran, ungefähr viereinhalb Kilometer", erzählt der Bundeswehrmann. "Man konnte die Straßen nicht gehen. Ich bin immer im Knick gegangen, das ging einigermaßen so um die Bäume herum." In Kellinghusen kommt der Hubschrauber und holt Kröger mit anderen Kollegen ab - wie noch so viele nach ihnen. Denn die Autobahnen und Bundesstraßen bleiben dicht, und trotz Sonderfahrerlaubnis während des grundsätzlichen Fahrverbots hätte keiner ein Fahrzeug in der Garage gehabt, das die Schneegewalten bezwingen könnte. "Mit dem Zweitonner vom Flugplatz und Schneeketten ging das dann ganz gut", erinnert sich Kröger. "Da hab ich mir einen Mitfahrer geschnappt und hab fünf, sechs Leute abgeholt, um mehr Personal zu kriegen."

Vorbereitet auf den Ausnahmezustand

Ununterbrochen bleiben Roeder und Kröger mit den anderen auf dem Flugplatz, sind im Dauereinsatz, verbringen Silvester ohne ihre Familien. "Das war ja für uns nix Ungewöhnliches", sagt Roeder. "Bei uns in der Bundeswehr hat man manchmal von der Hand in den Mund gelebt. Man wusste morgens nicht, wenn man zum Dienst ging, ob man abends wieder zu Hause ist." Wie lange sie dieses Mal von zu Hause weg waren, können Roeder und Kröger nicht mehr genau sagen - dafür sei es alles viel zu lange her, es müsse etwa eine Woche gewesen sein. Und wie die Urlauber auf Fehmarn die Tage ohne Windeln überbrückt haben, weiß der ehemalige Pilot Roeder auch nicht. "Ich bin mir sicher, sie haben sich was einfallen lassen”, sagt er und zwinkert.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.12.2018 | 08:00 Uhr

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