Arabischer Kulturverein Rendsburg: Gefahr für die Demokratie?

Stand: 04.02.2021 13:53 Uhr

In Rendsburg treffen sich regelmäßig bis zu 150 Menschen zum Freitagsgebet in einer ehemaligen christlichen Kirche. Der Verfassungsschutz schätzt viele der Besucher als Salafisten ein. Der Verein, der die Gebete organisiert, sieht dagegen kein Problem.

von Sven Brosda und Carsten Janz

Wo früher Bänke für die Gottesdienstbesucher der Neuapostolischen Kirche im Rotenhöfer Weg in Rendsburg standen, sind heute Markierungen in dem markanten Gebäude auf den Fußboden geklebt. Dort rollen jetzt Mitglieder und Besucher des Arabischen Kulturvereins Rendsburg ihre Gebetsteppiche aus. In einem Regal steht eine Uhr, die anzeigt, wann in der Moschee gebeten werden soll.

Für gläubige Muslime ist das Freitagsgebet besonders wichtig. In die Moschee nach Rendsburg kommen an solchen Tagen bis zu 150 Menschen. Ein Drittel der Besucher schätzt der Verfassungsschutz als salafistisch ein. Gläubige, die das Grundgesetz und die Demokratie ablehnen. Sie wollen einen islamischen Gottesstaat errichten.

Das Landeshaus ist bei Nacht beleuchtet und in den Fenstern brennt Licht. © dpa picture alliance Foto: Daniel Bockwoldt
AUDIO: Blick hinter die Kulissen: Recherche über Salafisten in SH (31 Min)

Verein knüpft Kontakte zu anderen extremistischen Vereinen

In den Fokus des Verfassungsschutzes gerät der Arabische Kulturverein aus Rendsburg bereits 2018, damals noch ohne eigene Moschee. Der Vereinsvorstand fährt in dieser Zeit unter anderem zum Verein Al-Huda nach Kiel, den der Verfassungsschutz ebenfalls wegen salafistischer Aktivitäten im Blick hat. Für den Nachrichtendienst Anzeichen, dass die Rendsburger ihr Netzwerk ausbauen beziehungsweise festigen. Darauf angesprochen, sagt einer der Rendsburger Vereinsvorsitzenden, Mohammad Nassar, dass er nicht nur bei Al-Huda war, sondern darüber hinaus nahezu alle islamischen Vereine in Schleswig-Holstein besucht hat. Er meint, dass er bei diesen Besuchen nur seinen Verein vorstellen wollte.

Verein kommt durch Zufall an ehemalige Neuapostolische Kirche

Mohammad Nasser gibt ein Interview. © NDR
Vereinsvorsitzender Mohammad Nassar wollte eine eigene Moschee für seinen Verein.

Nassar erzählt weiter, dass er aus Syrien geflohen ist und seit 2015 in Schleswig-Holstein lebt. Flüchtlingshelfer von damals schätzen den Familienvater als sehr gläubig ein. In seiner Funktion als Vereinsvorstand wird es seine Aufgabe, einen Raum zum Beten zu suchen. Nassar plant groß: Er will eine eigene Moschee für seinen Verein. Nassar sagt dazu, eine Moschee gehöre wie ein Element zu seiner Kultur. Also sucht der Verein nach einer passenden Immobilie und stößt im Internet auf die ehemalige Kirche im Rotenhöfer Weg.

Die Neuapostolische Kirche hatte ihre Räume im August 2019 an eine Hamburger Grundstücksgesellschaft verkauft. Das denkmalgeschützte und renovierungsbedürftige Gebäude wechselt nach unseren Recherchen für 75.000 Euro den Besitzer, wird dann im Internet angeboten und an den Verein vermietet.

