Stand: 31.01.2020 14:08 Uhr

Brexit trifft Dorf: Bürgermeister muss abdanken

von Julian Marxen

Ein Mann hält ein Schild in der Hand mit der Aufschrift "Gemeinde Brunsmark - Kr. Herzgt. Lauenburg - Der Bürgermeister"  Foto: Julian Marxen
Ende einer Ära in Brunsmark: Iain Macnab schraubt am Freitag das Gemeinde-Schild von seinem Gartenzaun ab.

Die blau-weiße Schottland-Flagge vor einem Haus in Brunsmark hat schon bessere Zeiten erlebt. Der starke Wind hat sie an der Seite einreißen lassen. Ein Zeugnis turbulenter Zeiten. Und auch der Mann, dem das ausgefranste Tuch gehört, fühlt sich höheren Mächten ausgesetzt. Der Brexit hat ihn und das gesamte Dorf im Kreis Herzogtum Lauenburg nämlich ordentlich durchgewirbelt. Doch der Reihe nach: Iain Macnab aus Schottland lebt mit seiner Familie seit fast 30 Jahren in der 160-Einwohner-Gemeinde. Seit zwölf Jahren ist der Schotte hier Bürgermeister. Doch jetzt muss er sein Amt aufgeben. Gezwungenermaßen. Weil ein EU-Gesetz das so will. Denn mit dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist der Mann mit schottischem Pass vom Papier her kein EU-Bürger mehr. Und nur die dürfen laut Gesetzeslage offizielle politische Ämter bekleiden. Macnab dann also nicht mehr.

"Und dann kommt dieser Blödsinn"

"Ich fühle mich ein bisschen entmündigt", gesteht der 70-Jährige. "Man wohnt hier schon so lange und ist hier zu Hause. Und plötzlich kommt dieser Blödsinn." Doch Gesetz ist Gesetz. Den schottischen Pass jedenfalls will Macnab nicht für das Amt abgeben. Er sei nun mal stolzer Schotte, betont der scheidende Bürgermeister augenzwinkernd. Stolz ist er auch auf das, was er zusammen mit der Dorfgemeinschaft in seiner Amtszeit erreicht hat: Glasfaser für alle Haushalte, neues Dorfgemeinschaftshaus, guter Zusammenhalt. Er sei schon ein bisschen traurig, dass er seinen Posten aufgeben müsse und dass die Briten die EU verlassen, gibt Macnab zu. Doch die Abneigung gegenüber Brüssel verstehe er. "Diese überbordende Bürokratie mischt sich bis ins Letzte in unser Leben ein. Das haben wir alle nicht verdient", findet der Schotte.

Schottischer Whiskey zum Abschied

Iain Macnab, Bürgermeister von Brunsmark, wird in seinem Büro interviewt.  Foto: Julian Marxen
Iain Macnab ist mit Haut und Haaren Schotte: Das zieht zum Brexit Medien aus der ganzen Republik an.

Der 70-Jährige geht noch einmal durch Brunsmark. Ein letztes Mal als Bürgermeister das Feuerwehrgerätehaus abschließen. Ein letztes Mal die Amtspost öffnen. Und dann schraubt er das in die Jahre gekommene Gemeinde-Schild von seinem Gartenzaun ab. "So, das war's jetzt", verkündet Macnab wehmütig. Weinen würde er aber nicht, lacht er, schließlich sei er ja erwachsen. Schottischer Humor eben.

Und eigentlich hat der "Highland-Brunsmarker" auch Grund zur Freude. Schließlich hat er nun mehr Zeit für die Familie. Er könne jetzt häufiger an den heimischen Atlantik reisen und öfter mit seiner Rockband üben, den "Lucky Devils". Mit denen will der passionierte Bassist zum Brexit noch einen Scheidebecher trinken - natürlich einen schottischen Whiskey.

VIDEO: Freese 1 an alle: Goodbye and hello (2 Min)

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