Stand: 06.01.2018 18:45 Uhr

Weil: Reformation ist guter Anlass für Feiertag

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Ministerpräsident Weil (SPD, li.) und Landesbischof Meister haben sich erneut für den Reformationstag als zusätzlichen Feiertag ausgesprochen.

Trotz Kritik unter anderem aus den Jüdischen Gemeinden spricht sich Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) weiterhin dafür aus, den Reformationstag zum zusätzlichen Feiertag zu machen. Beim Epiphanias-Empfang der evangelischen Landeskirche im Kloster Loccum betonte Weil am Sonnabend die verbindende Kraft der Reformation: Im Jubiläumsjahr 2017, mit dem 500 Jahre Reformation gefeiert wurden, habe die evangelische Kirche bewusst immer wieder Angebote zur interreligiösen Diskussion gemacht und Gemeinsamkeiten hervorgehoben. In einem so verstandenen Sinne sei der Reformationstag ein gut vorstellbarer Anlass für einen gesetzlichen Feiertag. Selten zuvor habe ein evangelischer Festtag religionsübergreifend, ökumenisch und weltoffen so viele Menschen national und international mit in das Nachdenken über Herkunft und Zukunft der Gesellschaft gezogen wie am 31. Oktober 2017, ergänzte der hannoversche Landesbischof Ralf Meister.

Jüdische Gemeinden: Entscheidung wäre "untragbar"

Der Präsident der Jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, Michael Fürst, hatte in einem Brief an die Abgeordneten des Landtags geschrieben, dass er eine Entscheidung für den Reformationstag "nicht nur für fehlerhaft, sondern für untragbar" halte. Über den Streit hatte zunächst die Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ) berichtet. Fürst verweist in seinem Schreiben auf die antisemitischen Ausfälle Martin Luthers. Der Reformator hatte in seinen Schriften die Vertreibung von Juden gefordert und sogar das Niederbrennen von Synagogen propagiert.

Reformationstag eine "Zumutung"

Ministerpräsident Weil hatte bereits im Dezember gesagt, dass er sich den Reformationstag für den bereits beschlossenen zusätzlichen Feiertag vorstellen könne, und zwar unter der Überschrift "Zusammenarbeit der Religionen". Eine solche "Vorfestlegung" bezeichnet Fürst in seinem Brief allerdings als Schmach, als eine "nicht hinnehmbare Desavouierung der jüdischen Glaubensgemeinschaft." Vor einer Einführung eines Feiertages für die Zusammenarbeit der Religionen solle ferner auch mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften geredet und deren nachvollziehbare Bedenken ernst genommen werden, so Fürst. Klar sei jedoch: Der Reformationstag sei mit dem "Juden-Hasser" Luther verbunden und daher "eine Zumutung" für die jüdische Gemeinschaft.

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Brief der jüdischen Gemeinden an den Landtag

In einem Brief an den Landtag kritisiert der Präsident der Jüdischen Gemeinden, Michael Fürst, den Reformationstag als möglichen gesetzlichen Feiertag. Download (79 KB)

"Wir haben nein gesagt"

Der zweite große jüdische Landesverband in Niedersachsen - der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden - teilt Fürsts Kritik. Als "definitiv nicht die richtige Wahl" für einen zusätzlichen Feiertag bezeichnet die Vorsitzende, Katarina Seidler, gegenüber NDR.de den Reformationstag. Auch sie ärgert vor allem das Vorgehen in der Sache. So habe es Gespräche zwischen den zwei jüdischen Landesverbänden und der evangelischen Kirche mit Landesbischof Meister geben. Dabei seien die jüdischen Vertreter gefragt worden, ob sie dem Reformationstag als zusätzlichem Feiertag zustimmen würden. "Wir haben klar nein gesagt", so Seidler. Kurz danach haben Weil und Landesbischof Meister den Tag trotzdem vorgeschlagen. "Wir fühlen uns übergangen und instrumentalisiert," so die Vorsitzende. Denn der Ministerpräsident verkaufe die Idee nun so, als sei alles in Ordnung. Seidler: "Das ist es nicht!"

Buß- und Bettag als Alternative?

Auch die katholische Kirche sieht Weils Initiative kritisch. Wenn man einen religiösen Gedenktag als staatlichen Feiertag einführen möchte, dann sollte man einen Tag wählen, der von den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften mit Inhalt und Leben gefüllt werden kann, sagt der Prälat des katholischen Büros, Felix Bernard. Der Reformationstag stehe stattdessen trotz Ökumene für eine Trennungsgeschichte und für die Verschiedenheit der Konfessionen. Eine bessere Wahl sei etwa das Fest Heilige Drei Könige oder auch der Buß- und Bettag. Mit ihm könnten alle Religionen etwas anfangen, so Bernard, denn Beten und Buße als Neuorientierung des Menschen gebe es in allen Religionen. Auch Michael Fürst schlägt in seinem Brief an den Landtag den Buß- und Bettag als Alternative vor.

Grüne und FDP kritisieren Weil-Vorstoß

Ebenso für den Reformationstag ausgesprochen hatte sich der CDU-Landesvorsitzende Bernd Althusmann. Die Grünen im Niedersächsischen Landtag bevorzugen derweil einen säkularen Tag: "Wir sind für einen Feiertag für alle Menschen in Niedersachsen", sagte die Fraktionsvorsitzende Anja Piel. Denkbar wäre demnach der Europatag am 9. Mai. An einer ehrlichen Debatte hätten SPD und CDU allerdings scheinbar kein Interesse, so Piel. Ähnlich sieht das der FDP-Fraktionsvorsitzende Stefan Birkner: Der Ministerpräsident schade durch die Art und Weise, wie er die Feiertagsdebatte betreibt, dem Verhältnis des Staates zu den Religionsgemeinschaften und deren Verhältnis untereinander.

SPD: Es wird Gespräche geben

Staatskanzlei und SPD-Fraktion bekräftigen indessen, dass es noch Gespräche mit allen Beteiligten geben soll, bei denen auch die Kritik der jüdischen Gemeinden berücksichtigt werde. "Und es gibt in dieser Hinsicht keine Vorfestlegungen", so die SPD- Fraktionsvorsitzende Johanne Modder, zumal der Reformationstag-Vorschlag auch innerhalb der Fraktion diskutiert werde. Laut Modder ist aber auch klar, dass die Initiative nicht gegen einzelne Religionsgemeinschaften gerichtet sei, sondern auf die guten Erfahrungen mit dem Reformationsjubiläum im letzten Jahr zurückgehe.

Entscheidung noch im ersten Halbjahr

Ministerpräsident Weil hatte angekündigt, die Entscheidung über einen zusätzlichen Feiertag noch im ersten Halbjahr 2018 treffen zu wollen. Die norddeutschen Bundesländer haben im Vergleich zu den süddeutschen teils deutlich weniger gesetzliche Feiertage. So sind es in Niedersachsen derzeit neun, in Bayern beispielsweise 13. Der Reformationstag ist in den östlichen Bundesländern, nicht aber in Berlin und im alten Bundesgebiet, gesetzlicher Feiertag. Zum 500. Jahrestag der Thesenveröffentlichung 2017 war der 31. Oktober einmalig bundesweit arbeitsfrei.

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Dieses Thema im Programm:

Niedersachsen 18.00 | 05.01.2018 | 18:00 Uhr

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