Stand: 16.06.2021 09:00 Uhr

"Denke nicht, dass wir mit einer Insolvenzwelle rechnen müssen"

Niedersachsens Finanzminister Reinhold Hilbers (CDU) fordert einen "Kassensturz" nach der Corona-Pandemie - doch was heißt das für uns? Zeit für ein Gespräch mit einem Finanzexperten. NDR.de hat Stephan Thomsen befragt. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hannover.

Professor Stephan Thomsen posiert für ein Foto. © Stephan Thomsen
Stephan Thomsen ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hannover.

Herr Thomsen, Niedersachsens Finanzminister Hilbers kündigte im Hinblick auf die Corona-Pandemie just einen "Kassensturz" an - was kommt da auf uns zu?

Stephan Thomsen: Einsparungen wird es im öffentlichen Haushalt geben, das ist aus ökonomischer Sicht nichts Verkehrtes. Aber: Es ist wichtig, die investiven Bereiche nicht zu vernachlässigen, vor allem die Infrastruktur. Ein Beispiel sind die Schulen: Wenn da Gelder fehlen, fehlt es an funktionaler Stelle.

Wie hart werden uns diese Pandemie und ihre Folgen aus finanzieller Sicht treffen?

Stephan Thomsen: Ich denke nicht, dass wir mit einer großen Insolvenzwelle rechnen müssen. Es gibt zwar keine boomende Konjunktur, doch einen hohen Nachhol-Konsum. Wir erleben auch keine strukturelle Krise mit einem nachhaltigen Zusammenbruch der Nachfrage. Viele Bereiche, die geschlossen waren, etwa Gastronomie oder Tourismus, haben zudem keine so hohe Wertschöpfung wie etwa die Industrie. In der Gastronomie beispielsweise arbeitet zwar viel Personal, aber oft auch geringfügig beschäftigt. Die Branche wird schnell wieder zurückkommen - auch wenn es natürlich in jedem Einzelfall, bei der ein Betrieb schließen musste, schade um ein Lebenswerk ist.

Welche Bereiche werden aus Ihrer Sicht besonders betroffen sein?

Stephan Thomsen: Den Bildungs- und Hochschulbetrieb sollte man nicht unterschätzen, gerade in langfristiger Hinsicht. Es ist noch absolut unklar, wie viel der Distanzunterricht gebracht hat, auch der in den Schulen. Es wird Unterschiede im Wissensniveau geben, es wird viel verloren gegangen sein kann. Und zwar nicht nur bei der schulischen Ausbildung, sondern auch in nebenschulischen Angeboten wie zum Beispiel beim Schwimm- oder Musikunterricht. Bei den Studierenden, jungen Menschen, fehlen die entsprechenden Netzwerke, die Emanzipation. Sie sind sehr stark durchs Raster gefallen: Die Unis sind mittlerweile seit drei Semestern geschlossen. Dabei ist das de facto die nächste Gruppe, die ihr Arbeitsleben beginnt, um die besonderen Belastungen volkswirtschaftlich abzufedern. Auch viele Familien standen durch die Schließung von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen unter besonderen Belastungen. Es wird mehr psychosoziale Leiden geben, das ist ein sehr sensibler Bereich. Diese Folgen werden sich langfristig natürlich auch in Kosten niederschlagen. Bestimmte Gruppen hatten ganz offensichtlich zu wenig Lobby.

Weitere Informationen
Ein Schlosser bei der Arbeit in einem mittelständischem Betrieb. © picture-alliance /dpa ZB-Special

Wie Niedersachsens Wirtschaft den Weg aus der Pandemie sucht

Die Corona-Pandemie hat einigen Wirtschaftszweigen stark zugesetzt. Auch der öffentliche Haushalt wurde belastet. (05.06.21) mehr

Festhalten an der "Schwarzen Null" oder in dieser Ausnahmesituation doch neue Schulden - was ist Ihrer Meinung nach jetzt der bessere Weg für das Land?

Stephan Thomsen: Wir brauchen Investitionen, das war schon vor der Krise so. Es wurde sehr viel Geld aufgewandt, um die Krise zu überwinden, aber es handelt sich dabei nur zum Teil um Gelder, die auch Investitionen nach sich ziehen. Viele Unternehmen mussten an ihre Reserven gehen oder Schulden machen. Diese werden jetzt zur Belastung. Gerade in Verbindung mit dem demografischen Wandel sind das Belastungen, die kommen werden und die nicht abwendbar sind. Eine Schuldenbremse ist als Ziel daher sinnvoll. Wenn eine solche Ausnahmesituation zu Ende ist, müssen wir auch zu einem verhältnismäßigen Ausgabenverhalten zurückkommen, das nicht über die Belastungsgrenze hinausgeht. Die Staatsverschuldung hat sich durch die Corona-Krise erhöht wie noch nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte, der Schuldenberg ist da. Aber: Strukturelle Probleme bestanden bereits vorher und müssen nun mit Priorität angegangen werden. Dabei ist eine Konsolidierung der Finanzen sinnvoll.

