Stand: 23.05.2017 14:41 Uhr

Bitte nicht anknabbern! Möbel aus Popcorn

von Tina Alfes

Rohstoffe wie Holz sind endlich. Höchste Zeit, umzudenken und Alternativen zu finden, dachten sich zwei Göttinger. Professor Alireza Kharazipour und Design-Studentin Carolin Pertsch wagten deswegen das Experiment mit Möbeln aus Popcorn. Diese stellen sie nun zum ersten Mal aus: auf der LIGNA in Hannover, der europäischen Leitmesse für Holzverarbeitung.

Das ungewöhnliche Material bleibt sichtbar

Ein bisschen versteckt stehen die drei Hocker auf dem grünen Teppich des Stands in Halle 11. Einer ist ein Turm aus runden Scheiben, ein anderer hat die Form einer aufgebockten Rolle, der dritte ist eine kleine Bank für zwei Personen. Helle Möbel, die nicht mit Farbe überzogen sind und nicht verstecken, woraus sie gemacht sind. Nur eine klare Lasur schützt das Popcorn. "Wenn man Menschen neue Materialien nahebringen will, dann muss man sie in einem Gegenstand verarbeiten. Sonst fällt es viel zu schwer, sich so etwas vorzustellen", meint Carolin Pertsch.

Vom Seegras zum Kinofutter

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Carolin Pertsch hat vor dem Popcorn-Projekt mit Seegras gearbeitet.

In ihrer Masterarbeit an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen widmet sich die gebürtige Göttingerin derzeit alternativen Materialien. Als sie das Angebot bekam, sich im Rahmen einer Semesterarbeit mit Popcorn-Platten zu beschäftigen, war sie begeistert. "Ich finde es einfach spannend, neue Werkstoffe auszuprobieren. Zu testen, was damit geht und was nicht." In ihrem vorangegangenen Projekt hatte sie bereits angeschwemmtes Seegras verarbeitet. Und jetzt also Popcorn.

Alireza Kharazipour hat die Popcorn-Platten mit seinen Studenten an der Universität Göttingen entwickelt. Vor acht Jahren kam ihm der Gedanke im Kino: Ist es möglich, Popcorn so zusammenzupressen, dass daraus stabile Platten entstehen?

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Die LIGNA 2017 in Hannover

Vom 22. bis 26. Mai 2017 findet in Hannover die LIGNA statt, eine Messe für Maschinen, Anlagen und Werkzeuge zur Holzverarbeitung. Hier geht es zur Website des Veranstalters. extern

Riesige Popcorn-Maschine sorgt für Nachschub

Zu Beginn ging es vor allem darum, Spanplatten leichter zu machen, indem ein Teil der Späne durch Popcorn ersetzt wurde. Mittlerweile entstehen reine Popcorn-Platten. Kharazipour hat ein Patent auf die Platten angemeldet und arbeitet an der nächsten Generation. Für die Herstellung wird Industriemais verwendet, der weniger Zucker und mehr Stärke hat als gewöhnlicher Mais. Normale Maiskörner haben unterschiedliche Formen, die für eine industrielle Verarbeitung ungeeignet sind. Deswegen werden für die Platten erst die Maiskörner geschrotet und dann mit Hitze und Druck zum Aufplatzen gebracht. Dadurch entstehen kleine, gleichmäßige weiße Körner. Um genügend Material für die serienmäßige Verarbeitung zu produzieren, gibt es eine zwei Tonnen schwere Popcorn-Maschine, die in Gütersloh steht und von der auch Kharazipour sein Popcorn bezieht.

Geklebt wird mit Naturharzen

Ähnlich wie die Späne einer Spanplatte und die Körner im Styropor hält allerdings auch Popcorn nicht allein durch das Pressen stabil zusammen. Auch hier müssen die Körner mit Klebstoffen verbunden werden. "Wir wollen bei den Platten aber nur natürliche Stoffe verwenden", sagt Kharazipour. Geklebt werde deswegen nur mit Naturharzen.

Möbel sollen Natur später nicht belasten

Den beiden Göttingern geht es nicht nur darum, Alternativen zu Holz zu entwickeln, sondern auch darum, ein möglichst gut biologisch abbaubares Produkt zu erarbeiten. "Wenn wir Dinge aus der Natur nehmen und daraus Objekte wie Stühle oder Schränke machen, dann dürfen wir nicht vergessen, dass wir sie der Natur irgendwann auch wieder in einer anderen Form zurückgeben", meint Carolin Pertsch.

Auch wenn Mais aufgrund seiner Anbauform und der Gefahr von Monokulturen umstritten ist, sehen die beiden Wissenschaftler ihr Projekt als einen Anfang und einen Denkanstoß in die richtige Richtung. Denn die Ressource Holz sei nun mal endlich und brauche Alternativen.

Auf dem Popcorn-Hocker ist noch ein Platz frei

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Funkbilder | 23.05.2017 | 18:00 Uhr

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