Der Kaffeeverkäufer Kenan Mercan steht an seinem Kaffeefahrrad und lächelt. © NDR Foto: Viktoria Koenigs

"Bezahl doch beim nächsten Mal": Kaffeeverkäufer setzt auf Vertrauen

Stand: 18.05.2024 09:14 Uhr

Pfingsten werden wieder viele zum Spazieren und Kaffeetrinken nutzen - auch am Maschsee in Hannover. Ein Verkäufer hier hat eine besondere Philosophie: Haben Kunden kein Bargeld, dürfen sie ihren Kaffee auch später zahlen - wann immer es ihnen passt.

von Viktoria Koenigs

Eduard Gimbel will den sonnigen Nachmittag in Hannover mit einem Eiskaffee genießen - hat aber kein Geld dabei. Den Kaffeeverkäufer Kenan Mercan hält das fehlende Geld jedoch nicht davon ab, ihm einen Kaffee in die Hand zu drücken. Sein Angebot: "Bezahl den Kaffee einfach, wenn du das nächste Mal vorbeikommst." Bei dem Vertrauensvorschuss fühlt sich Eduard erstmal unwohl, dann nimmt er an.

Kaffeeverkäufer: Kunden bezahlen, wenn sie Zeit haben

Seit drei Jahren betreibt Kenan das Kaffeefahrrad "Mocca Liebe" am Maschsee in Hannover. Kunden können bei ihm nur mit Bargeld zahlen, wer nichts im Portemonnaie hat, wird aber nicht abgewiesen. "Wegen ein paar Euro kann ich doch niemanden nach Hause schicken", sagt er. Seine Kunden sollen sich merken, wie viel ihr Kaffee gekostet hat und dann selbstständig wieder zu ihm kommen, um ihr Getränk zu bezahlen. Dass jemand sein Vertrauen ausnutzen könnte, macht ihm keine Sorgen: "Ich glaube, dass die Menschen besser sind, als in den Medien dargestellt." Und selbst wenn: ein paar Kaffees mehr oder weniger würden ihn weder reicher noch ärmer machen.

Menschen sind ehrlicher als erwartet

Einige Spaziergänger am Maschsee sind skeptisch: "In einer Großstadt wie hier kennt man sich nicht. Das werden viele ausnutzen", sagt beispielsweise Giorgio Gattei, der einen Ausflug nach Hannover gemacht hat. Doch tatsächlich funktioniert das Konzept von Kenan. In all den Jahren seien nur drei Teenager nie wiedergekommen. "Das habe ich im Vorfeld geahnt. Sie kamen kichernd zu mir und haben direkt gefragt, ob sie den Kaffee so mitnehmen dürften", so der 57-jährige Verkäufer. Vor einer Woche habe er einem Kunden die Geschichte erzählt und der habe dann die ausstehenden Kaffees der drei Mädchen bezahlt. "Das hat mich wirklich berührt." Eine andere Kundin sei sogar nach sieben Monaten noch zu ihm gekommen, um ihre Rechnung zu bezahlen.

Kaffee in Hannover: Religiöse Gründe für Vertrauen

Auf den Schildern des Kaffeefahrrads "Mocca Liebe" stehen die Preise für verschiedene Kaffeesorten. © NDR Foto: Viktoria Koenigs
Laut dem Kaffeeverkäufer Kenan funktioniert sein Konzept sehr gut. Die Menschen seien ehrlich.

Das Konzept kennt Kenan aus seiner Heimat, der Türkei. Dort würde es jeder Gastronom so handhaben. Also wollte der Verkäufer es in Deutschland genauso versuchen, auch aus religiösen Gründen. "Ich bin ein gläubiger Mann, meinen Lohn bekomme ich von meinem Schöpfer", sagt Kenan. Deswegen verlange er auch nie eine Gegenleistung. Nächstenliebe allein stecke hinter seinem Angebot jedoch auch nicht. Schließlich spreche es sich nicht nur rum, wie lecker sein Kaffee sei, meint er und lächelt.

"Pay what you want"

Solidarische Bezahlkonzepte auf Vertrauensbasis gibt es bereits seit Jahren. Bei sogenannten "pay what you want"-Angeboten können Kunden selbst entscheiden, wie viel sie bezahlen möchten. Das bieten immer wieder Cafés und kulturelle Einrichtungen an. So auch das Museum für Industriekultur Osnabrück oder der Osnabrücker Museumszug: "Nutzen Sie dieses historische Highlight und entscheiden Sie selbst, was es Ihnen wert ist", heißt es auf der Website des Museumszuges.

Für EC-Kartenzahler ein Gewinn

Bei Kenan stehen die Preise fest, aber beim Zeitpunkt der Bezahlung ist er flexibel. Viele nehmen sein Angebot allerdings nicht an, entweder, weil es ihnen unangenehm ist oder weil sie es für einen Scherz halten. Stammkunde Heiko Engel war zunächst auch skeptisch: "Anfangs habe ich ihn ausgelacht und sagte: 'ey, das wird doch nichts'. Aber Kenan ist mit Herz und Liebe dabei. Ich denke, das merken die Leute." Die Hannoveranerin Kristin Krause ist oft am Maschsee mit ihrem Fahrrad unterwegs. Sie glaubt an das Konzept von Kenan: "Viele haben nicht immer Kleingeld dabei und ich glaube, dass die Menschen so ehrlich sind."

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