Wo ist es aus Ihrer Sicht im ökonomischen Umgang mit der Pandemie zu Versäumnissen gekommen? Was hätte besser gelöst werden können?

Stephan Thomsen: Das ist eine schwere Frage. Ich denke, für eine Bewertung ist es hier noch zu früh. Es war, es ist eine gesellschaftliche Extremsituation, es gibt keine Vergleichssituation, die direkt als seriöser Maßstab dienen kann. Ein Beispiel: Um eine mutmaßlich infizierte Lehrkraft in Niedersachsen zu finden, wurden im Durchschnitt so viele Testungen durchgeführt, dass die Kosten fast so hoch waren wie das Jahresgehalt eines Lehrers. Das erscheint ökonomisch natürlich irrational. Aber: Gab es eine wirkliche Alternative? Die Bewertung erfordert deutlich mehr als einen reinen Kostenvergleich, der unter anderem die psychologischen Folgen wie zum Beispiel die immateriellen Kosten der Furcht vor einer neuen Welle ignoriert. Sicherheit war wichtiger als die unmittelbare wirtschaftliche Belastung. Ich habe hohen Respekt vor der Politik in dieser Krise. Sie hatte eigentlich immer nur die Möglichkeit, ein Falsch gegen ein anderes Falsch abzuwägen. Im Nachgang einzelne Entscheidungen ohne Berücksichtigung der Gesamtsituation zu beurteilen, wird da schnell wohlfeil.

Weitere Informationen
Axel von der Ohe, Kämmerer der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover © picture alliance/dpa Foto: Holger Hollemann

Corona-Krise: Niedersachsens Kommunen befürchten Defizite

Hannovers Kämmerer Axel von der Ohe fordert deshalb einen Schutzschirm, um Steuerausfälle zu kompensieren. (02.06.21) mehr

Könnte diese Krise auch positive Begleiterscheinungen mit sich bringen und wenn ja welche?

Stephan Thomsen: Corona hat gezeigt, was digital möglich ist, wie viel Digitalisierung möglich ist. Besonders in der öffentlichen Verwaltung sind einige Sachen drastisch verändert worden - Stichwort Bürokratieabbau in der Verwaltung. Auch einige Dinge aus dem Arbeiten von Zuhause werden sicherlich überleben und das Arbeiten flexibler, familienverträglicher machen. Wir haben gesehen, dass es gehen kann. Meine Hoffnung ist, dass wir nach Corona etwas mehr Demut erfahren im Hinblick auf unseren Lebensstil, nachdem sich alle beschränken mussten. Am Ende geht es dabei um Erwartungen, um ein "Was steht mir zu?" und "Was benötige ich wirklich?" - etwa bei Wohnungen oder im Hinblick auf Reisen.

Das Interview führte Nils Hartung.

Weitere Informationen
Person steht mit einer Schürze bekleidet am Grill, im Hintergund essen und trinken Leute. © Fotolia Foto: Kzenon

Corona in Niedersachsen: Die wichtigsten Regeln im Überblick

Treffen mit Freunden, Familienfeiern oder Discobesuch - was muss ich wo beachten? Die Regeln auf einen Blick. mehr

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau © picture alliance/dpa Foto: Moritz Frankenberg

Corona in Niedersachsen: Inzidenz steigt leicht auf 15,8

Das Robert Koch-Institut meldet 276 Neuinfektionen und einen weiteren Todesfall im Zusammenhang mit Corona. mehr

Menschen tanzen in einem Club. © picture alliance/dpa Foto: Felix Kästle

Corona-Ansteckungen: Niedersachsen legt Fokus auf junge Leute

15- bis 34-Jährige machen den größten Teil der Neuinfizierten aus. Hier gibt es auch noch die meisten Nicht-Geimpften. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 14.06.2021 | 09:00 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

In Hamburg wird eine Seniorin gegen das Coronavirus geimpft. © picture alliance / dpa Foto: Christian Charisius

Corona in Niedersachsen: Dritte Impfung für Senioren geplant

Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens rechnet damit, dass der Schutz jährlich erneuert werden muss. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen