Stand: 31.01.2019 19:30 Uhr

Högel-Prozess: Aussagen sorgen für Erstaunen

von Oliver Gressieker
Extrem gegensätzliche Zeugenaussagen sorgten am elften Verhandlungstag des Högel-Prozesses für Verwunderung.

Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann hat in seinem Berufsleben am Oldenburger Landgericht schon eine Menge erlebt. Dennoch sind auch ihm am elften Verhandlungstag im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel Verwunderung und Fassungslosigkeit deutlich anzumerken. Grund dafür sind die zum Teil völlig gegensätzlichen Aussagen von zwei früheren Kolleginnen Högels am Klinikum Delmenhorst. Während Bührmann eine Zeugin mit den Worten "Vielen Dank. Sie sind eine ganz tolle Krankenschwester" lobt, reagiert er später bei einer mittlerweile pensionierten Mitarbeiterin fast schon ungehalten. "Sie mauern in einer Weise, die uns klar macht, dass Sie mehr wissen", sagt er und weist ausdrücklich auf die möglichen Konsequenzen hin.

Krankenschwester schöpft früh Verdacht

Dass die Verhandlung zunächst eine Abwechslung zur kollektiven Ahnungslosigkeit vieler bislang vernommener Zeugen ist, liegt vor allem an einer Mitarbeiterin aus Delmenhorst. Die 53-jährige Krankenschwester macht einen nervösen Eindruck, doch ihr ist deutlich anzumerken, dass sie bestmöglich zur Aufklärung beitragen will. In ihrer Aussage erhebt sie schwere Vorwürfe gegen ehemalige Vorgesetzte. Besonders frappierend sind ihre Schilderungen von einem Fall aus dem Frühjahr 2003, als Högel erst wenige Monate an der Klinik war. Damals habe sie gesehen, wie der Krankenpfleger einem ihrer Patienten etwas gespritzt habe. Auf ihre Frage "Was machst Du denn da?" habe Högel geantwortet, dass sie unsauber gearbeitet und er deshalb den Zugang freigespült habe. "Danach hat er mich aus dem Zimmer gelockt, weil er unbedingt eine mit mir rauchen wollte", so die Zeugin. Wenig später sei Alarm ausgelöst worden und der Patient im Alter von Anfang 50 verstorben.

Schwere Vorwürfe gegen Stationsleitung

Ähnlich schockierend ist das, was die Krankenschwester ihren Angaben zufolge erlebt, als sie den Stationsleiter über den Vorfall informiert. "Stell dich nicht so an. Menschen werden nun mal älter und sterben", habe der Vorgesetzte zu ihr gesagt, berichtet die Frau mit stockender Stimme. "Wenn du das nicht kannst, musst du aufhören, hier zu arbeiten." Dieser Moment sei einfach nur furchtbar gewesen, betont sie. Auch bei einer befreundeten Kollegin, der sie ihr Herz ausschütten wollte, sei sie auf Unverständnis gestoßen. "Sie hat gesagt, dass ich nichts in der Hand habe und deshalb lieber aufpassen soll, weil ich sonst Rufmord begehen würde", so die Krankenschwester. "Ab da hatte ich Angst und habe den Mund gehalten."

Zeugin bestätigt Misstrauen gegen Högel

Die 53-Jährige bestätigt, dass seit diesem Zeitpunkt auf der Station ein gewisses Misstrauen gegenüber Högel geherrscht habe. Gleich mehrfach hätten Kollegen gesagt: "Pass bitte auf meine Patienten auf, wenn der Dienst hat." Außerdem habe die Schichtleiterin sie rund sechs Wochen nach dem Vorfall mit der Spritze ausdrücklich darum gebeten, ein Auge auf Högel zu haben. Einmal habe diese Kollegin Högel sogar die Hände auseinandergedrückt, um zu schauen, ob er irgendetwas versteckt hat. Insgesamt sei aber wenig über mögliche Verdachtsmomente gesprochen worden, da die Mitarbeiter kein Team, sondern Einzelkämpfer gewesen seien. Högel konnte vermutlich auch deshalb noch zwei Jahre lang weitermorden, ehe er schließlich im Juni 2005 überführt wurde.

