Das "New Way" in Magelsen: Hotel oder illegale Jugendhilfe?

Stand: 27.05.2021 12:47 Uhr

Im Landkreis Nienburg ist eine Dorfgaststätte zu einem Erholungsort für Jugendliche umgestaltet worden. Seitdem gibt es an den verschiedensten Stellen Probleme. Darf es so überhaupt betrieben werden?

von Bernd Reiser

Vor einem Jahr wurde aus der ehemaligen Dorfgaststätte in Magelsen das "New Way Hotel". Ein Ort, an dem sich Kinder und Jugendliche, die etwa in der Schule oder zu Hause Stress haben, vorübergehend erholen können. Doch die anfängliche Freude darüber, dass wieder Leben in die alten Backsteingemäuer einkehrt, ist bei Gemeindebürgermeister Johann Hustedt (Wählergemeinschaft Hilgermissen) längst einer gewissen Ratlosigkeit gewichen.

Prügeleien und Ruhestörungen

Regelmäßige nächtliche Ruhestörungen seien noch das geringste Problem. "Es wurde aggressiv, es wurde geprügelt, der Krankenwagen kam zeitweise einmal die Woche", erzählt Hustedt. "Das war nicht mehr okay. Also, die Leute haben tatsächlich Angst gehabt davor, dass dies hier eskalieren würde." Die Polizei sei ebenfalls deutlich häufiger im Ort, bestätigt auch Klaus Römer. Er ist direkter Nachbar des "New Way Hotels". Für ihn ist allerdings klar, dass die Jugendlichen dort keinen Kurzurlaub verbringen. "Wir sehen ja, welcher Jugendliche schon länger da ist und welcher nicht. Und ich kann Ihnen sagen, da gibt es Jugendliche, die sind schon seit September letzten Jahres hier."

Jugendamt für Hotel nicht zuständig

Kurz danach wurde auch das Jugendamt Nienburg erstmals informiert. Bei Kontrollen vor Ort sei aber keine akute Kindeswohlgefährdung festgestellt worden. Ansonsten sei man für ein Hotel auch gar nicht zuständig, sagt Ulrike Dehmel, Leiterin des Fachbereichs Jugend im Landkreis Nienburg. "Magelsen ist keine Jugendhilfeeinrichtung. Es ist angemeldet als Pension mit Frühstück, so dass wir da keine Einblicke haben", erklärt Dehmel. "Lediglich, wenn die Anwohner sich beschweren und Meldungen bei uns eingehen, gehen wir dem nach."

Keine Erlaubnis zum Betreiben einer Jugendhilfeeinrichtung

Der Besitzer  des " Hotels New Way" in Magelsen steht vor einem Feld. © NDR
Laut Alexander Mayer unterliegt das New Way Hotel nicht dem Jugend-, sondern dem Ordnungsamt.

Tatsächlich wirbt der Betreiber im Internet zwar für verschiedene pädagogische Leistungen im "New Way Hotel". Gleichzeitig ist aber klar zu lesen, dass es keine Betriebserlaubnis für eine Jugendhilfeeinrichtung gibt. Was wie ein Makel klingt, ist offenbar genau der Trick von Alexander Mayer, Geschäftsführer der "New Way Verwaltung Sozialer Dienste GmbH". Der gelernte Heim- und Jugenderzieher sagt, er habe mit einer Jugendhilfeeinrichtung nichts zu tun, sei nur Verwaltungsdienstleister und Hotelbetreiber: "Wir sind keine Einrichtung, wir unterliegen nicht dem Landesjugendamt, sondern dem Ordnungsamt." Alles sei rechtskonform.

Systemsprenger im "New Way Hotel"

Ist das "New Way Hotel" tatsächlich keine Einrichtung und unterliegt somit nicht der Heimaufsicht des Landesjugendamtes? Laut Mayer ist für die pädagogische Betreuung der in Magelsen untergebrachten Jugendlichen die Firma "Haltestelle35" verantwortlich. Ehemalige Mitarbeiterinnen genau dieser Firma widersprechen Mayer. Im "New Way Hotel" seien einige Jugendliche monatelang untergebracht. Fast alle sogenannte Systemsprenger, also besonders schwierige Fälle, die nach Paragraf 35 des Sozial-Gesetzbuchs eigentlich eine Eins-zu-Eins-Betreuung benötigen: deshalb "Haltestelle35".

Statt Eins-zu-Eins nur ein Betreuer für alle

Doch an den Wochenenden und an Feiertagen sei im "New Way Hotel" immer nur eine Aufsichtsperson vor Ort. Auch unter der Woche sei am späten Nachmittag, über die Nacht und in den frühen Morgenstunden meistens nur eine Betreuerin anwesend. Außerdem habe etwa die Hälfte des eingesetzten Personals keine pädagogische Ausbildung. Diese Kolleginnen seien oft überfordert, wenn es zu Konfliktsituationen komme. "Eine Kollegin wurde mehrfach geschubst und geschlagen, so dass sie Prellungen am Arm und Stauchungen im Nacken davongetragen hat und danach auch krankgeschrieben war", erzählt eine ehemalige Mitarbeiterin. Die körperliche Gewalt sei von einem Jugendlichen ausgegangen, und der Rest der Gruppe habe sich dann hinter den Stärksten der Gruppe gestellt. "Das war eine sehr brenzlige Situation."

Unter dem Radar der Heimaufsicht

Anfang April dieses Jahres wendet sich eine Erzieherin anonym an das Landesjugendamt. Dort ist die "Haltestelle35" bereits aus anderen Verwaltungsverfahren bekannt, teilt man auf Anfrage mit. Zum aktuellen Fall heißt es: "Nach hiesiger Auffassung ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass einzelne der dort vorgenommenen Unterbringungen […] ggfs. betriebserlaubnispflichtig sind bzw. waren." Davon sind die ehemaligen Mitarbeiterinnen überzeugt. Das "New Way" sei kein Hotel, sondern sehr wohl eine Jugendhilfeeinrichtung, die quasi unter dem Radar der Heimaufsicht des Landesjugendamtes laufe, weil eben nie eine Betriebserlaubnis beantragt wurde.

Jugendliche kommen nicht aus Niedersachsen

Doch wer sind die Jugendlichen und wie kommen sie nach Magelsen? Das Jugendamt in Nienburg hat keine Ahnung, bestätigt die Fachbereichsleiterin Ulrike Dehmel: "Wir wissen noch nicht mal, welche Jugendämter Kinder- und Jugendliche dorthin schicken." Die seien nicht verpflichtet, sich bei ihrer Behörde in Nienburg zu melden. Wir kontaktieren mehrere Jugendämter außerhalb Niedersachsens. Zwei bestätigen uns, dass sie aktuell in Magelsen Jugendliche untergebracht haben. Darunter die Stadt Witten in Nordrhein-Westfalen. Auf Grund unserer Anfrage werde man die Umstände der Unterbringung nun prüfen. "Hierzu erfolgten bereits Gespräche mit dem Jugendamt Nienburg." Warum die Jugendämter nicht schon früher nachgefragt haben, verstehen die ehemaligen Mitarbeiterinnen nicht, eine hat aber eine Vermutung. "Das Angebot von Einrichtungen, die die Systemsprenger aufnehmen, ist sehr gering. Und ich glaube, dass die Jugendämter froh sind, dass sie für die Jugendlichen überhaupt ein Zuhause auf Zeit finden."

"Es ist eine Gelddruckmaschine"

Doch wer profitiert davon? Alexander Mayer behauptet, er betreibe nur das Hotel, für die Betreuung der Jugendlichen sei er nicht zuständig. Dabei hatte er einst die Firma "Haltestelle35" gegründet - als GbR. Die sei nun aber in eine GmbH umgewandelt worden und mit der habe er nichts mehr zu tun, behauptet Mayer. Laut zuständigem Amtsgericht Walsrode ist die GmbH aber noch nicht eingetragen. Und als Gesellschafter der "Haltestelle35 GbR" hat Alexander Mayer seit Monaten kassiert. Für jeden Jugendlichen offenbar mindestens 300 Euro pro Tag. "Es ist eine Gelddruckmaschine", sagt eine der ehemaligen Mitarbeiterinnen.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betruges

Ob die Sache tatsächlich rechtlich so sauber ist, wie Mayer behauptet, will nun auch das Landesjugendamt wissen und hat die Staatsanwaltschaft Verden eingeschaltet. Die ermittelt wegen des Verdachts des Betruges und des "beharrlichen bzw. wiederholten Betreibens einer Einrichtung bzw. Unterbringung von Kindern und Jugendlichen ohne die erforderliche Erlaubnis". Vielleicht ein Lichtblick für die Nachbarn in Magelsen, die Mitarbeiter und vor allem die Jugendlichen, die eine angemessene Betreuung und zumindest die Chance verdient hätten, ihr Leben wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 24.05.2021 | 19:30 Uhr

Mehr Nachrichten aus der Region

Daniela Behrens (SPD), Gesundheitsministerin von Niedersachsen, spricht bei einem Besuch im Impfzentrum des Landkreises Cuxhaven. © picture alliance Foto: Sina Schuldt

Corona: Ministerin Behrens ist gegen baldigen "Freedom Day"

Sie spricht von Leichtsinnigkeit. Kassenärzte-Chef Gassen will Ende Oktober die Aufhebung aller Corona-Beschränkungen. mehr

Mehr Nachrichten aus Niedersachsen