Gerhard Schröder (SPD) und Wladimir Putin umarmen sich bei einer Veranstaltung. © picture alliance Foto: Alexei Druzhinin

Kommentar zu Schröder: "Inneren Kompass völlig verloren"

Stand: 15.03.2022 20:30 Uhr

Thorsten Hapke, Chefredakteur Video, Web_Social im NDR Landesfunkhaus, kommentiert den Verzicht Gerhard Schröders auf die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hannover.

Man kennt das von trotzigen Kindern: wenn sie sich ärgern, stampfen sie mit dem Fuß auf, ziehen das Gesicht zur Grimasse und sagen: "Mir doch egal!" Genauso reagiert Gerhard Schröder: Er wirft der Stadt Hannover, die ihm die Ehrenbürgerwürde entziehen wollte, selbige vor die Füße. "Unwiderruflich", wie er schreibt. Ein Schrödersches "Mir doch egal".

Schröder: Immer wieder gegen den Strom

Wer Schröders Weg über die Jahrzehnte verfolgt hat, dem wird diese Reaktion bekannt vorkommen. Er war schon immer groß darin, gegen den Strom zu schwimmen. Die SPD kann ein Lied davon singen. Immer wieder profilierte sich Schröder gegen sozialdemokratische Grundüberzeugungen: Vom Eintreten für U-Boot-Lieferungen nach Taiwan Anfang der 1990er-Jahre bis zur Agenda 2010 zum Ende seiner Kanzlerschaft. Das verschaffte ihm nicht immer Freunde, aber in der Regel politische Mehrheiten und Anerkennung. Der Instinktpolitiker Schröder wusste eben, was in der politischen Mitte ankommt.

Thorsten Hapke © NDR/Michael Uphoff Foto: Michael Uphoff
Thorsten Hapke, Chefredakteur Video, Web_Social im NDR Landesfunkhaus, meint, Schröder habe seinen inneren Kompass völlig verloren.
Parallelen zu Ex-Kanzler Kohl

Jetzt aber hat Schröder der politische Instinkt verlassen. Seine persönliche Freundschaft zu Kriegstreiber Putin mag manchem noch als Privatsache durchgehen. Dass er aber lukrative Posten in Putins Wirtschaft behält, ist unentschuldbar. Es handelt sich schließlich um Unternehmen, die der Westen mit Sanktionen belegt hat. Auf traurige Art wiederholt sich hier die Geschichte: Auch Schröders Vorgänger Helmut Kohl vermochte es zu Lebzeiten, das eigene Denkmal zu zerstören. Kohl wollte die CDU-Parteispender nicht nennen, Schröder will Putins Posten nicht zurückgeben. Kohl verlor den CDU-Ehrenvorsitz, Schröder die Ehrenbürgerwürde seiner Heimatstadt. Eine unglückliche Parallele zwischen dem vorletzten und dem vorvorletzten deutschen Kanzler.

Schröder mag denken: "Mir doch egal." Tatsächlich aber ist es erschütternd, wie ein ehemals anerkannter Politiker so völlig seinen inneren Kompass verloren hat.

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Gerhard Schröder sitzt neben seiner Frau im Neuen Rathaus Hannover. © picture alliance/Geisler-Fotopress | Ulrich Stamm Foto: Ulrich Stamm

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 16.03.2022 | 08:00 Uhr

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