Saman Yussuf (Schüler), Kalsom Orya (Schülerin),	Marie Lassan (Klassenlehrerin) und	Matthias Meyer (Klassenlehrer). Von oben links nach unten rechts © NDR

NDR Serie: Die Klasse 9b - ab jetzt auch von zu Hause

Stand: 28.01.2021 06:55 Uhr

Der NDR begleitet die Klasse 9b der Leonore-Goldschmidt-Schule in Hannover-Mühlenberg durch das gesamte Schuljahr. Diesmal geht es um Homeschooling in Zeiten von Corona.

von Tobias Hartmann

Dicke, kuschelige Norwegersocken. Der Vorteil am Homeschooling: Klassenlehrerin Marie Lassan kann sie einfach anlassen. Es ist kurz vor halb neun, sie sitzt am Esstisch im Wohnzimmer. Der Laptop ist aufgeklappt, der Unterricht kann beginnen. Anstatt des Schulgongs ertönen die Beatles mit ihrem Song "Good day sunshine". Jeden Morgen darf sich ein Schüler oder eine Schülerin der 9b einen Song wünschen. Heute ist es der Wunsch von Matthias Meyer aus dem Klassenlehrer-Team, der ebenfalls von zu Hause aus zugeschaltet ist in die Videokonferenz.

"Da kriege ich Kopfschmerzen"

Der letzte Ton des Liedes ist noch nicht vorbei, da meldet sich bereits der 15-jährige Saman: "Boah, Herr Meyer, da kriege ich Kopfschmerzen von." Tatsächlich stehen die Gute-Laune-Klänge der Beatles im krassen Gegensatz zur momentanen Gefühlslage der meisten Schüler und Schülerinnen.

Der Corona-Koller

"Was ist das eigentlich für ein Leben? Jeden Tag stehe ich auf, mache die Kamera an meinem Computer an, mache Hausaufgaben, ich gehe was essen, mache wieder Hausaufgaben und dann gehe ich schlafen. Das jeden Tag und jetzt wird das nochmal verlängert. Ist das noch ein Leben?", fasst es Saman deprimiert zusammen.

Saman via Kamera

"Wo bist du eigentlich, Saman, bist du noch im Bett?", will Klassenlehrerin Marie Lassan wissen. Denn das kleine Videofenster auf dem Laptop zeigt ein fast komplett dunkles Bild. Ein Gesicht zu erkennen, schwierig. Aber immerhin hat Saman seine Kamera eingeschaltet. Viele seiner Klassenkameraden haben das nicht gemacht. Das Klassenlehrer-Team sieht dann nur ein graues Feld mit einem Strichmännchen.

Marie Lassan geht die Anwesenheitsliste durch. Manche sind überhaupt nicht dabei. Bei einer Schülerin liegt es am fehlenden Internet und ihr Guthaben vom Handy sei aufgebraucht, so berichtet es die Freundin.

Digital klappt besser - aber nicht für alle

Der digitale Unterricht klappt jetzt schon wesentlich besser als im ersten Lock-Down, da sind sich hier alle einig. Aber die Bildungsschere, die klafft immer weiter auseinander. "Die, die ohnehin gut sind, die kriegen das Ganze gut hin und diejenigen, die schwere familiäre Situationen zu Hause haben oder aus bildungsferneren Familien kommen, die tauchen jetzt ganz ab. Es ist sehr schwierig für uns als Lehrkräfte, da heranzukommen", so Lassan.

Zu siebt im Homeoffice

Kollege Meyer ergänzt: "Ich weiß zum Beispiel von einer Schülerin, die sind zu siebt, also sieben Kinder und alle Kinder sind gerade im Homeoffice. Da kann man sich natürlich vorstellen, dass es da nicht so viele Geräte gibt, dass da jeder konzentriert arbeiten kann oder wirklich einen eigenen Raum hat. Da ist es natürlich echt eine Herausforderung, den Tag zu strukturieren."

Mit dem Töchterchen auf dem Schoß

Aber auch für das Lehrer-Team ist das Unterrichten von zu Hause eine Herausforderung. Meyer hat seine neun Monate alte Tochter auf dem Schoß. Seine Frau sitzt im Nebenzimmer, ebenfalls in einer mehrstündigen Videokonferenz. "Wenn ich momentan den Unterricht vorbereite, mache ich das meistens nachts oder morgens um 5 Uhr", sagt der 40-Jährige.

Aus eins mach viele - die Breakout-Sessions

Einige "Tools" findet Marie Lassan beim Homeschooling aber auch praktisch. Ein paar Mausklicks und sie hat aus der 30-köpfigen Videokonferenz mehrere Kleingruppen gemacht. "Ich habe die jetzt in eine Breakout-Session geschickt", sagt die 28-Jährige. Virtuelle Kleingruppen, in denen sich die Schüler und Schülerinnen jetzt gegenseitig das selbstgeschriebene Ende ihrer Kurzgeschichte vorlesen sollen. Und mit einem weiteren Mausklick kann sich Lassan in jede Kleingruppe einklinken.

Funktionen von denen Lehrer träumen

Marie Lassan muss Alexander wiederholt daran erinnern, dass er nicht immer dazwischen reden soll. Er soll sich melden. Auch das funtioniert digital, indem man mit einer gelben Hand auf sich aufmerksam macht. Falls die Schüler und Schülerinnen diese Regel nicht beachten, bietet sich hier im Homeschooling dem Klassenlehrerteam eine praktische Lösung: Sie können einfach das Mikrofon von einzelnen Teilnehmern stummschalten. "Ich glaube, das ist eine Funktion, die sich schon jede Lehrkraft auch mal im Klassenzimmer gewünscht hat", sagt Lassan mit einem Grinsen.

Donnerstag gibt's Zeugnisse

Am Ende der heutigen digitalen Einheit gibt es noch einen wichtigen Hinweis für alle. Zeugnisausgabe. Am Donnerstag. Zwischen 9.30 und 10.30 vor dem Schulgebäude. Ganz Analog. Alle freuen sich. Denn endlich gibt es mal wieder einen wichtigen Grund, die Wohnung zu verlassen. Denn das Schlimmste ist, da sind sich hier alle einig, wenn ihre Eltern sie auffordern, endlich mal wieder rauszugehen. "Das Wort 'Spazierengehen' kann ich schon nicht mehr hören", sagt der 14-jährige Luke.

Die Videokonferenz ist zu Ende. Und jetzt müssen die schönen, warmen Wollsocken doch erstmal ohne ihre Besitzerin auskommen. Marie Lassan muss in die Schule. Die Zeugnisse unterschreiben.

Die Leonore-Goldschmidt-Schule, auch als IGS Mühlenberg bekannt, ist eine Gesamtschule im hannoverschen Stadtteil Mühlenberg. Mit 2.000 Schülern und 150 Lehrern ist sie eine der größten Schulen in Hannover.

Einmal im Monat wird der NDR im Fernsehen bei Hallo Niedersachsen, im Hörfunk bei NDR 1 Niedersachsen und online bei ndr.de/Niedersachsen über die 9b berichten.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.01.2020 | 19:30 Uhr

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