Stand: 02.10.2018 15:01 Uhr

Säure-Opfer stehen 250.000 Euro Schmerzensgeld zu

Das Säure-Opfer Vanessa Münstermann hat einen Rechtsanspruch auf 250.000 Euro Schmerzensgeld. Das hat das Landgericht Hannover am Dienstag entschieden. Die 29-Jährige hatte das Geld in einem Zivilprozess von ihrem Ex-Freund gefordert. Der heute 35 Jahre alte Täter ist bereits strafrechtlich wegen schwerer Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Er hatte im Februar 2016 Münstermann mit Schwefelsäure haltigem Abflussreiniger übergossen, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte. "Ich bin total glücklich über die Entscheidung", sagte Münstermann, wie der Sprecher des von ihr gegründeten Opferhilfe-Vereins über ihre erste Reaktion berichtete. Sie selbst erschien am Dienstag nicht vor Gericht. Die Entscheidung kann noch angefochten werden.

Münstermann nach Attacke entstellt

"250.000 Euro sind ein hohes Schmerzensgeld im deutschen Recht", sagte Gerichtssprecher Hans-Christian Rümke dem NDR. Doch die Kammer hält es für passend. Im Wesentlichen gehe es um die Vergleichbarkeit zu vorherigen Fällen. Die aber sei im Fall von Münstermann, die durch die Attacke ein Auge und teilweise ihr Gehör verlor und seitdem erheblich entstellt ist, nicht gegeben gewesen. In einem Zivilrechtsprozess hätte das Schmerzensgeld sogar noch höher ausfallen können.

"Schaden nicht mit Geld zu bemessen"

Bei dem Urteil habe das Gericht Funktionen des Schmerzensgeldes berücksichtigt: Dabei gehe es auch um die Genugtuung für das Opfers. Entscheidend sei auch der Beschluss des Täters gewesen, sein Opfer "hässlich" machen zu wollen. Münstermann verlor durch die Attacke etwa ein Auge und erlitt erhebliche Entstellungen. "Der Schaden ist in Geld nicht zu bemessen", sagte Rümke.

Bekommt Münstermann das Geld ausgezahlt?

Ob die Entscheidung Münstermann tatsächlich auch wirtschaftlich etwas einbringt, stehe in den Sternen, sagte Sprecher Rümke. Der Beklagte verfüge wegen seiner Haftstrafe wahrscheinlich über wenige Möglichkeiten Geld zu verdienen. Münstermann habe aber vor, mit Hilfe eines Gerichtsvollziehers zumindest einen Teil des Schmerzensgeldes zu bekommen, sagte der Sprecher ihres Vereins. "Den Atem von Vanessa wird er immer spüren." Bleibt es bei dem Urteil, ist der Weg über den Gerichtsvollzieher Münstermann gutes Recht. Sie kann auf diesem Weg 30 Jahre lang immer wieder versuchen, zumindest an einen Teil des Geldes zu kommen. Die Summe liegt am Ende sogar noch über 250.000 Euro, weil es zu verzinsen sei, erklärte der Gerichtssprecher.

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Der Täter, ihr Ex-Freund, ist zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.
Eltern des Täters müssen nicht zahlen

Die Eltern des Täters, die wohlhabend sein sollen, müssen laut Gerichtssprecher nicht für ihren Sohn aufkommen. Sollte durch Erbe oder einen Pflichtteilsanspruch Geld von deren Seite fließen, müsste dieses Vermögen vom Täter an Münstermann abgegeben werden. Wenige Monate nach der Tat hatten die Eltern Münstermann 50.000 Euro zukommen lassen. Weitere 100.000 Euro stellten sie in Aussicht. Das Opfer hatte "das Schweigegeld", wie Münstermann es nannte, abgelehnt. "Möglicherweise wäre das für die Klägerin wirtschaftlich etwas attraktiver gewesen, als die Entscheidung jetzt", so Rümke nach der Urteilsverkündung.

Münstermann ist Mutter geworden

Mittlerweile lebt sie wieder in einer Partnerschaft, gemeinsam mit ihrer Jugendliebe hat sie vor wenigen Monaten ein Kind bekommen. Sie engagiert sich in ihrem Verein, mit dem sie Menschen helfen will, die in einer ähnlichen Lage sind. Der Austausch mit ihnen gebe auch ihr selbst Kraft und helfe ihr, das Geschehene zu verarbeiten, sagte sie.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 02.10.2018 | 12:00 Uhr

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