Stand: 18.11.2016 11:08 Uhr

Radikalisierte Schüler - was können Lehrer tun?

von Tino Nowitzki
Nicht nur der Fall Safia S. hat gezeigt: Radikalisierung unter Jugendlichen gibt es auch in Deutschland. Ein Projekt der Uni Hildesheim und des LKA soll Lehrer besser vorbereiten. (Themenbild)

Von jetzt auf gleich zieht sie ein Messer und sticht zu. Aus Hass vermutlich, auf "Ungläubige", auf den Staat, auf alles, was nicht in ihr Weltbild passt. Safia S. ist der Name des Mädchens aus Hannover und sie ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 15 Jahre alt. Fanatismus ist keine Sache von Erwachsenen. Radikalisierung beginnt früh - schon bei Schülern. Deswegen sind es oft Lehrer, die mit dem Phänomen zuerst in Berührung kommen. Doch darauf vorbereitet sind sie selten. Wie erkennt man radikale Schüler? Und was kann man dagegen tun? Eine Fortbildung des Landeskriminalamtes (LKA) und der Uni Hildesheim soll helfen. Dort geht es längst nicht nur um das Problem des Salafismus. Eine Erkenntnis: Manche Jugendliche sind generell offen für radikale Ideologien.

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Salafismus ist neu für viele Lehrer

Terrorzellen, rechte Jugendgruppen, salafistische Rekrutierungen: "Wenn Lehrer in den Medien heute davon hören, wollen sie natürlich im Unterricht eine Antwort darauf finden", sagt der Dozent für Geschichte an der Uni Hildesheim, Andreas Pudlat. Das Problem: islamistischer Radikalismus ist ein relativ neues gesellschaftliches Problem - in der klassischen Lehrerausbildung wurde er bislang kaum thematisiert. Seit drei Jahren gibt es deswegen die Kooperation zwischen seinem Institut und dem LKA. Auch weil besonders Hildesheim in jüngster Zeit als eine Hochburg des radikalen Salafismus in Deutschland bekannt geworden ist. Uni und LKA geben regelmäßige Schulungen, in denen Lehrern und Lehramtsstudenten das Thema Radikalismus unter Jugendlichen näher gebracht werden soll. Eine der wichtigsten Fragen lautet: Wie erkennt man radikale Jugendliche eigentlich?

Ein Bart macht noch keinen Islamisten

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Ein Bart, spezielle Kleidung oder eine ausgeprägte Religiosität sind noch kein Zeichen von Radikalisierung, so die Experten. (Themenbild)

Besonders im Bereich des islamischen Radikalismus sei das schwierig, sagt Pudlat. Auch sein Kooperationspartner, Andreas Schwegel vom LKA meint: "Es gibt da keine Standardprofile." Vor allem Äußerlichkeiten, etwa ein Bart oder die Kleidung, seien kein stichhaltiger Hinweis. Lehrer sollten stattdessen immer das gesamte Verhalten von Schülern beobachten. Aber auch hier gelte: Nach außen getragene Religiosität ist per se kein Zeichen von Radikalisierung. Vor allem, weil gewisse Abgrenzungen und Selbstfindungsphasen bei Jugendlichen durchaus normal seien. Zu schnell stigmatisiere man da ungerecht, so Schwegel. Aber: "Bricht ein Schüler alle sozialen Kontakte ab, vor allem zu sogenannten Ungläubigen, sollte man wachsam werden", so der Beamte. Kritisch werde es, wenn ein Schüler auf aggressive Weise versucht, andere zu missionieren. Oder wenn er Symbole wie die Flagge des "IS" zeigt. Auch der plötzliche Wunsch auszureisen kann natürlich ein Warnsignal sein, meint Schwegel. Dann besteht Handlungsbedarf.

Auf fanatische Schüler "neugierig zugehen"

Für den LKA-Beamten ist klar: Benimmt sich ein Schüler aggressiv oder will ausreisen, sollten Lehrer nicht zögern, zur Polizei zu gehen. Die kann dann beispielsweise den Pass entziehen. In nicht ganz so eindeutigen Fällen gibt es für Lehrer neben den Experten der Universität Hildesheim weitere Ansprechpartner - etwa Beraten e.V. in Hannover, eine Beratungsstelle zur Prävention. Lehrer, aber auch Eltern und andere Betroffene können sich an diese Stelle wenden. Hier sieht man die Sache vielschichtig: "Die Polizei sollte nur in Extremfällen eingeschaltet werden", sagt Christian Hantel von Beraten e.V. Wichtiger sei es, mit dem betreffenden Schüler Gespräche zu suchen und in einer offenen, neugierigen Verbindung zu bleiben - auch, um möglichst viel über dessen Gesinnung zu erfahren. "Auf keinen Fall darf man sich da auf theologische Diskurse einlassen", so Hantel. Auch zu versuchen, den Schüler vom Gegenteil seiner Ansichten zu überzeugen, sei falsch: "Der macht dann nur zu."

"Endlich dazugehören"

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Auch Safia S. wurde von Menschen wie dem Prediger Pierre Vogel radikalisiert, die ihr das Gefühl von Zugehörigkeit gegeben haben. (Screenshot)

Das habe auch mit den Ursachen für die Radikalisierung Jugendlicher zu tun. "Oft liegen dem belastete Familienbeziehungen zu Grunde", sagt Hantel. Dazu würden junge Menschen in der heutigen Welt von vielen Seiten überfrachtet. Jugendliche, die sich solchen Bewegungen zuwenden, seien oft labil, suchten nach Halt und Anerkennung. Hantel: "Im Salafismus wird denen dann klar gesagt: 'Das darfst du und das nicht.' Dazu kommt, dass sich die Salafisten als die 'besten Menschen' bezeichnen." Kurz: Junge Menschen hätten das Gefühl, endlich dazuzugehören. Dass das fruchtet, zeigen Zahlen des LKA: Zählte man in Deutschland 2011 etwa 3.800 Salafisten, lag die Zahl im letzten Jahr schon bei 7.900 - alleine 480 davon in Niedersachsen. Auch Hantel sagt: "Wir haben ständig mehr Fälle." Das gelte auch für Mädchen. Für sie sei laut Hantel das konservative Frauenbild im Islam eine Art Gegenentwurf zum Bild der Frau in unserer Gesellschaft.

Filme gegen Klischees

Doch nicht nur Islamismus ist ein Problem, ist sich Andreas Pudlat von der Uni Hildesheim sicher. Deswegen bildet er Lehrer und solche, die es werden wollen, auch in Sachen Rechts- und Linksextremismus fort. Viele Kriterien treffen hier genauso zu: Symbole wie das Hakenkreuz oder das Anarchiezeichen oder szenetypische Kleidung seien allenfalls Hinweise - aber nichts Konkretes. Und auch hier suchten Schüler nach Zugehörigkeit, sagt Pudlat. Die Uni und das LKA stellen Medienpakete für Schulen zusammen. Dazu gehören auch Filme für den Unterricht wie "My Jihad" oder "Radikal". Dass das der richtige Ansatz ist, davon ist auch Lehrer Enrico Jahn aus Hildesheim überzeugt: "Schüler sollen lernen, nicht auf jeden hereinzufallen, der einem irgendwelche Klischees anbietet." Radikalisierung unter Jugendlichen? Generell sieht Jahn dabei nicht nur die Schulen in der Pflicht: "Es ist unser aller Aufgabe unsere Kinder vor solchen Gefährdungen zu schützen."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 19.10.2016 | 19:30 Uhr

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