Stand: 20.06.2019 06:30 Uhr

"'Asphalt' wird gebraucht als Antwort und Angebot"

von Volker Macke (Redaktionsleiter "Asphalt")
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Volker Macke leitet seit 15 Jahren die Redaktion von "Asphalt", dem Straßenmagazin aus Hannover. (Archiv)

"Man kann Obdachlosigkeit doch nicht einfach wegwaschen", sagte damals vor 25 Jahren Karin Powser, Obdachlose, Fotografin, Aktivistin und unsere spätere Mitbegründerin, empört in die Kameras der Sender. In der hannoverschen Georgstraße hatte die Mitarbeiterin eines Juweliergeschäftes einen Obdachlosen mit einem großen Eimer Wasser vor dem Laden vertrieben. Wie Abschaum. Eine Handvoll Wohnungslose hatte daraufhin vor dem Laden eine Pressekonferenz organisiert. Die menschenverachtende Wasseraktion war quasi die Initialzündung für "Asphalt", die Straßenzeitung aus Hannover für Niedersachsen.

Medium, das auch Hilfe zur Selbsthilfe leistet

Damals, als rund um den Hauptbahnhof und in der City die Obdachlosen und Junkies zahlreich, verelendet und sichtbar waren. "Asphalt" sollte eine Antwort geben auf die drängende soziale Frage: Wie kann man die Verelendung stoppen, die Würde von Obdachlosen wiederherstellen, Empathie für die Situation der Gestrandeten in der Bevölkerung erreichen? Mit einer Zeitung, ausschließlich verkauft von Armen und Wohnungslosen. Auf der Straße. "Asphalt" sollte als Medium benennen, was ist und Hilfe zur Selbsthilfe leisten als soziales Projekt.

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Kernkompetenz: Wohnungs- und Sozialpolitik

Seit 25 Jahren bietet dieses einzigartige Zwitterwesen "Asphalt" möglichst professionellen Journalismus mit einer Kernkompetenz in Sachen Wohnungs- und Sozialpolitik sowie Politik, Wissenschaft und Unterhaltung, damit die Zeitung in größeren Stückzahlen kaufbar ist. Nicht, um damit Profit zu machen. Sondern um möglichst vielen Verkäuferinnen und Verkäufern von der Straße und auf der Straße die Möglichkeit zu geben, sich mit "Asphalt" regelmäßig, aber selbstbestimmt etwas zur Stütze dazu zu verdienen. "Asphalt" ist also Mittel zum Zweck. Denn der Verkauf stärkt das im Überlebenskampf auf der Straße verloren gegangene Selbstbewusstsein.

Zur Person: Volker Macke

Volker Macke leitet seit 15 Jahren die fünfköpfige Asphalt-Redaktion. Zuvor war er bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" und als Wissenschaftsjournalist tätig. Er hat Politik, Geschichte und Jura studiert. Macke ist zudem Sprecher der deutschsprachigen Plattform im International Network of Street Papers mit knapp 30 Straßenzeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er kennt Wohnungslosigkeit mit all ihren Nöten aus eigener Erfahrung aus dem Winter 1991/92.

"Asphalt" mischt sich ein

Der "Asphalt"-Verkauf stellt wieder Augenhöhe zwischen Menschen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten her. Und der Verkauf strukturiert ein aus den Fugen geratenes Leben. Seit 25 Jahren haben so etwa 3.000 Menschen wieder Stabilität im Leben, haben teilweise eine Wohnung gefunden, sind clean geworden, sind gesundet an Leib und Seele. Natürlich sind auch einige verloren gegangen, haben es nicht geschafft. "Asphalt" ist kein Allheilmittel und kann gute Sozialpolitik nicht ersetzen. Daher mischt "Asphalt" sich ein - seriös, aber fordernd. Monat für Monat etwa 25.000 Mal. Das ist nötig, denn die Obdachlosenzahlen steigen stark. Wohnungen fehlen, manche Unterkünfte sind marode, Crack macht die Runde in der Szene. "Asphalt" wird gebraucht. Als Antwort. Und als Angebot.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 20.06.2019 | 08:00 Uhr

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