Stand: 09.01.2020 16:41 Uhr

Schlüsseldienst-Wucher? Angeklagter streitet ab

Ein Schlosser baut ein neues Schloss an einer Wohnungstür ein. © Imago Foto: Götz Schleser
Ein Schlüsseldienst-Monteur muss sich wegen des Vorwurfs von Wucher vor dem Landgericht Hannover verantworten. (Themenbild)

Das Landgericht Hannover verhandelt seit Donnerstag in einem Berufungsprozess wegen Wuchers gegen einen Schlüsseldienst-Monteur. Das Amtsgericht Burgwedel hatte ihn im Sommer vergangenen Jahres zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 25-Jährige die Notsituation eines Elternpaares in Burgwedel ausgenutzt und einen Wucherpreis für seine Dienste verlangt hatte. Dagegen hatte er Berufung eingelegt. Wie bereits im ersten Prozess bestritt er vor dem Landgericht erneut, bei dem Elternpaar überhaupt gewesen zu sein. Sowohl vor dem Amtsgericht Burgwedel als auch jetzt vor dem Landgericht Hannover gaben die Geschädigten an, den Angeklagten wiederzuerkennen.

VIDEO: Wucher? Schlüsseldienst-Monteur vor Gericht (2 Min)

Ermittlungen gegen Cousin wegen ähnlicher Verfahren

Er habe seinem Cousin, der einen Schlüsseldienst in Essen betreibt, seine Handynummer überlassen, sagte der Angeklagte. Am Einsatzort sei er nicht gewesen. Der 24-jährige Cousin war als Zeuge vor dem Landgericht geladen. Er sagte aus, damals mit seinem Sub-Unternehmen im Raum Hannover unterwegs gewesen zu sein. An den konkreten Fall könne er sich aber nicht erinnern. Nach Angaben einer Verteidigerin wird gegen den 24-Jährigen in mehreren ähnlichen Verfahren im norddeutschen Raum ermittelt. Die Geschädigten gaben vor Gericht an, dass der Cousin, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Angeklagten hat, als Täter aber nicht infrage komme.

Zweijährige Tochter allein in der Wohnung

Als die Geschädigten vor knapp zwei Jahren den Schlüsseldienst riefen, steckten sie in einer Notsituation. Als die Mutter vom Wäschewegbringen in den Keller zurückgekommen war, konnte sie mit ihrem Schlüssel die Wohnungstür nicht mehr öffnen. Ihre damals zweijährige Tochter befand sich zu diesem Zeitpunkt allein in der Wohnung. Der Ehemann eilte von seiner Arbeitsstelle herbei, aber auch er konnte die Tür nicht öffnen. Er googelte einen Schlüsseldienst und landete in einem Call-Center. Der Monteur des Schlüsseldienstes habe ihn als erstes eine Rechnung in Höhe von rund 200 Euro unterschreiben lassen. Wie der Vater vor Gericht schilderte, ergänzte der Monteur diese im Laufe seines kurzen Einsatzes, bei dem er die Tür mit einem Draht öffnete und den Schließzylinder austauschte, immer wieder.

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Ein Türschloss wird aufgebohrt © imago/Götz Schleser

Dubiose Schlüsseldienste: Abzocke vermeiden

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Vater: "Ich war wie blind"

Am Ende kam eine Summe von 746,96 heraus. Der Monteur habe ihn gedrängt, diese sofort mit EC-Karte zu begleichen. Das Geld werde ohnehin von der Versicherung erstattet, habe er dabei immer wieder beteuert. "Ich war wie blind", sagte der Geschädigte vor Gericht. "Der Verstand war in dem Moment wie ausgeschaltet, weil man in dieser Schocksituation war." So hatte auch das Amtsgericht geurteilt, dass der Angeklagte die Situation der Geschädigten gezielt ausgenutzt hatte. Das Gericht verurteilte den 24-Jährigen wegen Wuchers zu einer Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu jeweils 10 Euro. Denn nach Feststellung des Amtsgerichts liegt der marktübliche Preis für die Leistung, die der Monteur bei den Eltern erbracht hatte, bei 200 Euro. Ein Gutachter am Landgericht Hannover schätzte den Preis dafür noch geringer ein.

Google unterbindet Werbeanzeigen dubioser Dienste

Dem Gutachter zufolge gibt es inzwischen mehr unseriöse Schlüsseldienste als seriöse. Lange Zeit hätten die unseriösen Anbieter Anzeigen bei Google geschaltet, um bei einer Suche ganz oben zu erscheinen und den Anschein eines örtlichen Unternehmens zu wecken. Das ist allerdings sei Mai 2019 nicht mehr möglich. "Zum Schutz der Nutzer haben wir entschieden, Anzeigen für Schlüsseldienste in Deutschland bis auf weiteres zu pausieren", sagte eine Google-Sprecherin. Google strebt für Deutschland einen Zertifizierungsprozess an, wie es ihn bereits in den USA und Kanada gibt.

Verbraucherzentrale: Preis am Telefonat aushandeln

Dass Google seine Anzeigen-Praxis im Fall der Schlüsseldienste geändert hat, bemerkt auch die Verbraucherzentrale Niedersachsen. Dort waren 2018 noch rund 300 Beratungsanfragen zum Thema unseriöse Schlüsseldienste oder Rohrreiniger eingegangen, 2019 waren es nur noch 170. Nach Einschätzung der Verbraucherschützer meldet sich aber nur ein Bruchteil der Betroffenen, während viele erst gar nicht versuchten, ihr Geld zurückzubekommen. Die Verbraucherzentrale rät dazu, bereits bei der Beauftragung eines Schlüsseldienstes am Telefon einen Festpreis auszumachen. Zudem sollten Betroffene nicht direkt nach der Türöffnung zahlen, sondern auf eine Rechnung bestehen. Sollte der Monteur daraufhin Druck aufbauen, rät die Verbraucherzentrale, die Polizei einzuschalten.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 09.01.2020 | 17:00 Uhr

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