Stand: 23.06.2019 15:02 Uhr

Lügde: In dieser Woche beginnt der Prozess

Es sind Verbrechen, deren Skrupellosigkeit und Brutalität einfach nur fassungslos machen: Über einen Zeitraum von fast 20 Jahren sollen zwei Männer auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) an der Landesgrenze zu Niedersachsen mehr als 40 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Die jüngsten Opfer waren laut Anklage gerade einmal vier Jahre alt. Ein 49-Jähriger aus Stade soll die Taten im Internet verfolgt und teilweise zu ihnen angestiftet haben. Ab Donnerstag müssen sich die drei Männer vor dem Landgericht Detmold verantworten. Die ARD zeigt anlässlich des Prozessbeginns am Mittwoch um 22.45 Uhr die Dokumentation "Lügde: Die Kinder, die keiner schützte".

Polizeiabsperrband vor einem Campingwagen.

Fall Lügde: Das System des Täters

Hallo Niedersachsen -

Über Jahrzehnte soll Andreas V. auf einem Campingplatz in Lügde Kinder vergewaltigt haben. Offenbar nutzte der Täter die Bedürftigkeit der Kinder aus.

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Hunderte Taten angeklagt

Das Ausmaß der Taten ist immens: Allein dem 56-jährigen Hauptangeklagten werden 298 Fälle vorgeworfen. Er soll insgesamt 23 Mädchen missbraucht und mindestens zehn von ihnen vergewaltigt haben. Der zweite Angeklagte - ein 34-Jähriger aus Steinheim - hat sich laut Staatsanwaltschaft an acht Mädchen und neun Jungen vergangen. Hier ist die Rede von insgesamt 162 Taten - darunter ebenfalls Vergewaltigungen. Die Missbrauchsfälle waren ans Licht gekommen, nachdem die Mutter eines zehnjährigen Opfers Ende 2018 Strafanzeige gegen den 56-Jährigen gestellt hatte.

Polizisten gehen Hinweise nicht nach

Für Entsetzen sorgen im Laufe der Ermittlungen immer neue Hinweise auf Pannen und Behördenversagen. Bereits im Januar leitet die Staatsanwaltschaft Detmold Strafverfahren gegen zwei Polizisten aus Lippe ein. Die Beamten sollen Missbrauchshinweise zwar an Jugendämter weitergegeben, ihnen aber nicht nachgegangen sein.

Jugendamt Hameln ignoriert offenbar Hinweise

Die Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen Mitarbeiter des Jugendamts im niedersächsischen Hameln. Obwohl es bereits 2016 Hinweise auf die pädophilen Neigungen des 56-jährigen gegeben haben soll, wurde der Hauptangeklagte als Pflegevater für ein damals fünfjähriges Mädchen eingesetzt. In diesem Zusammenhang stellt der Landkreis Hameln-Pyrmont einen Mitarbeiter des Jugendamts frei, der Akten manipuliert haben soll. Landrat Tjark Bartels (SPD) räumt daraufhin massive Fehler der Behörde ein.

Beweismaterial verschwindet aus Räumen der Polizei

Völlig unerklärlich ist auch der Verlust von Teilen des sichergestellten Beweismaterials. Aus einem Raum des Kriminalkommissariats Lippe verschwinden ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern. Zwei leitende Polizeibeamte des Landkreises Lippe müssen in der Folgezeit ihren Platz räumen. "Es wäre weniger Leid entstanden, wenn Polizei und Jugendamtsmitarbeiter ordentlich gearbeitet hätten", sagte Anwalt Roman von Alvensleben, der ein heute zehn Jahre altes Opfer vertritt. Er prüfe deshalb auch Klagen auf Schadenersatz beziehungsweise Schmerzensgeld gegen den Landkreis Hameln sowie die Länder Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Anwälte hoffen auf Geständnisse

Für den Prozess hat das Landgericht Detmold insgesamt 27 Nebenkläger zugelassen, die von 17 Anwälten vertreten werden. Von Alvensleben und seine Kollegen hoffen, dass die missbrauchten Kinder nicht vor Gericht aussagen müssen. "Ich appelliere an alle Beschuldigten, Geständnisse abzulegen", sagte der Anwalt der Deutschen Presse-Agentur. Auch unabhängig davon gibt es jede Menge Beweismaterial: Viele der Opfer wurden bereits einmal befragt, außerdem dokumentiert umfangreiches Bild- und Videomaterial die Gewalttaten.

Weitere Informationen

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 27.06.2019 | 19:30 Uhr

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