Ein Fahrradsymbol auf einem Radweg. © Colourbox

ADFC: Milliarden für Fahrradwege "Tropfen auf heißen Stein"

Stand: 27.04.2021 16:48 Uhr

Fast anderthalb Milliarden Euro will der Bund in den kommenden zwei Jahren für den Ausbau von Radwegen und die Fahrrad-Infrastruktur ausgeben. Auch Schleswig-Holstein soll profitieren.

Das hat Bundesverkehrsminister Scheuer am Dienstagauf dem nationalen Radverkehrskongress in Hamburg bekanntgegeben. Der Bund wünscht sich, dass so mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen. Jan Voß vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Landesverband Schleswig-Holstein zeigt sich zufrieden, sieht aber auch Schwierigkeiten bei dem Vorstoß. Welche, hat er im Interview mit NDR Schleswig-Holstein erklärt.

1,46 Milliarden Euro bis 2023 will Berlin in den Radverkehr investieren - reicht das denn, um noch mehr Schleswig-Holsteiner auf das Rad zu bringen?

Jan Voß, Geschäftsführer ADFC Schleswig-Holstein.  Foto: Gino Laib
Jan Voß ist Geschäftsführer des ADFC Schleswig-Holstein.

Jan Voß: Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein, weil jahrelang deutlich zu wenig in den Radverkehr investiert wurde. Jetzt ist es ein gutes Signal, aber wir würden uns wünschen, dass es eine längerfristige Planungsperspektive gäbe. Ende 2023 ist ja schon relativ nah, wenn das alles geplant und gebaut werden soll.

Hätten Sie den Hebel ganz woanders angesetzt?

Voß: Wir hätten uns eine längere Laufzeit für die Fördergelder gewünscht - und dann auch noch eine Erhöhung der Fördergelder über diese Laufzeit. Solche Maßnahmen dauern auch. Wir sehen als Zielmarke 2030. Eine Befürchtung ist, dass es dann keine Anschlussfinanzierung gibt und dass die Frist zu kurz ist. Das Geld muss erstmal formal beantragt werden, und um das zu tun, brauchen die Kommunen erstmal einen Plan, was denn da mit dem Geld gemacht werden soll. Und dafür fehlt es an Zeit und an vielen Orten auch an Personal, das die Planung übernimmt.

Ein Ziel des Plans ist, ländliche Regionen besser an die Städte durch Radschnellwege anzubinden. In welchen Regionen in Schleswig-Holstein könnte das besonders helfen?

Voß: Es ist ein wichtiger Baustein für die Verkehrswende in SH. Schwerpunktmäßig betrifft es erstmal die sogenannten Metropolregionen - also um Hamburg herum, wo es schon konkrete Pläne für Radschnellwege gibt, aber auch die größeren überregionalen Zentren Kiel, Lübeck, Neumünster. Aber auch Itzehoe und Husum haben das Potenzial, Pendler auf das Fahrrad zu locken.

Ein Radfahrer auf einem Fahrradstreifen © Colourbox Foto: Knud Nielsen
AUDIO: Jan Voss (ADFC): Jahrelang zu wenig in Radverkehr investiert (2 Min)

Pendler - das ist ein wichtiges Stichwort in Sachen Verkehrswende. Wie viel Potenzial sehen sie da in Schleswig-Holstein?

Voß: Ein sehr großes. Das Land hat ja unsere Forderungen und Ziele übernommen, den Radverkehrsanteil bis 2030 mehr als zu verdoppeln - auf etwa 30 Prozent. Derzeit sind wir bei etwa 13 Prozent. Und mit der Unterstützung, die die Bundesregierung jetzt in Aussicht gestellt hat, und die auch schon in der Radstrategie unterlegt ist, sehen wir uns da auf einem guten Weg.

Sind die Lastenfahrräder die Zukunft auf der letzten Meile in der Stadt - also Paketzusteller, Kuriere und ähnliches?

Voß: Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Baustein in der städtischen Mobilität, um weiter CO2 einzusparen - aber auch um die Parkproblematik in Quartieren in den Griff zu bekommen. Wenn in großen Transportern ausgeliefert wird, verschärft das die Parkproblematik noch.

Eine Momentaufnahme zum Schluss: Wo hakt es aus Ihrer Sicht besonders - und wo gibt es schon vorbildliche Situationen?

Voß: Die Landeshauptstadt, die vor einigen Jahren noch sehr schlecht dastand, hat sich - wie einige andere Kommunen auch - auf den Weg gemacht und ein Konzept entwickelt. Die können jetzt erste und auch gute Ergebnisse in der Infrastruktur darlegen. Das ist natürlich einerseits die Veloroute 10, andererseits ist das auch das konsequente Aufstellen von Fahrradbügeln, das Öffnen von Fahrradstraßen und das Bauen von Fahrradwegen - auch zu Lasten von Pkw-Stellplätzen und Spuren. Das konnte Kiel als Landeshauptstadt machen, weil die Ressourcen da waren. Wir fordern andere Kommunen jetzt auf, dafür das Geld in die Hand zu nehmen oder sich zusammenzuschließen und zusammenzuarbeiten. Das ist auch das Ziel der Bundesregierung: hier zusammenhängende Netze zu fördern. Da würden wir uns Pioniergeist wünschen, dass die Kommunen sagen: Wir gehen das jetzt an.

Der ADFC fordert, wie sie sagen, ja auch, dass Flächen der Autofahrer umgenutzt werden zu Gunsten der Radfahrer. Also müssen Autofahrer zurückstecken, damit es Fahrradfahrern besser geht?

Voß: Erstmal ja. Das müssen sie, weil jahrelang eine autogerechte Stadt geplant und umgesetzt wurde. Wenn wir die Verkehrswende umsetzen wollen, dann müssen sie mit begrenztem Platz arbeiten. Jahrelang mussten Fahrradfahrer und Fußgänger zurückstecken. Und entsprechend muss man jetzt schauen und sagen: Wir müssen den Platz neu verteilen, und das geht nur zu Lasten eines Verkehrsteilnehmers - und das muss dann das Auto sein.

Das Interview führte Christine Pilger.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 27.04.2021 | 17:00 Uhr

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