Stand: 16.08.2018 07:43 Uhr

Boostedt: Flucht ohne Ankommen

von Christian Schepsmeier

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Am Ortseingang begrüßt das Wappen der Gemeinde die Besucher.

Mitten auf dem Kreisverkehr, um den sich in Boostedt (Kreis Segeberg) alles dreht, was in die Gemeinde hinein oder wieder heraus will, steht ein Symbol der Flucht und des Ankommens: Das Wappen des Ortes auf einem mannshohen Findling aus Granit. Eine rote Linie trennt das Emblem in zwei Hälften. Die Linie steht für den langen Weg der Flüchtlinge, die hier in Boostedt ein neues Zuhause gefunden haben - nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist 18 Uhr, um den Kreisel dreht sich der Feierabendverkehr, die Abendsonne hängt hinter Wolken.

Angst vor Abschiebung

Dreißig Meter von dem Wappen entfernt, auf einer kleinen Rasenfläche, sitzt Abdul Razaq Nurstani und raucht. Er sei vor anderthalb Jahren aus Afghanistan geflohen, erzählt er uns. Ob er hier ein neues Zuhause findet? "Ich bin über Bulgarien nach Deutschland gekommen, und ich bin dort auch registriert worden", sagt er, "seit ich hier bin, habe ich Angst, dass man mich nach Bulgarien abschiebt." Warum sitzt er hier, auf diesem verdorrten Rasen, neben dem viel befahrenen Kreisel? "Ich bin gern im Freien. Da drüben in der Unterkunft fühle ich mich wie in einem Gefängnis." Seit drei Monaten ist er in Boostedt.

Tage ohne Struktur

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In der Landesunterkunft leben 1.300 Menschen.

Der junge Mann ist einer von mehr als 1.300 Menschen, die in der ehemaligen Rantzau-Kaserne in der Gemeinde Boostedt untergebracht sind. An diesem Montagabend sind nur wenige der Bewohner im Dorf unterwegs. Afrikanerinnen tragen Einkäufe auf dem Kopf, ein kleiner Junge reitet auf den Schultern seines Vaters, am Bahnhof trinken ein paar junge Männer Bier. Die meisten von ihnen wissen, dass sie nur eine Weile hier sein werden. Ihre Tage haben keine feste Struktur, arbeiten dürfen die meisten nicht.

Sohrab und Jawad kommen gerade aus einem Supermarkt in der Nähe des Kreisverkehrs. Sie haben einen Energy Drink in der Hand, Billigmarke, 500 Milliliter. "Es wäre besser, wenn die Menschen hier eine Beschäftigung hätten", sagt Sohrab, "einerseits, weil man etwas zurückgeben kann an das Land, in dem man lebt. Andererseits hat man keine Zeit, um Blödsinn zu machen."

Folgen der Anerkennung für Asylbewerber

Flüchtlingsschutz und politisches Asyl

  • Aufenthaltserlaubnis für 3 Jahre
  • Niederlassungserlaubnis nach 3 Jahren
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von Ehepartner und minderjährigen Kindern
subsidiärer Schutz
  • Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr
  • Niederlassungserlaubnis nach 5 Jahren möglich
  • unbeschränkter Arbeitsmarktzugang
  • Familiennachzug von 1.000 Menschen pro Monat auf Antrag (seit August 2018)

Öffentliche Diskussion

In diesen Tagen gibt es viele Schlagzeilen über Boostedt und die zum großen Teil bereits abgelehnten Asylbewerber, die in der ehemaligen Kaserne leben. Bürgermeister Hartmut König (CDU) hatte in mehreren Interviews davon gesprochen, das Menschen ohne Bleibeperspektive in Boostedt "dahindümpeln": Es gebe in der Gemeinde immer mehr Klagen über deren rüpelhaftes Benehmen, über ungehemmten Alkoholkonsum auf offener Straße, über Ladendiebstähle.

Tatsächlich wissen fast zwei Drittel der in Boostedt untergebrachten Ausländer, dass sie Deutschland wahrscheinlich verlassen müssen: Ihre Asylanträge wurden abgelehnt. König kritisiert vor allem, dass die nur 4.600 Einwohner seiner Gemeinde mit einer so hohen Zahl von Menschen ohne Bleibeperspektive umgehen müssen - und dass das Land zu wenig tut, um den Bewohnern der ehemaligen Kaserne zumindest einen sinnvollen Tagesablauf anzubieten. "Wir fühlen uns alleingelassen", sagt Bürgermeister König.