Verein verstößt gegen Mietvertrag

Der ehemalige Eigentümer, die Neuapostolische Kirche, hatte beim Verkauf klare Vorstellungen: Unter Paragraf 3 im Kaufvertrag wird geregelt, dass das Gebäude im Rotenhöfer Weg künftig nur als Kirche oder religiöser Raum genutzt werden darf, wenn es sich bei der Konfession um eine christliche Ausrichtung handelt. Die Neuapostolische Kirche wollte also nicht, dass in ihrem ehemaligen Gebäude zum Beispiel islamische Freitagsgebete stattfinden.

Auch von extremistischen Gruppierungen darf das Gebäude laut Kaufvertrag nicht genutzt werden. Damit konfrontieren wir den neuen Eigentümer in Hamburg. Einer der Geschäftsführer meint, dass diese "Nutzungseinschränkung" in den Mietvertrag zwischen der Grundstücksgesellschaft und dem Arabischen Kulturverein übernommen wurde. Vereinsvorstand Nassar bestätigt das. Sagt aber auch, dass er trotzdem zu Gottesdiensten und Gebeten in die ehemalige Kirche einlädt.

Verein bekommt Besuch von dänischem Hassprediger

Am 11. September 2020 schaut der Verfassungsschutz vermutlich ganz besonders nach Rendsburg. Denn der Arabische Kulturverein bekommt Besuch von einem dänischen Imam aus Aarhus. Abu Bilal Ismail verbreitet bei Instagram, dass er zum Freitagsgebet in die Moschee im Rotenhöfer Weg kommt. Dieser Besuch stützt offenbar die Einschätzung des Verfassungsschutzes, dass sich in Rendsburg Salafisten organisieren. Denn Abu Bilal Ismail war in Deutschland bereits wegen Volksverhetzung verurteilt worden.

Der Libanese mit dänischem Pass hielt 2014 in der Al-Nur-Moschee in Berlin eine Freitagspredigt, die aufgezeichnet und bei YouTube verbreitet wurde. In dieser Predigt rief er laut Urteil des Berliner Landgerichts zum Mord an Juden auf. Wörtlich sagte er: "Oh Gott, übernimm die Angelegenheit der zionistischen Juden, denn sie werden sich dir nicht entziehen. Verringere ihre Zahl und töte sie, einen nach dem Anderen und verschone niemanden unter ihnen."

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Junger Mann hält den Koran eng umschlungen. © picture alliance / Golden Pixels LLC

Sinnsuche treibt viele in den Salafismus

Seit wenigen Jahren wenden sich im Land immer mehr junge Leute dem Salafismus zu. Deswegen gibt es seit 2015 die Beratungsstelle PROvention. Die Berater versuchen, an junge Salafisten heranzukommen. mehr

Verein distanziert sich nicht klar von Hassprediger

Darauf angesprochen, sagt Vereinsvorstand Nassar, er finde das nicht gut, wenn jemand so was predigt. Er schränkt aber ein, dass ihm Abu Bilal Ismail erzählt habe, dass das Video mit der aufgezeichneten Predigt geschnitten, also manipuliert wurde. Das Berliner Landgericht sah das damals anders und verurteilte den Dänen zu einer Geldstrafe. Nassar schließt außerdem weitere Besuche des Dänen in Rendsburg nicht aus. Er habe die Information, dass der Imam nach dem Urteil kein Problem mehr in Deutschland habe, ein normaler Mensch sei und Deutschland immer wieder besuchen könne. Nassar will sich aber nochmal beim Rechtsanwalt von Abu Bilal Ismail erkundigen.

Nassar und der radikale Imam sind nach unseren Recherchen bei Facebook befreundet. Ende November vergangenen Jahres wechselte Nassar eines seiner Profilbilder. Der Account von Abu Bilal Ismail kommentiert das so: "Keine Macht außer mit Gott, Gott, der Herr beschützt dich." Nassar antwortet: "Gott segne Euch, unser Scheich und geliebter Abu Bilal."