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Maulkorb durch Vorgesetzte

An einem offenen Umgang mit dem Fall schienen die Verantwortlichen auch nach dem Auffliegen von Högel nicht interessiert zu sein. "Die Stationsleitung wollte nicht, dass wir darüber reden und etwas nach draußen sickert, um dem Ruf des Hauses nicht zu schaden", sagt die Zeugin. Laut ihrer Aussage wurde im Zuge der polizeilichen Ermittlungen zudem Druck auf Mitarbeiter ausgeübt. Sie habe eigentlich freiwillig aussagen wollen, berichtet die Krankenschwester. Doch dann habe der Stationsleiter zu ihr gesagt, dass eine Kollegin bei der Polizei "rumgeflennt und Scheiße erzählt" habe. Daraufhin habe sie sich lieber zurückgehalten.

Lob für mutige Aussage

Die klaren Worte kommen bei der Kammer und den Anwälten der Nebenkläger sehr gut an. "Ihre Aussage hebt sich wohltuend davon ab, was wir in diesem Saal schon gehört haben", sagt ein Verteidiger. Und auch der Vorsitzende Richter Bührmann spricht gleich mehrfach aufmunternde Worte: "Sie helfen uns und machen das sehr mutig und tapfer."

Richter bezweifelt Glaubwürdigkeit

Komplett anders verläuft im Anschluss die Vernehmung einer weiteren ehemaligen Krankenschwester der Delmenhorster Intensivstation. Mit verschränkten Armen sitzt die 67-Jährige im Zeugenstand und demonstriert auch körperlich ihren Unwillen, sich zu erinnern. Gab es Gerede oder Misstrauen gegenüber Högel? Haben Sie Verdachtsmomente mitbekommen? Wie haben Sie die Festnahme des Kollegen wahrgenommen? Egal wie die Frage auch lautet, fast immer kommt die gleiche Antwort: "Ich kann mich nicht erinnern, ich habe ja nur im Nachtdienst gearbeitet." Ein empörtes Raunen geht durch den Saal und auch Bührmann fällt es schwer, die Fassung zu bewahren. "Ich sehe eine abwehrende Haltung und kann Ihre Antworten so nicht glauben", sagt er. "Ihr Aussageverhalten ist fatal, gibt uns aber Erkenntnisse, die vielleicht auch wichtig sind."

Zitternde Zeugin entgeht Vereidigung

Noch absurder wird es, als Bührmann ankündigt, die Zeugin aufgrund ihrer zweifelhaften Glaubwürdigkeit zu vereidigen. Die 67-Jährige bricht daraufhin in Tränen aus und sagt, dass sie das nicht wollen würde. Der Richter macht ihr deutlich, dass sie die Vereidigung nicht verweigern könne. Angesichts der drohenden Konsequenzen ringt sich die Rentnerin zitternd doch noch zu einer Erklärung durch. "Ich habe die Befürchtung, dass ich mich selber reinreite und mir das zur Last gelegt wird", sagt sie. "Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was nicht. Ich fühle mich der Sache nicht gewachsen." Bührmann zeigt sich angesichts des drohenden Zusammenbruchs überraschend gnädig. "Ich sehe, dass Sie am Rande dessen sind, was Sie körperlich und gesundheitlich ertragen können", sagt er. "Weil ich ihre Notlage erkenne, verzichte auf die Vereidigung."

Die Verhandlung wird am 21. Februar mit der Befragung von weiteren Mitarbeitern der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst fortgesetzt. Schon jetzt ist klar, dass der Prozess länger dauern wird als ursprünglich geplant, denn das Gericht hat zusätzliche Termine bis Ende Juni angesetzt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Oldenburg | 31.01.2019 | 17:00 Uhr

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