Ein Mann steht in einer Lagerhalle vor aufgetürmten Altbrot. © NDR Foto: Hewdig Ahrens

Vom Regal in den Trog: Der Herr der alten Brote

Stand: 26.06.2022 11:01 Uhr

Jährlich bleiben 700.000 Tonnen Backwaren in Deutschland übrig. 50.000 davon gelangen nach Sögel, wo Brot, Toast, Kekse getrocknet und verarbeitet werden. Sie landen dann im Trog von Tieren.

Aus Altbrot gewonnenes Futtermittel ist in einer Lagerhalle aufgetürmt. © NDR Foto: Hewdig Ahrens
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von Hedwig Ahrens

Die richtigen Maschinen dafür hat Hannes Wessels in seinem Trocknungswerk. Bundesweit gibt es davon fünf, zwei davon sind in Niedersachsen. "Das Altbrot-Geschäft ist quasi unser täglich Brot", sagt Wessels. Bei ihm in einer großen Halle häufen sich Pakete mit abgelaufenem Toastbrot, Waffeln, Brötchen und losen Broten zu gewaltigen Bergen aus Backwaren. Diese sogenannte Retourenware kommt vor allem von großen Bäckerbetrieben mit 30, 40 aber auch 800 Filialen, erklärt Geschäftsführer Wessels. In Backstuben und bei Industriebäckern würden bis zu 20 Prozent Backwarenreste anfallen.

Eigene Maschinen trennen Plastik und Klemmen vom Brot

Bevor aus ihnen bei Wessels ein hochwertiges Futtermittel wird, steht einige Arbeit an: Zunächst wird die alte Ware in der Halle abgekippt, dann kontrolliert, welches Material angekommen ist. Anschließend beginnt die Verarbeitung: Erst werden die Backwaren zerkleinert, dann gemahlen und im nächsten Schritt kommen sie in den Trockner. Weil die Retourware teils noch verpackt ist, müssen Plastiktüten und Schließklipps aussortiert werden. Dafür hat das Trocknungswerk eigene Maschinen konstruiert.

In der Halle duftet es nach Spekulatius

In großen Trommeln wird dem Altbrot dann die Feuchtigkeit entzogen. Die Anlage schafft zehn Tonnen in einer Stunde, sagt Wessels. Das gemahlene Trockenbrot landet anschließend in einer Lagerhalle, in der es dann auch schon mal nach Spekulatius riechen kann. "Hier in der ersten großen Box liegen jetzt rund 200 bis 250 Tonnen reine Kekse- und Waffelmehle. Und wir haben da hinten auch noch Schokomehl liegen." Am Ende landet das alles als Zusatz fürs Futtermittel im Schweinetrog oder in Geflügelschnäbeln. Das Emsland hat eine hohe Tierdichte. Auch deshalb sei es nachhaltig, in der Region Altbrot als Futtermittel weiter zu verarbeiten, erklärt Wessels. Für ihn sei das eine sinnvolle Verwertung. Es handele sich um ein hochwertiges Futtermittel, das aufgeschlossene Stärke und Zucker enthält. "Dort sind Komponenten enthalten, die wir sonst in irgendeiner Weise irgendwie zumischen müssen."

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Bäcker Anneken bringt Altbrot nach Sögel

Einer seiner Kunden ist Michael Anneken, Bäcker aus dem emsländischen Werpeloh. Mit seinem Brot beliefert er drei Filialen. Obwohl der 52-Jährige Erfahrungswerte aus drei Generationen in den Betrieb einbringt, bleiben in der Regel zehn Prozent der Backwaren in den Regalen liegen. "Das ist definitiv zu viel. Aber es hat ja gute Gründe: Der Verbraucher möchte am liebsten zu jeder Tageszeit sein Lieblingsbrot oder Lieblingsbrötchen kaufen", erklärt der Bäcker. "Und wenn wir die Backwaren immer weiter von der Menge herunterfahren, dann ist das nicht mehr gegeben." Also verarbeitet Anneken das übrig gebliebene Altbrot zu Paniermehl - oder bringt es eben zum Trocknungswerk ins benachbarte Sögel.

"Ein gesellschaftliches Problem"

Das Trocknungswerk von Wessels gehört vier regionalen Gesellschaftern. Die Raiffeisen Genossenschaft Ems-Vechte hält den größten Anteil - und ist auch Hauptabnehmer des Altbrotmehls. Dass so viel davon anfällt, sei ein gesellschaftliches Problem, meint auch Wessels. Aber es sei auch dem Markt geschuldet. Bäckereien im Kassenbereich von Supermärkten müssten bis in den Abend frische Backwaren vorrätig haben, sagt Wessels. "Da gibt es Vorgaben, dass die abends bis 19 Uhr noch 70 bis 80 Prozent ihrer Ladentheke gefüllt haben müssen. Und somit fällt da immer ein Prozentsatz an, der unvermeidlich ist."

Bäcker Anneken hat schon von Kollegen gehört, deren Auslagen am Abend fotografiert worden sind - zur Kontrolle. "In der Bevölkerung muss ein Umdenken stattfinden. Denn heutzutage kann niemand mehr um 17 Uhr nachmittags darauf bestehen, sein Lieblingsbrot oder Lieblingsbrötchen zu bekommen. Deshalb gäbe es auch weniger Überproduktion."

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