Stand: 28.09.2020 15:05 Uhr

Gorleben wird kein Endlager: Salzstock ungeeignet

Ein  Stop-Schild steht am Tor der Einfahrt zum ehemaligen Erkundungsberg Gorleben. © dpa Bildfunk Foto: Philipp Schulze
Der Salzstock Gorleben kommt nicht als Standort für ein Atommüll-Endlager infrage.

Gorleben ist raus - amtlich bestätigt, schwarz auf weiß. Der Salzstock im Wendland wird kein Standort für ein deutsches Endlager für hochradioaktiven Atommüll. Das hat die Bundesgesellschaft für Endlagerung am Montag bekannt gegeben. In dem auf der Internetseite veröffentlichten Zwischenbericht heißt es, dass die Anlage unter anderem wegen ihrer Instabilität nicht geeignet sei. "Der Salzstock Gorleben wird daher nicht bei den weiteren Arbeiten der BGE zu den Vorschlägen über die Standortregionen betrachtet." Dies bedeutet auch, dass die aktuell dort zwischengelagerten 113 Behälter mit hochradioaktivem Abfall irgendwann wieder aus Gorleben abtransportiert werden müssen.

VIDEO: Gorleben wird kein Atommüll-Endlager (5 Min)

Salzstock wird nicht ausreichend vor Wasser abgeschirmt

Der Bund hatte mit Unterstützung der Länder eine völlig neue Suche mit einer "weißen Landkarte" eingeleitet. Kein Gebiet sollte laut Standortauswahlgesetz aus dem Jahr 2017 von vornherein ausgeschlossen werden. Auch der Salzstock Gorleben nicht. Dass dieser in dem Bericht nicht als Teilgebiet eingeordnet wurde, liegt daran, dass er in den vergangenen Jahrzehnten bereits umfassend untersucht wurde. Er erfüllt demnach zwar die Mindestanforderungen an ein Endlager, fällt aber bei den sogenannten Abwägungskriterien durch - unter anderem gibt es kein ausreichend starkes unterirdisches Deckgebirge, das den Salzstock dauerhaft von Wasserzuflüssen abschirmt. Als geeignet listet der Bericht 57 Gebiete auf, die ganz oder teilweise über Niedersachsen verteilt liegen. Bundesweit sind es insgesamt 90 Flächen, die die BGE in einer Karte dargestellt hat.

BGE distanziert sich vom Verfahren der 70er-Jahre

"Wir werden keinen Vergleich zu vergangenen Auswahlverfahren anstellen, weil das Ziel dieses Verfahren ein anderes ist", betonte BGE-Geschäftsführungsmitglied Steffen Kanitz am Montag in Berlin. "Das Ziel, das wir heute haben, ist, den bestmöglichen Standort zu finden." Auch Umweltminister Olaf Lies (SPD) betonte: "Die Entscheidung für Gorleben in den Siebzigern war eine politische. Das bestätigt sich jetzt noch mal nachdrücklich." Im aktuellen Verfahren spreche dagegen die fachlich-wissenschaftliche Faktenlage eine eindeutige Sprache. "Gorleben ist ein Symbol gewesen für eine Atompolitik, die letzten Endes existenzielle Entscheidungen im Hinterzimmer auskungelt", sagte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) am Mittag in Hannover.

Aktivisten feiern Widerstand gegen Standort

Für viele Menschen im Wendland bedeutet die aktuelle Entscheidung gegen den Salzstock nun wohl das Ende eines jahrzehntelangen Kampfes gegen den Atommüll in ihrer Region. "Das ist gar nicht zu fassen für uns, dass diese Entscheidung jetzt gefällt worden ist", sagte Fritz von Blottnitz von der Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg. "Wir fühlen uns hochbeglückt, dass unser Widerstand einen solchen Erfolg gehabt hat", sagte der 80-Jährige NDR 1 Niedersachsen. Diese Entwicklung wäre ohne den "unermüdlichen Widerstand" von Bürgen und Aktivisten nicht möglich gewesen, sagte Jochen Stay, Sprecher der Organisation ".ausgestrahlt". "Gorleben ist der Beleg dafür, dass Fehlentwicklungen selbst gegen mächtige Interessen in Wirtschaft und Politik korrigiert werden können, wenn Bürgerinnen und Bürger mutig Verantwortung übernehmen", so Stay.

Bürgerinitiative und Harms sehen Chance auf fairen Prozess

Der Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg Wolfgang Ehmke,  telefoniert neben einem Foto vom ehemaligen niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht. © dpa Bildfunk Foto: Philipp Schulze
Wolfgang Ehmke von der BI Umweltschutz Lüchow-Dannenberg hofft, dass das Kapitel Gorleben nun abgeschlossen ist.

Wenn nach mehr als 40 Jahren ein Schlussstrich unter das Gorleben-Kapitel gezogen werde, sei das eine Chance, das Suchverfahren "wirklich unbelastet von den alten Querelen wissenschaftsbasiert und fair zu gestalten", resümierte Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg am Montag. Man habe Zweifel am Verfahren gehabt, aber am Ende hätten sich gute Argumente durchgesetzt. Auch für die frühere Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms ist das Ausscheiden von Gorleben entscheidend für die Glaubwürdigkeit des Verfahrens. "Ich bin total froh, dass diese Entscheidung getroffen worden ist." Als Gründungsmitglied der BI müsse sie die Nachricht nach Jahrzehnten der Auseinandersetzung "erst mal sacken lassen".

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 28.09.2020 | 19:30 Uhr

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