Stand: 10.08.2019 19:30 Uhr

Black Beauty: Die schöne Seite des M'era Luna

von Tino Nowitzki

Dicke Plateauschuhe, bunte Dreadlocks, zu Horrormasken verfremdete Gesichter: Was wäre das M'era Luna ohne sein ganz spezielles Publikum samt den ausgefallenen Kostümen? Doch am Ende kämpfen die Besucher hier mit den gleichen Herausforderungen wie auch auf anderen Musikfestivals. Gar nicht so einfach also, die einzigartigen Looks hinzubekommen - so zwischen Schlafsack und den Vorratskisten Katerbier. In diesem Jahr bieten die Macher des M'era Luna deshalb eine spezielle Styling-Area an: mit Schminkspiegeln und eigenem Friseursalon - Black Beauty.

Eine Frau blickt in einen Spiegel. © NDR Foto: Benjamin Bassig Eine Frau blickt geschminkt in einen Spiegel. © NDR Foto: Benjamin Bassig

Aus Frau wird Gothic-Engel

Wie festgeklebt sitzt Mia vor dem Spiegel mit seinen tennisballgroßen Glühlampen. Die Augen mit den schwarzen Kontaktlinsen starr auf ihre Stirnpartie fixiert. Den Schminkpinsel bewegt sie mit chirurgischer Präzision. Behutsam tupft sie sich einen schwarzen Schleier quer über die Augen. Aus dem freundlichen Gesicht einer jungen Frau wird ein dunkler Gothic-Engel. "Im Zelt würde ich das nie so gut hinbekommen", sagt die 30-Jährige aus Herne in Nordrhein-Westfalen. Die M'era Luna-Schminkzone? Kommt genau richtig, findet sie.

Hinein in die Fantasiewelt

Abschrecken will sie mit ihrem Outfit keinesfalls - was auf einem Festival wie dem M'era Luna ohnehin nicht so einfach ist. Gothic - das bedeutet für Mia auch eher, eine ruhige Art zu haben. Geerdet zu sein, vielleicht auch ein bisschen der Rückzug in die eigene Fantasiewelt. Eben eine Seite ausleben, die die angehende Erziehungswissenschaftlerin im Alltag nicht immer zeigen kann.

Eine Mann blickt in einen Spiegel. © NDR Foto: Tino Nowitzki Ein Mann blickt geschminkt in einen Spiegel. © NDR Foto: Tino Nowitzki

Mozart: Hört Jazz, ist Hexenmeister

Damit ist Mia nicht allein: Überall um sie herum zeichnen sich Menschen Muster in ihre Gesichter oder kleben sich metallene Dornen auf die Haut. Die Luft riecht nach Haarspray und Patschuli. Dabei sind es längst nicht nur Frauen, die sich hier das Puder in die Poren klopfen. Mozart (Name nicht geändert) aus Duisburg ist zum ersten Mal auf dem M'era Luna. Die Musik? Die findet er gar nicht so spannend. Mozart hört privat lieber Jazz. Die Menschen und ihre Outfits - die reizen den 24-Jährigen allerdings umso mehr. Dabei ist sein eigenes auffällig genug.

Böse, aber trotzdem in Ordnung

Auf Events, wie dem M'era Luna, verwandelt sich Mozart am liebsten in den "Hexxer". "Mit zwei X", wie er betont. Eine Kunstfigur, die sich der Computerspiel-Entwickler vor Jahren einmal ausgedacht hat. Klar, der Name klingt schon ein bisschen bedrohlich - das gibt auch Mozart zu: "Der Hexxer redet nicht viel, ist dunkel und guckt dazu immer auch ein bisschen böse", sagt er. Oder er hat die schwarz bemalten Augenlider gleich ganz geschlossen. Das wirke noch mystischer. Am Ende sei sein Zaubermeister mit dem feuerroten Haar aber trotzdem ziemlich in Ordnung, ist sich Mozart sicher: "Genau, wie ich selbst."

"Die ganz krassen Sachen machen die Leute selbst"

Wer beim Thema Schminken noch Anfänger ist - der kann sich gleich im Zelt nebenan ein paar Tipps von echten Make-Up-Profis holen. Allerdings gibt es hier nur das Basis-Programm: Smokey Eyes, ein bisschen Rouge oder wahlweise der beliebte fahlbleiche Teint. "Die ganz krassen Sachen, die machen die Leute hier schon selbst", sagt Make-Up-Artist Diana Merk. Trotzdem kommt das Angebot gut an: Die Workshops sind hier auf dem Festival regelmäßig in Minutenschnelle ausgebucht.

Termin beim Travestie-Experten

Gehörig ins Schwitzen geraten auch die Profis im M'era Luna Friseursalon: Pausenlos zischen hier Scheren durch die Luft und fliegen Locken umher. Zum Reden hat das Stylisten-Team um Tobias Held kaum Zeit. Zu begehrt sind die flinken Finger des Mannes, der seit 15 Jahren vor allem Travestie-Künstler und andere Individualisten mit exotisch-originellen Frisuren ausstattet. Und auch auf dem M'era Luna fallen die Kreationen wild aus: Bunte Locken oder abgedrehte Geflechte, die auf den ersten Blick eher an moderne Kunst als an Haare erinnern.

Nein, normal war das M'era Luna noch nie. Es ist und bleibt ein Festival des Grotesken und Schönen. Dank des Styling-Areals nun vielleicht noch ein bisschen mehr.

Weitere Informationen

M'era Luna Festival 2020: Infos, Bands und Videos

Alles zum M'era Luna Festival in Hildesheim. Das Treffen der Schwarzen Szene steigt wieder am 8. und 9. August 2020 in Hildesheim. Das Line-Up ist komplett. mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 10.08.2019 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen

04:34
Hallo Niedersachsen
02:22
Hallo Niedersachsen
04:00
Hallo Niedersachsen