Stand: 08.08.2018 19:30 Uhr

Boostedt, seine Flüchtlinge und ein Hilferuf

Es ist ein Hilferuf mit Beispielen, was schief läuft, aber auch eine Abrechnung mit der amtierenden Landesregierung: Auf der Titelseite und einer zusätzlichen Doppelseite in den "Kieler Nachrichten" macht Boostedts Bürgermeister Hartmut König (CDU) am Mittwoch seinem Ärger Luft. "Wir Boostedter werden vom Land allein gelassen", prangert er an. Zu viel Alkohol, zu wenig Respekt, Krawalle: Das Verhalten vieler Bewohner aus der Landesunterkunft sei rüpelhaft. Konkret gehe es ihm um diejenigen, deren Asylantrag abgelehnt wurde. "Zu uns kommen nur noch diejenigen, die nichts mehr zu verlieren haben", sagt König.

Menschen auf einer Strasse

Flüchtlinge: Boostedt fühlt sich alleingelassen

Schleswig-Holstein Magazin -

Lange galt Boostedt als Vorzeige-Gemeinde für den Umgang mit Geflüchteten. Doch weil viele keine Bleibeperspektive haben, nehmen die Probleme zu - und die Stimmung im Ort kippt.

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800 Menschen ohne Perspektive

4.600 Einwohner hat Boostedt. Hinzu kommen 1.200 Menschen, die in der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende in der Rantzau-Kaserne leben. Es ist neben Neumünster die zweite Einrichtung dieser Art in Schleswig-Holstein. 800 abgelehnte Asylbewerber in Boostedt wissen bereits, dass sie nicht in Deutschland bleiben können. "Wo viele Menschen ohne irgendwelche Perspektiven sind, ohne etwas zu tun, herrscht Explosionsgefahr", sagt König.

König redet von Leuten, die laut sind, auf der Straße viel Alkohol trinken, weil sie es in der Unterkunft nicht dürfen - oder nicht zur Seite gehen, wenn eine Frau mit Kind vorbei will. Aber es habe auch Krawalle in der Unterkunft gegeben, sagt König. Daher seien jetzt 23 Polizeibeamte in der nahegelegenen Wache stationiert - früher seien es zehn gewesen.

Gefühl der Unsicherheit

Dass sich der Bürgermeister jetzt an die Öffentlichkeit wendet, können einige Anwohner verstehen. "Es ist wirklich eine Belastung für den Ort - und die wird immer größer", sagt Rüdiger Steffensen dem Schleswig-Holstein Magazin. Er selbst habe neulich den Supermarkt früher verlassen, weil es einen Zwischenfall gegeben habe. Einige Bewohner aus der Erstaufnahme wären mit der Taschenkontrolle nicht einverstanden gewesen und hätten sich deswegen aufgeregt. "Und dann habe ich zu meiner Frau gesagt: Lass' uns lieber rausgehen, bevor hier etwas eskaliert", erzählt Steffensen.

"Wissen nicht, wie wir helfen sollen"

Eine andere Bewohnerin berichtet von Gruppen, die sich regelmäßig zum Biertrinken treffen. "Ich habe aber noch nie erlebt, dass mich einer angepöbelt hat. Sie sind immer nett und höflich, grüßen freundlich", sagt Gisela Schellack. "Die langweilen sich allerdings im wahrsten Sinne des Wortes. Was sollen sie auch anderes machen? Man müsste eine Beschäftigung für die finden." Doch genau hier sieht Bürgermeister Hartmut König das nächste Problem: "Die Leute lassen sich nicht helfen und wir wissen auch gar nicht mehr, wie wir helfen sollen. Denn was bringt Sprachunterricht, wenn die Menschen Deutschland verlassen sollen?"