"Wir wollen wie Menschen behandelt werden"

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Im Ort gibt es eine Diskussion über das Benehmen der Bewohner der Unterkunft.

Regenwolken ziehen auf, es wird dämmrig in Boostedt. Auf dem Gehweg neben einem der Supermärkte steht eine Gruppe Frauen und Mädchen aus dem Iran. "Wir bekommen das mit, dass die Menschen über uns Flüchtlinge reden", sagt eine Frau, die Lebensmittel einkaufen will, "und wir würden uns wünschen, dass wir weiter wie Menschen behandelt werden, auch wenn ein paar Bewohner der Unterkunft etwas falsch gemacht haben." Auch deutsche Einwohner der Gemeinde wünschen sich eine differenzierte Sicht auf die Situation.

Zwar berichtet der Vorsitzende des SV Boostedt, Peter Blumenröther, von "Trinkgelagen" einiger Bewohner der Unterkunft vor dem Außentor des Sportplatzes. Aber ebenso häufig müsse sein Verein den Müll und die Flaschen der einheimischen Jugendlichen wegräumen. Hartmut David vom Kirchengemeinderat sagt: "Ich befürchte, dass die Debatte denen in die Hände spielt, die schon immer kritisch über die Aufnahme von Flüchtlingen gesprochen haben."

Mehr Polizei in Boostedt

Tut die Landesregierung genug, um den Bewohnern der Unterkunft in Boostedt einen sinnvollen Tagesablauf zu ermöglichen? Aus dem Innenministerium heißt es dazu auf Anfrage, aus jetziger Sicht würden die Angebote ausreichen. Nach den öffentlichen Äußerungen des Bürgermeisters hat die Landesregierung bisher vor allem mit einer deutlichen Erhöhung der Polizeipräsenz in Boostedt reagiert. Dabei weist die polizeiliche Krimalstatistik für Boostedt bislang keine deutliche Steigerung der Kriminalität aus. Nur im Bereich der Ladendiebstähle stieg die Zahl der Fälle - von 9 im Jahr 2014 auf 43 Fälle im vergangenen Jahr 2017.

Weitere Informationen

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Angesichts der zusätzlich eingesetzten Polizeibeamten in Boostedt sagt uns eine der Polizistinnen aus der Einsatzstelle: "Ich bin schon verwundert über die Fahrt, die das Ganze aufgenommen hat, aber wenn die Aufstockung ein zusätzliches Sicherheitsgefühl bringt, ist das sicher gut." Die Polizistin kennt viele der Bewohner. "Die meisten sind mit einem ganzen Rucksack voller Hoffnung gekommen", sagt sie, "und wenn diese Hoffnung bricht, dann entsteht auch Verzweiflung."

Internationaler Transfer

Es nieselt in Boostedt. Vor dem Tor der Unterkunft steht Lawson Afnakwah. Der 23-jährige kommt aus Ghana. Er erzählt, wie er von Libyen über das Mittelmeer nach Italien eingereist ist, und dass er befürchtet, dorthin zurückgeschickt zu werden: "In Italien bin ich rassistisch beleidigt worden. Ich will nicht dorthin zurück."

Seit Kurzem spielt Lawson in der ersten Herrenmannschaft des SV Boostedt. In einem Probetraining hatte er den Kreisligaverein schon Anfang des Jahres von seiner Klasse überzeugt. Bevor er aber eine Spielerlaubnis bekommen hat, legte ihm der Fußballverband eine Wartefrist von mehreren Monaten auf. Auf Anfrage teilte der Fußballverband mit, es habe sich – genau genommen – um einen internationalen Transfer gehandelt. Lawsons ehemaliger Verein in Ghana habe den Spieler nicht ordnungsgemäß abgemeldet, sein Status während der Flucht könne also nicht als „vereinslos“ gewertet werden. Die Sperre sei aufgrund von FIFA-Regularien zustande gekommen.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 15.08.2018 | 19:30 Uhr

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