Wie gehen wir mit alten Industriebauten um?

Stand: 04.06.2018 11:05 Uhr

An Orten, an denen früher "das moderne Deutschland" entstand, droht der Verfall. Wie gehen wir mit diesen Industrie-Relikten um? Wie erhalten und nutzen wir sie?

von Thorsten Mack

Was aussieht wie ein Herrenhaus, war mal eine Generatorenhalle für ein Kohlebergwerk. Bis 1960 war die Anlage Georgschacht bei Stadthagen in Betrieb - die fast 60 Jahre Verfall sind deutlich zu sehen. Industrierelikte sind Zeugen der Vergangenheit - der Industrie 1.0. Im nahen Hannover-Linden entstand einst das moderne Deutschland. In der Region wurde Stahl für die motorisierte Zukunft hergestellt und verarbeitet. Hannover-Linden war voll mit Fabriken, mit Riesen der Industrie-Urzeit. Ein kulturelles Erbe, imposant - voller Reiz. 

Im Zentrum stand einst die Hanomag, die Hannoversche Maschinenbau AG, berühmt für ihre Nutzfahrzeuge, mit gigantischen Produktionshallen. Olaf Grohmann vom Verein Netzwerk Industriekultur im mittleren Niedersachsen möchte das Wissen um die Industrie-Relikte bewahren. Man könne nicht alles erhalten, sagt er, da richte sich der neidische Blick nach Nordrhein-Westfalen, wo man es schaffe, sehr viele solcher ehemaligen Anlagen zu erhalten und einer neuen, zum Teil kulturellen Nutzung zuzuführen. "Ich finde, da könnte in Niedersachsen ein bisschen mehr getan werden, als es im Moment der Fall ist Insofern ist das auch unser Anliegen im Netzwerk Industriekultur, hierfür ein bisschen Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben", so Grohmann.

Fast alle Bauten verfallen

Ein Industrierelikt in Hannover Linden. © Netzwerk Industriekultur im mittleren Niedersachsen
Zeuge der Industrie 1.0 - die Verladeanlage der HeidelbergCement AG in Hannover-Misburg.

Grohmann und seine Vereinskollegen erforschen und dokumentieren diese Stein- und Stahlfossilien im südlichen Raum um Hannover herum. Viele sind mit ihrer Geschichte bereits vergessen. Einige stehen unter Denkmalschutz, andere nicht - fast alle verfallen sie. Der Verein macht Ausstellungen und Publikationen über diese Ur-Fabriken. Für die Historiker und Architekten ist es Hobby und Berufung zugleich, etwa den Georgschacht bei Stadthagen zu erkunden. Alles nur für Nerds und Nostalgiker oder wozu das Ganze? Olaf Grohmann sagt, man könnte zum Beispiel schauen, wie es sich weiterentwickelt hat in den Anfängen: "Welche Probleme gab es in dieser Zeit, und welche Lehren können wir daraus ziehen - für die Zukunft?"

Georgschacht in Stadthagen: Heute ist die Anlage tot

Der Georgschacht bei Stadthagen war die größte Kohleabbau-Anlage der Region - und belieferte vor allem Fabriken in Hannover-Linden mit fossiler Energie. Diese damalige Schwerindustrie bedeutete Schwerstarbeit. Die Anlage ist heute tot. Die Musik spielt inzwischen woanders - wenn auch nicht unbedingt schöner. Olaf Grohmann sagt, heute würde man nur noch nüchterne Zweckbauten bauen. "Damals hat man das Ganze noch mit viel Ornamentik ausgeschmückt, um natürlich auch die Bedeutung des eigenen Unternehmens hervorzuheben." Man müsste versuchen, Schlagworte wie "Industrie 4.0" oder die Entwicklung der Roboter in Beziehung mit dieser wirklich arbeitsreichen Industrialisierung zu setzen, um sich zu fragen: "Wovon soll der Mensch denn eigentlich leben und konsumieren, wenn alles nur noch von Maschinen erledigt wird?"

Hannover-Linden: Beliebtes Wohnviertel mit alter Substanz

Hannover-Linden ist heute ein beliebtes Wohnviertel - auch dank der alten Substanz. Das Kraftzentrum der Industrialisierung hat sich gewandelt, der Neuzeit angepasst und überlebt. Die Zeugen der Vergangenheit sind Stätten der Gegenwart. Anlagen voller Flair und Inspiration - eben weil sie mehr als pure Zweckbauten waren. Und das ist es, was sie heute noch so wertvoll macht. "Wir haben auf dem ehemaligen Hanomag-Gelände viele unterschiedliche Nachnutzungen für den Einzelhandel, zum Teil aber auch fürs Wohnen", sagt Grohmann. In einer ehemaligen Wurstfabrik im Ahrbergviertel seien Wohnungen entstanden, aber auch Funktionsräume für soziale und kulturelle Zwecke - denn mit den Überbleibseln der alten Industrie würde auch ein Teil unserer Geschichte verschwinden.

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