Passanten beobachten das Anlegen des Feuerschiffs "Amrumbank/Deutsche Bucht" an seinem Liegeplatz. © picture alliance/dpa/Lennart Stock Foto: Lennart Stock

Norddeutsche Traditionsschiffe wegen Corona in Not

Stand: 19.02.2021 06:36 Uhr

Die Corona-Krise bringt auch die rund 160 norddeutschen Traditionsschiffe in Schieflage. Es konnten keine Besucher-Fahrten stattfinden, außerdem müssen zusätzliche Kosten gestemmt werden.

von Katharina Seiler

Fast alle Veranstaltungen sind ausgefallen. So zum Beispiel der Hamburger Hafengeburtstag, die Hanse Sail in Rostock und die Kieler Woche. Für Carsten Deinert, Kapitän der "Fortuna", bedeutete das vergangene Corona-Jahr: Von 18 gebuchten Fahrten konnte gerade mal eine stattfinden. Ohne Spenden, so Deinert, würde das Schiff heute nicht mehr existieren. Die "Fortuna" ist ein Zwei-Master, der dem Hamburger Verein Mignon gehört und vom schleswig-holsteinischen Kappeln aus Fahrten für behinderte Kinder und Jugendliche in der Ostsee anbietet. Aber: Klassenfahrten, Jugendfreizeiten - alles sei im vergangenen Jahr weggebrochen, sagt Kapitän und Projektleiter Deinert. Nur dank der Einnahmen aus einem Spendenaufruf konnte die "Fortuna" in einer preiswerten polnischen Werft in den vergangenen Monaten repariert werden und kann vielleicht im Mai in eine neue Saison starten.

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Anerkennung als Traditionsschiff ist existentiell

Schwierig ist die Situation auch für den Verein, der den Segelschoner "Vorpommern" betreibt, der im Museumshafen von Greifswald liegt. Weil die "Vorpommern" erst seit dem vergangenen Juli Fahrten machen konnte und dann auch noch mit geringerer Besucherzahl, fehlen die Einnahmen, sagt Lothar Knöpke, der Kapitän des Schiffes. Die seien aber nötig, um den Erhalt des Schiffes zu finanzieren. Bis jetzt sei man über die Runden gekommen, weil man die Rücklagen aufgebraucht habe und Spenden geholfen hätten. Und wo es möglich sei, führten Ehrenamtliche die nötigen Arbeiten auf dem Schiff aus. Ein Problem seien aber die aufwendigen und teuren Umbauarbeiten, die jetzt anstünden, damit die "Vorpommern" die neuen, seit 2018 geltenden Sicherheitsvorschriften für Traditionsschiffe erfüllen kann. Zum Beispiel müsse jetzt für mehr als 10.000 Euro ein Kollisionsschutz eingebaut werden. Würde der nicht eingebaut, bekäme die "Vorpommern" nicht das Sicherheitszeugnis und verlöre als Folge ihre Anerkennung als Traditionsschiff. Dann könnte sie keine Besucher mehr mitnehmen, und das wäre das Ende.

Umbauarbeiten in einer sechsstelliger Höhe

Die Sicherheitsvorschriften sind auch für den Verein des Museums-Feuerschiffs "Amrumbank" ein Problem, sagt der Vereinsvorsitzende Heinz-Günther Buß aus Emden. Da kämen zusätzliche Kosten für Umbauarbeiten in einer sechsstelligen Höhe auf den Verein zu. Und das bei null Einnahmen. Die Corona-Pandemie erwischte das Emder Museums-Feuerschiff mitten in den Sanierungsarbeiten. Diese Arbeiten verlängerten sich dann wegen der Corona-Auflagen von sechs auf zwölf Monate. Und teurer sei es dadurch auch geworden, sagt Buß. Die Rücklagen des Vereins seien mittlerweile komplett aufgebraucht. Und das gehe auch den anderen Feuerschiffen so, sagt Buß. Er ist auch der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der fahrenden Feuerschiffe an der norddeutschen Küste.

Bundesverkehrsministerium will Aufschub prüfen

Fehlende Einnahmen durch Besucherfahrten, ausgefallene Hafenfeste und Paraden in Hamburg, Kiel oder Rostock - das sei für alle der rund 160 Traditionsschiffe an der norddeutschen Küste ein großes Problem, bestätigt Nikolas Kern vom Dachverband der deutschen Traditionsschiffe in Hamburg. Sie müssen jetzt nämlich nicht nur mit fehlenden Einnahmen klarkommen, sondern gleichzeitig mit zusätzlichen Kosten. Bis 2023 müssen die Schiffe die neuen Sicherheitsvorschriften erfüllen. Kern hofft, dass das Bundesverkehrsministerium die Frist zum Umbau und einer möglichen Förderung wegen der Corona-Krise um ein Jahr verlängert. Das Bundesverkehrsministerium wolle das prüfen, so ein Sprecher auf Anfrage des NDR.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 19.02.2021 | 06:00 Uhr

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