"Ja. Das ist immer Ziel von Salafisten, zu missionieren." Verfassungsschutzchef Joachim Albrecht

Verein will in Kinder- und Jugendarbeit einsteigen

Nassar hat weitere Pläne für seinen Verein. Sobald die Corona-Einschränkungen es zulassen, soll der Arabische Kulturverein Islamunterricht für Kinder am Wochenende anbieten. Oder aber Arabischunterricht, damit die Kinder ihre Sprache behalten, wie er sagt. Für den Verfassungsschutz ist das ein "normaler" Vorgang. Auf die Frage, ob von dem Rendsburger Verein schon jetzt gezielt junge Menschen angesprochen werden, sagt Verfassungsschutzchef Joachim Albrecht: "Ja. Das ist immer Ziel von Salafisten, zu missionieren. Andere anzusprechen und möglichst natürlich auch junge Leute, die aktiv werden können."

"Das geht gar nicht. Solche verdeckten Kindergärten oder Jugendzentren müssen von unserem Staat beobachtet werden." FDP-Politiker Fritjof Wilken

Verein beunruhigt Rendsburger Politik-Urgestein

Der FDP-Politiker Fritjof Wilken ist selbst in Rendsburg aufgewachsen und mischt seit mehr als 40 Jahren in der Ratsversammlung mit. Rendsburg sei eine weltoffene Stadt, sagt er. Dass sich Menschen, die in einer neuen Umgebung fremd sind, zusammenschließen, sei eine völlig normale Angelegenheit, meint er mit Blick auf den Arabischen Kulturverein Rendsburg. Die Menschen sollten aber nach seiner Auffassung die Bemühungen verstärken, sich in unsere Gesellschaft zu integrieren und nicht eine Gesellschaft neben der Gesellschaft bilden. Dazu, dass der Verein künftig auch Islamunterricht für Kinder anbieten will, sagt Wilken: "Das geht gar nicht. Solche verdeckten Kindergärten oder Jugendzentren müssen von unserem Staat beobachtet werden."

Verein schenkt NDR Reportern bei Salafisten beliebtes Buch

Nach den Dreharbeiten in der Rendsburger Moschee bekommt das NDR Team vom Vereinsvorstand Nassar mehrere Bücher. "Ein Geschenk des Imams", sagt er. Die Reporter erkennen eines davon wieder: "Muslim und Christ im Dialog". Dieses unverkäufliche Buch bietet auch der Salafisten-Verein AL-Huda aus Kiel an. Dieser Verein wirbt zum Beispiel im Kieler Stadtteil Gaarden öffentlich mit Bücherständen für seine Ideologie. Der Verfassungsschutz schätzt "Muslim und Christ im Dialog" als Einführungsliteratur von Salafisten ein.

Buch kommt von Salafisten aus Pforzheim

Die Islamismusexpertin Claudia Dantschke hat weitere Informationen über das Buch. Sie sagt, es wird vom Verein "Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime" herausgeben. Dieser Verein sei der Trägerverein der salafistischen Moschee Al-Baraka in Pforzheim. Auf dem YouTube-Kanal des Vereins finden sich alte Videos des Salafisten Pierre Vogel, die ihn zusammen mit einem neun Jahre alten Mädchen zeigen. Die spätere Sympathisantin der Terrororganisation "Islamischer Staat" wird im Februar 2016 einem Bundespolizisten am Bahnhof in Hannover ein Küchenmesser in den Hals rammen. Der Beamte wurde durch den Angriff lebensgefährlich verletzt. Er überlebte die Messerattacke der damals 15-Jährigen.

Für Vereinsverbot noch zu wenig Informationen

Der Verfassungsschutz wird den Arabischen Kulturverein in Rendsburg weiter beobachten. Behörden-Chef Albrecht sagt, dass man noch nicht an dem Punkt eines Vereinsverbotes sei. Das kenne man bereits aus anderen Fällen, dass es eine gewisse Zeit brauche, bis es zu einem solchen Verbot komme. Der Verfassungsschutz stehe zwar im ständigen Austausch mit der zuständigen Abteilung. Für ein Verbot habe seine Behörde aber noch nicht genug Informationen gesammelt.

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NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 28.01.2021 | 17:00 Uhr

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