Stand: 02.07.2019 05:00 Uhr

Arbeitsmarkt: Studienabbrecher haben gute Chancen

Die Zahl der Arbeitslosen in Schleswig-Holstein geht weiter zurück. Und das zeigt sich auch am Ausbildungsmarkt: Viele Betriebe suchen weiterhin Fachkräfte. Außerdem sind viele Ausbildungsplätze noch unbesetzt. Gleichzeitig geht der Trend hin zur Akademisierung: Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs macht Abitur. Das Ziel ist meist ein Studium und eine akademische Karriere. Doch jeder Dritte gibt schnell wieder auf. Und dann geht es von der Uni zum Beispiel an die Baumarkt-Regale.

Studium abgebrochen - danach Ausbildung

Ein Beispiel dafür ist Alexander Albrecht. Es war keine leichte Entscheidung für den 30-Jährigen. Sein Informatik-Studium an der Uni Kiel hat er abgebrochen - jetzt lernt er beim Baumarkt Profi Kiel den neu geschaffenen Beruf "E-Commerce-Kaufmann". Er wollte anpacken statt Formeln zu lernen. Doch der Studienabbruch weckte auch Ängste: "Natürlich hat man Zweifel, dass man keinen Ausbildungsplatz findet und dass man über längere Zeit arbeitslos ist. Für einige Unternehmen könnte es auch so wirken, dass ein Studienabbrecher jemand ist, der schnell aufgibt. Diese Zweifel gehen in einem vor. Natürlich fragt man sich auch, was denkt das nähere Umfeld, die Familie, die Freunde."

Für Betriebe zählt Erfahrung

Der Baumarkt hat sich bewusst für einen Studienabbrecher wie Albrecht entschieden. Die hätten mehr Erfahrung und der Nachwuchs sei knapp, meint der Geschäftsführer Thomas Kiel. "Ohne Abitur ist man heute nichts mehr. So wird es oftmals gesagt. Der gesellschaftliche Druck, der Druck von Eltern und Mitschülern - heute braucht man sein Abitur. Das ist in meinen Augen aber falsch", erklärt Kiel. Denn mehr als die Hälfte eines Jahrgangs würden Abitur machen und viele davon studieren - während Unternehmen dringend Nachwuchs suchen.

Normale Orientierungsphase

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Erst in der Studienberatung wurde Albrecht klar, dass es für ihn bessere Wege als ein Studium gibt. Und das ist längst kein Einzelfall. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung hat ausgerechnet, dass die Abbrecherquote der Bachelor-Studierenden an Fachhochschulen bundesweit bei 25 Prozent liegt. An Universitäten sind es sogar 32 Prozent. Die Studienberatung sieht dies als Teil einer normalen Orientierungsphase. "Diejenigen kommen mit sehr mulmigen Gefühlen. Das ist das erste Mal, dass sie nicht ganz gut zurechtkommen. Letztlich geht es um eine Überprüfung der Entscheidung - um eine neue Zielorientierung. Und ich finde, die sollten wir allen jungen Leuten zugestehen", sagt Annette Schmitz, Leiterin der Studienberatung an der Uni Kiel.

Falsche Vorstellung führt zu hohen Abbrecherquoten

Besonders in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern oder in den Geisteswissenschaften ist die Zahl der Abbrecher hoch. Doch nicht alle schmeißen aus Frust hin. An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel liegt die Abbrecherquote von Bachelor-Studierenden bei 30 Prozent. Ein Viertel davon wechselt die Uni, jeder Fünfte wechselt das Fach - 15 Prozent gehen ohne Abschluss und der Rest gibt finanzielle oder andere persönliche Gründe an.

Dennoch bleibt für die Wirtschaft das Problem, dass Fachkräfte-Nachwuchs fehlt, gleichzeitig aber viele ohne klare Vorstellung ins Studium streben. Margit Haupt-Koopmann, von der Arbeitsagentur Regionaldirektion Nord, erklärt den Trend: "Am besten mein Kind studiert, dann ist es lebenssicher und fest für die Arbeitswelt von morgen aufgestellt. Da muss man aber ein Fragezeichen stellen. Denn diese Abbrecherquoten haben Gründe." Oftmals sei es die falsche Vorstellung von dem, was man angefangen habe.

Alexander Albrecht ist froh, dass er den Absprung geschafft hat. Im August beginnt er sein zweites Lehrjahr. Er ist ein Beispiel dafür, dass es auch nach dem Studienabbruch berufliche Chancen gibt.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 01.07.2019 | 19:30 Uhr

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