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Flüchtlingshilfe aufgegeben

"Unsere Arbeit ist inzwischen zum Erliegen gekommen", bestätigt der ehemalige Flüchtlingshelfer Hans-Günter Sieh. 150 Menschen seien anfangs zu den Sprachkursen und anderen Treffen gekommen, später nur noch 60 und seit einem Jahr keine mehr. Dass jetzt immer mehr Menschen in der Unterkunft leben, die keine Bleibeperspektive haben, und nur noch wenige, die eine Zukunft in Deutschland haben, hält Sieh für eine "unglückliche Mischung".

Bürgermeister König geht bei seiner Wortwahl noch einen Schritt weiter: Er spricht bei der Unterkunft Neumünster mit seiner Außenstelle in Boostedt inzwischen von einem "Ankerzentrum", wo Ausreisepflichtige auf ihre Abschiebung warten. Seine CDU-Parteikollegen würden in der Regierung mit FDP und Grünen ein ebensolches Zentrum "hintenrum" schaffen wollen.

Ministerium: "Menschen verteilen, verteilt die Probleme"

"Wir werden mit dem Begriff 'Ankerzentrum' nicht arbeiten", sagt Innenstaatssekretär Torsten Geerdts (CDU). An einer Sammelunterkunft, wie in Boostedt, führe kein Weg vorbei, "ansonsten müssten wir die Menschen über das ganze Land verteilen, wenn sie nicht hierbleiben könnten." Dann hätte man die Probleme ebenfalls im ganzen Land verteilt.

Keine konkreten Straftaten

"Die Stimmung in Boostedt ist dramatisch schlecht", gibt der Staatssekretär zu, "weil wir Personen dort haben, die sich nicht so benehmen, wie wir es von ihnen erwarten können." Das könne man nicht tolerieren, sagt Geerdts. "Daher habe ich die Kritik der Gemeinde verstanden." Konkrete Straftaten oder Delikte nennt er aber nicht.

Staatssekretär erneuert Versprechen

Bürgermeister König fordert vom Land, kleinere Unterkünfte mit maximal 500 Menschen. "Ab Herbst 2019 werden nur noch 500 Personen dort sein. Im absoluten Notfall noch 200 mehr. Wir werden also deutlich reduzieren", sagt Geerdts, "und 2024 ist dann in Boostedt Schluss". Dieses Versprechen ist allerdings schon mehrere Wochen alt, bestätigt König.

Folgen der Anerkennung für Asylbewerber

Flüchtlingsschutz und politisches Asyl

  • Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
  • Niederlassungserlaubnis nach 3 Jahren
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von Ehepartner und minderjährigen Kindern
subsidiärer Schutz
  • Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr
  • Niederlassungserlaubnis nach 5 Jahren möglich
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von 1.000 Menschen pro Monat auf Antrag (seit August 2018)

Keine dritte Unterkunft

"Man sollte auch in kleineren Einrichtungen Menschen mit und ohne Bleibeperspektive mischen", fordert der Bürgermeister. Außerdem will er, dass das Land neben Neumünster und Boostedt noch eine dritte Unterkunft öffnet, um die Menschen besser verteilen zu können. "Im Verlauf der nächsten Monate wollen wir den Standort Neumünster stärken und dadurch Boostedt entlasten", heißt es aus dem Innenministerium. Derzeit leben in der Unterkunft Neumünster 660 Bewohner. Eine dritte Unterkunft zu öffnen, schließt Geerdts derzeit aber aus. Man prüfe, ob man die Polizeipräsenz in Boostedt weiter ausbauen kann.

"Kritik ist angekommen"

"Wir sind im ständigen Kontakt mit dem Bürgermeister in Boostedt und führen gute und konstruktive Gespräche", sagt Geerdts. Das sieht König anders: "Ich erwarte vom Innenministerium, nicht nur einmal oder zweimal herzukommen, sondern eine intensive Begleitung." Das hatte er zuvor im Zeitungsinterview gesagt. "Die Kritik ist angekommen", heißt es dazu aus dem Innenministerium.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.08.2018 | 19:30 Uhr

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